.
Lucinde fuhr fort, wie bewusstlos in dem Epheu nach welken Blättern zu suchen ... Da sie deren nicht zu viele fand, brach sie auch schon die grünen ab ...
In Bonaventura's Innerm drängte sich jetzt Unmut, sogar eine Aufwallung des Zorns, doch suchte er nach Geduld und Selbstbeherrschung ... Paula's Sehergabe soll Wunder wirken! fuhr Lucinde fort, zitternd und nicht von der Stelle könnend ... Ich wünschte wohl, Sie frügen sie, was für mich – noch alles in den Sternen steht! Das würde' ich die Sterne der eigenen Brust fragen! sagte Bonaventura lächelnd und machte Miene, um Schonung seines Epheus zu bitten ... Schon das längere Verweilen Lucindens verdross ihn ... Sie merkte nichts von dem, was sie tat ... Sie brach Blatt um Blatt, zerknitterte das Gebrochene, warf es weg ... sie war im geist bald in der Ebene von Witoborn ... bald gedachte sie des Picard'schen Auftrags, das Schreiben Leo_Perl's abzugeben ... Grüssen Sie Herrn von Asselyn, Ihren Vetter Benno! sagte sie – wie spottweise – und nur um zu sprechen und sich zu sammeln ... Bonaventura versprach die Ausrichtung dieses Grusses und ging von dem Tisch, wo er gestanden. Er machte in der Tat Miene, sich mit höflicher Neigung des Hauptes in sein Nebenzimmer zurückzuziehen ... Lucinde machte sich durch Scherze Mut zum Bleiben und gefiel sich darin, durch das Zerrupfen des Epheus auch die ihr wohlbekannte – Pedanterie der katolischen Geistlichen, die überhaupt mit den Jahren jede ehelose Lebensweise annimmt, schon an diesem jungen Mann zu reizen ... Schon in St.-Wolfgang hatte sie ihn ja im Geist früh vergrämeln und verzärteln gesehen ...
Er soll sich hüten, sagte sie, Armgart nicht zu schwesterlich zu lieben! Das kann dann im Ernst so kommen! Auch Frau von Hülleshoven, ihre Mutter, könnte Armgart zuvorkommen, einen gewissen Herrn von Terschka zu wählen ...
Bonaventura hörte schon nicht mehr. Seine Entrüstung nahm immermehr zu und auch sein Kampf; denn jedes Wort, das Lucinde sprach, war ersichtlich nur eine Verschleierung der Rede: Du Tor, warum umschlingt mich nun nicht dein Arm? Warum lässest du mich nun jetzt so hingehen, wie ich gekommen bin?! Voll Seligkeit läg' ich – trotz Mariens – in deinen Armen ...
Herr von Terschka, fuhr sie den Epheu zerzupfend fort, nimmt jede Religion an, die die schöne junge Frau mit ihren koketten Locken von ihm verlangt! Aber sie hätte die Conversion gar nicht nötig! Wär' ich in Rom und flüsterte – nur zwei Worte – mit den Cardinälen der Sacra Dotaria, sie sollte ohne weiteres geschieden werden! ...
Warum scherzen Sie über so ernste Dinge! fragte Bonaventura verdrossen – doch staunend ...
Kein Scherz! ... Ich lernte neulich die Frau kennen! Ihre Seele ist aus heisser Luft gewoben! .. Wer möchte glauben, dass auf der Heide von Witoborn solche Blumen wachsen! .. Sie kennen ja dies Geschlecht mit dem ewig gleichen Perpendikel des Herzens! .. Ein Schlag wie der andere! Bim – bam! .. Es ist ja wahr – auch – Ihre Heimat ist's!
Bonaventura sah Lucinden ganz so wieder, wie sie sonst und noch zuletzt in seinem Pfarrhause gewesen war ...
Das muss ich doch noch sagen, ich liebe nur den katolischen Glauben, wenn er die Seele zum Mute entflammt! fuhr sie in einer Aufregung, die sie nun nicht mehr bemeistern konnte, fort ... ich liebe ihn, wenn er die Menschen aus der Gewöhnlichkeit erhebt und ihnen Flügel gibt! Dort?! Dort – ist wirklich alles nur Aberglaube und so vieles, so vieles – auch hier –
Bonaventura, seine vorhergegangene tief vom Herzen gekommene Ansprache verhöhnt, kalt abgewiesen fühlend, atmete hörbar vor immermehr zunehmender Entrüstung ...
Schon war Lucindens ganze Hand voll grüner abgerissener Epheublätter ...
Sie werden auch Schloss Neuhof sehen? sprach sie, noch wie harmlos, aber doch, da sie nun gehen musste, aller Fassung beraubt ...
Ohne Zweifel! sagte Bonaventura kalt ...
Auch den Kronsyndikus? ...
Man erwartet seine Auflösung ...
Das bedaure ich! ... Ich wünschte, Sie frügen ihn nach seiner zweiten Frau, die noch in Rom leben soll ... Und ob – die alten – Stammers – wohl noch im Parke hausen? – Und Bruder Hubertus – werden Sie – sehen – auch Klingsohr –
Nicht unmöglich ...
Wenn ich einmal Paula im magnetischen Schlafe sähe, wollte ich sie etwas fragen – Aber es ist ja wahr – Immer, wenn ich an ihr Lager trat, wissen Sie wohl noch, hörte – die Posse auf ...
Bonaventura stand auf glühenden Kohlen ...
Nur einmal glaubt' ich selbst, dass sie im Traum wahr sprechen konnte ... Einmal! ... Am Tage Ihrer Weihe! Warum aber auch – taten Sie ihr das!
Der bitterste, schrillste, ja ein frecher Hohn war es, mit dem Lucinde diese Worte sprach ...
Und Bonaventura nahm die Kriegserklärung auf ...
Er ergriff das Licht, ging an die Tür, die zum Corridor führte, und machte die Miene, als wollt' er ihr ruhig