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fürchte dich nicht! Dämon! Was könntest du besitzen?

Ein Bekenntniss!

Von meinem Vater? Er ist die Liebe selbst!

Nicht von Ihrem Vater!

Von meinen Angehörigen? ... Meiner Mutter?

Nicht von Ihrer Mutter!

Die Ehre meines Namens befleckt kein Bekenntniss der Erde!

Die Ehre Ihres Namens!

Die Ehre eines Angehörigen? Ha, meines Vetters Benno?

Lucinde stockte, dann sprach sie:

Auch das nicht!

Lucinde! Ich habe Sie zu allen zeiten einen Teufel nennen hören! Sind Sie denn wirklich ein Geist der Hölle –?

Ein Mann im roten Haare sass in Ihrem Beichtstuhl! antwortete sie kalt dem fast bittenden Tone ... Er bekannte Ihnen, dass er eine Schrift in lateinischer Sprache gefunden ... Fürchten Sie nicht, dass ich die hülfe eines andern in Anspruch zu nehmen hatte, um sie zu entziffernIch erzählte Ihnen ja heute, von wem ich allesLatein gelernt!

In ihrer stimme zitterte fast eine Träne ...

Betrifft die Schrift – –? fragte der Gefolterte. Aber er wusste selbst nicht mehr, in welchen Verhältnissen er forschen sollte. Dunkel war ihm ja nur ausser dem tod seines Vaterseine, eine geheime Stelle in seinem innerensein Beruf –!

Nichts betrifft die Schrift, was Sie hindern kann, alle Prophezeiungen von Westerhof wahr zu machen! fuhr Lucinde fort und fasste sich allmählich. Werden Sie Bischof, Erzbischof, setzen Sie sich die dreifache Krone aufs Haupt –! Ein Wort von mir entwertet Ihr Dasein! Ein Wort von mir nimmt Ihrem Segen die Kraft! Ein Wort von mir, und was Sie blühend glauben, muss verwelken, was Sie für die Ewigkeit geschaffen wähnen, muss untergehen!

Wahnsinn! Wahnsinn! rief Bonaventura ausser sich ...

Dann sprechen Sie das Wesen Ihrer Kirche aus ... erwiderte sie und wollte gehen ...

IhrerunsererKirche!? ... Die Urkunde hängt mit meinem Glauben zusammen?

U n s e r m Glauben! ...

Mit der Wahrheitdieses Glaubens?

Mit dem ganzenganzen Bau der Kirche!

Ein Hohnlachen schien ringsum von den Wänden widerzuhallen ...

Bonaventura wandte sich, um sein Bewusstsein nicht zu verlieren ... Die Stirne brannte ihm ... Die zitternde Hand fuhr über die düstern Furchen hin und wischte die Vorstellungen ab, die sich aus ihr wie leibhaft zu sammeln schienen ... Schon wieder die kaum beruhigte Seele in Aufruhr versetzt? Schon wieder eine Mahnung des Zweifels? ... Wieder das Herz im Tumult wie damals, als der rätselhafte Brief aus Italien gekommen, der ihm von Fehlern der Kirche, von Huss, Savonarola, Arnold von Brescia gesprochen?

Und wie er sich wandte, um in Güte mit Lucinden sich zu verständigen, sogar sein hartes Wort: Sie sollten sich einen andern Beichtvater suchen! vielleicht zu mildern, mehrte sich sein Entsetzen ...

Lucinde war verschwunden ...

Die Stelle, wo sie noch eben wie eine Botin der Hölle gestanden, war leer.

Das Auf- und Zugehen der Tür, nichts hatte er in seinem Schrecken und der tiefsten Verlorenheit in sich selbst vernommen ... Sie war nicht da.

Selbst, als er die Tür aufriss und in die hellerleuchteten Corridore blickte, fand er nirgends eine Spur mehr ...

Nun war alles wie ein Traum.

Seine Geister rasten ...

Wahnsinniger! riefen sie ihm ... Was trotzest du mit deiner Tugend? Was mordest du dich und andere? Trittst Blüten der Menschlichkeit mit Füssen und gewinnst nur blutige Dornen dafür? Bist du nicht ein Tor mit deinem entsagenden Herzen! Lügst du nicht selbst, indem du einem Mädchen, das dich liebt, doch nurum einer andern Liebe willen kalt bist, die, verboten wie sie ist, doch in deinem Herzen tront? Tor, der du den erquickenden, berauschenden Trank der leidenschaft nicht zu kosten wagst! Wagst? Ha, ein Schatten, ein Schatten bist du, ein Spiel der Täuschung! Ein Gedankenschemen ohne Wahrheit! Ein mit bunten Kleidern behängtes Nichts! Ein Mensch ohne Leben, ohne zeugnis für den Schöpfer, der dir den Atem seines eigenen zeugungskräftigen Daseins in die Seele blies! ... O, wäre sie geblieben, riefen die Leidenschaften in ihm fort und fort, eine Secunde noch, vielleicht wäre die Maske gefallen und das Spiel, das erheuchelte, zu Ende gewesen! Der Welt hätt' ich, und wenn im arme eines Teufels, gerufen: Unmöglich, unmöglich ist die Kirche, weil das Priestertum unmöglich ist!

Zwischen dieser rasenden Nachwirkung einer in Liebe und Hass so gleichbestrickenden Frauenleidenschaft jammerte es tief wehmutsvoll in ihm: Was kann sie von dir besitzen? Was wissen? Von deinem Vater? Von uns allen –?

Noch kämpfte es in seinem inneren, als schon manche Mahnung wieder an seinen Beruf sich ihm näherte, manches Wort von ihm mechanisch gesprochen werden musste, Renate kam, plauderte und ihm fragen stellte, die er beantwortete, ohne zu wissen wie ...

Dann sah er den Hauswart, sah seine Koffer holen und in den Wagen tragen, mit dem er zur Post fahren wollte ...

Abschied nahm er von Renaten, von seinem Zimmer, von seinen Büchern, von seinem zerstörten Epheu, dessen zerrissene Blätter wie seine Ideale lagen ...

Im Hof fand er den Wagen, in den er