1858_Gutzkow_031_393.txt

hinausleuchten ...

Jetzt blieb Lucinde stehen und verwüstete erst recht den Epheu ...

Schonen Sie diese unschuldigen Blätter! rief er ...

Lucinde liess alle Blätter, die sie gerade in der Hand hatte, zu Boden sinken und suchte Bonaventura's Auge ...

Der Priester versuchte ihren blick auszuhalten ...

Sie starrte ihn an wie die Walkyre ...

Erstellte den Leuchter auf den Tisch zurück, um sich aus ihrer Nähe entfernen zu können und ins Nebenzimmer zu gehen. Die Augen niederschlagend und sich den letzten, entscheidenden Rest von Selbstbeherrschung gebend, den er solcher Herzenshärtigkeit gegenüber noch besass, hauchte er an der Tür des andern Zimmers mit erstickter, aber deutlicher stimme:

fräulein! Da ich so wenig über Ihren unglückseligen Sinn vermag, so möchte' ich ein für allemal gebeten habenSie suchen sich für jeden künftigen Fall IhresBeichtbedürfnisses einenandern Freund Ihrer Seele –!

Eine kurze tödliche Pause folgte auf dies sich im Sprechen mildernde, aber doch mit dem entschlossensten Aufdrücken der Nebentür endende kategorische Ersuchen, nie wiederzukommen und sich für immer einen andern Beichtvater zu wählen.

Lucinde verstand das tödlich entscheidende Wort.

Bald auch machte sich ihr Seelenzustand in einem furchtbaren Ausbruch Luft ...

Kein lachen stiess sie aus, auch kein Weinen ...

Es war ein Ton, der sich ihr, wie sie an der Tür stand, vom Herzen losriss, ohrzerreissend, von lachen und Weinen eine Mischung, unerhört für den Priester, der wie in Betäubung stand und sich bei alledem sagte: Jetzt oder nie! Es muss ein Ende sein! ...

Nie von ihm gesehen war auch das, was er jetzt sehen musste ...

Lucinde lag plötzlich am Boden, hingestreckt wie eine Leiche ... dicht an der Türschwelle lag sie wie leblos ... völlig starr ... beide arme lagen zu ihren Häupten weit ausgestreckt, ihr ganzer Körper war wie gelähmt ...

Erst wollte der zum Tod Erschrockene sich dennoch entfernen ...

Dann musste er bleiben ... Der Gedanke, dass Lucinde an einem plötzlichen Krampf erstickt wäre, erfüllte ihn mit Entsetzen ...

Er beugte sich zu ihr nieder, rief sie an ... ergriff ihren rechten Arm, der wie gefühllos hing ... der Hut lag im Nacken, der Shawl war ihr von ihren Schultern geglitten ... kein Glied mehr bewegte sich ...

Erst als Bonaventura sich erhob, an den Tisch eilte, auf dem das wasser stand, sein ganzes Taschentuch eingetaucht hatte und zurückkehrte, um ihr die Stirn und Schläfe zu befeuchten, regte sie sich und suchte aufzustehen ...

Sie lehnte dabei seine hülfe ab, drückte ihren Hut fest und in die Worte der Bestürzung, die er sprach, hinein erhob sie ihre stimme, faltete die hände, blieb in ihrer knieenden Stellung und rief:

Maria! ... Ich wage es doch, dich anzublicken! ... Gib mir Kraft, mein los zu tragen, wie du das deinige ertrugst! ... Sieben Schwerter durchbohrten deine Mutterbrust und du sahst doch noch die Herrlichkeit deines Sohnes! ...

Dann sprang sie auf, riss ihren Hut herab, stand wie wahnsinnig, erhob den Arm und flüsterte fast heiser:

Auch ich werde sie sehen! Gott hat die Zukunft meiner Liebe, das Glück und die Lebensruhe des grausamsten aller Menschen in meine Hand gegeben! ...

Dabei bebten durch die blendenden Zähne hindurch die von ihr wiederholten Worte Bonaventura's:

"Einen andern Freund Ihrer Seele!"

Vielleicht würde Bonaventura in einem Versuch der Aussöhnung von Lucinden geschieden sein, wenn ihn die rätselhaften Worte, die sie sprach, nicht aufs neue erschreckt, der furchtbar betonte Sinn der Drohung, der in ihnen lag, nicht befremdet hätte ...

Ja, sagte sie wie geisterhaft zu dem sie Anstarrenden; das hat Gott in meine Hand gegeben! Wie Ihr Schatten werde ich Ihnen durch Ihr Leben folgenHerrvon Asselyn!

Wahnsinnige! rief Bonaventura aufs neue ermutigt ...

Ja, setzte sie fast lachend ihre Rede fort, ich bin die Ursache, dass das Grab erbrochen wurde, in dem der letzte Begleiter Ihres Vaters bestattet war ...

Bonaventura horchte auf und starrte dieser neuen Gedankenreihe ...

Ich, ich kenne den Verbrecher! Ich, ich besitze, was er im Sarge gefunden hat!

SieSie besitzenwas ich seit jeder Stunde –?

Keine Verletzung der beichte! unterbrach sie bitter höhnend ... Ich kenne den Verbrecher ohne Ihre Andeutung! Mir gab er, Ihnen das Gefundene einzuhändigen. Der Mut des Mannes regt sich in Ihnen? Sie glauben, mir das geheimnis entreissen zu können? Suchen Sie! Mit allen Häschern der Erde ... Sie finden Ihr Lebensgeheimniss nicht ... das halte ich!

Bonaventura, in äusserster Verwirrung, sprach fast zitternd durcheinander:

Ich kenneden Hassdessen Sie fähig sind ... aber Sie dürfen beruhigt sein ... durch die Gerichte werde' ich ihn nicht nähren ...

Schmeicheln Sie? Wandeln Sie dahin, wohin Sie Ihr Geschick ruft! In die Täler, auf die Berge! Lassen Sie die Mitra auf Ihr Haupt setzen, wie Paula prophezeiteich habe das geheimnis, Sie in jeder Stunde des Tages, in jeder der Nachtan mich zu erinnern!

Ich