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vieles, denn sie kennt die Schwäche des Weibes; aber sie vergibt nicht alles. Sie würde nicht jede Ihrer Bitten am Trone ihres Sohnes auszusprechen übernehmen. Sie besitzt die Schwäche einer Mutter, sie kann von dem Kind ihrer Liebe Fehltritt über Fehltritt vernehmen und vergibt ihm; aber in vielen, vielen Dingen verlangt sie eine unbedingte Unterwerfung und ich glaube, dies ganze, ich sage nicht mystische, sondern einem Spiegel gleichende verhältnis zwischen Maria und einem weiblichen Herzenich glaube, Sie kennen es nicht und darin, darin liegt Ihr ganzes Unglück!

Dumpf vor sich hin sprach Lucinde einen Einwand ... Bonaventura kannte die Berechtigung dieses Einwandes aus seinem eigenen Leben und empfand ihn jetzt noch mehr, seitdem ihm so nahe bevorstand seine Mutter wiederzusehen ... Warum sagte nur Jesus: Weib, was hab' ich mit dir zu schaffen? hatte Lucinde gemurmelt ...

Bonaventura erwiderte:

Maria ist keineswegs die letzte Richterin über unsere Seele! Sie ist nur eine Vorstufe zum Gottestron und allerdings die ihm nächste! Aber ich glaube nicht, dass die Seele jedes Mannes an ihr Urteil verwiesen ist; sie richtet auch nicht, sie bittet nur. Nur möchte' ich wiederholt wissen: Sind die Sünden und Irrtümer, die Sie mir heute gebeichtet, die eines weiblichen Herzens, das mit der allerseligsten Jungfrau einen innigen Freundschaftsbund schloss? Mir scheint es, dass Sie vorzugsweise Eine reine, wahre Freundschaft schliessen sollten, diese mit unserer Mutter Maria! Welch ein unschuldiger, edler, froher Sinn würde Sie plötzlich heiligen! "Maria stand auf, ging eilends über das Gebirge in das Haus des Zacharias und grüssete Elisabet" ... so steht in der Schrift

Und sich unterbrechend erhob sich Bonaventura wie in innigster Freudigkeit rasch, schlug den Vorhang von einem Büchergestell zurück, suchte eine kurze Weile nach einem Buch, fand es, kam wieder, schlug es auf, blätterte und las eine schnell gefundene kurze Erläuterung über den Gruss Mariens an Elisabet, über den Gruss der Jugend an eine Matrone, über den Inhalt der Rede, die Maria wohl Elisabet gegenüber gehalten haben mochte, über die Darbringung solcher Empfindungen und Seelenstimmungen, die ihr dafür das Wort der greisen Gönnerin eintragen konnten: "Du bist gebenedeiet unter den Weibern!" Bonaventura las diese Betrachtung aus einer Blumenlese geistlicher Erweckungen und wollte keine Erbauung. Er wollte Lucindens Geist anregen, nicht bloss ihr Herz. Er wollte ihr die sittliche Schönheit als das Ziel auch einer reinen Phantasie hinstellen ... In wärmsten Worten schilderte er den Zustand dieses "Gebenedeiten am weib". Ueberall würde eine Gebenedeite freundlich empfangen, überall wie der kommende Mai begrüsst; in jeden Streit brächte sie Friede, in jedes Leid Trost; ihre Schritte wären gesegnet; wo sie hinträte und wär' es in der Wüste, blühte eine Blume aufwie die Jerichorose unter den Füssen Maria's, als sie mit dem kind gegen Aegypten floh ...

So deutete Bonaventura die "Jerichorose" ...

Dann erteilte er Lucinden einige leichte Bussübungen, liess sie knieend seinen Segen empfangen und wollte nun von ihr Abschied nehmen ...

Lucinde stand zwar auf, zog ihren Shawl über die Schultern, hatte sich ihren Hut wieder aufgesetzt, schickte sich an zu gehen ... sie war jedochwie gebannt ...

Die Glocken der Katedrale läuteten zu einem Kirchenfest ... Schon sechs Uhr schlug es ...

Wie sie schon nahe der Tür sich befand, die unmittelbar in den Corridor führte, stand sie plötzlich still ...

Bonaventura trat hinzu. Er glaubte zu sehen, dass sie sich entfärbte ...

Was ist Ihnen? fragte er ...

Lucinde erwiderte nichts, doch hielt sie sich an der Epheulaube ...

Bonaventura glaubte, dass ihr unwohl war und ging an einen am Fenster stehenden Tisch, auf dem wasser stand ...

Sie winkte ablehnend und starrte in die inzwischen hereingebrochene Dunkelheit zum Fenster hinaus ...

Bonaventura sah, dass sie von seiner Rede, seinem Zuspruch nicht befriedigt war, dass sie etwas vorhatte und mit sich kämpfte. Doch mied er die saiten des Seelischen und des Gemütes noch einmal wieder anzuschlagen. Er sprach beruhigend von der Lebhaftigkeit der Gegend draussen und stand, als wollte er eines der Lichter ergreifen und ihr auf den Corridor leuchten ...

Sie reisen nach Witoborn? begann Lucinde, schon über diese Andeutung, als fürchtete sie vielleicht nur die Dunkelheit draussen, gereizt ...

Noch heute! ... erwiderte Bonaventura, sichtlich befangen durch ein Wort weitern Gespräches, das nicht durch sein Amt veranlasst wurde ...

Lucinde sah diese Förmlichkeit, diese plötzliche Kälte und hauchte:

Schon so bald!

Dabei blieb sie vor dem Epheu stehen und pflücke gedankenvoll ein einzelnes welkes Blatt ab ...

Wer hätte an dieser Handlung erkennen mögen, dass sich die ganze seit Monaten angesammelte Fülle der Spannung wieder auf ihre Brust wie riesig anstemmte und in irgendeiner Weise helfen wollte; sie hatte die Befriedigung des Gemüts nicht so gefunden, wie sie gehofft ... Sie wollte und hoffte nur – – ihre Liebe ...

In einigen Stunden ... sagte Bonaventura, jetzt sogar drängend ...

Dieser sein plötzlich immer kälterer Ton reizte sie mehr und mehr und schon war es nur ein Hauch, mit dem die erstickte stimme sprach:

Grüssen SieGräfin Paula! ...

Bonaventura antwortete durch ein äusseres Zeichen ..