Nur leise lispelte er ihr nach:
Engel! sehe' ich Dich wieder?
Dabei hob er die hände empor, wie anbetend, gerade so wie der Kammerherr einst getan.
Sie winkte, dass er gehen möchte ...
Aber es war ja ihre Sache, zu gehen ...
Klingsohr rief wieder:
Heilige!
Dann sprach er leise und innig:
bitte' für mich! ...
Erlöse mich! setzte er dringender und fast feierlich hinzu.
Das die Umzäunung bildende geschnittene Zwergholz des Parkes verbarg sie jetzt. Sie schritt unter den hohen, noch fast durchsichtigen Ulmen, die sich über sie mit ihren halbbelaubten Zweigen wölbten, hin gleichsam wie in Lüften. Auf so ergreifende Worte, wie ihr da eben nachklangen, Erwiderungen zu geben hatte sie noch keine Schätze des Geistes, des Herzens und der Phantasie in sich.
Es war die erste Begegnung ihres Lebens mit einem mann, die sie vernichtete.
12.
In ihrem Pavillon fand Lucinde den schon ängstlich auf sie harrenden Jérôme.
Er hatte ihr Wunderdinge zu erzählen und sie blieb aus!
Nun aber auch bestürmte er sie mit seinem lachen, das er in der Gewohnheit hatte, wenn ihm irgendetwas nach seiner Voraussetzung besonders Kluges gelungen war.
Der Versuch, ihn bei dem grossen Familien- und Nachbarsessen, das um vier Uhr begonnen hatte, und in Gegenwart des Regierungsrats, seines ältern Bruders, der Welt als einen zurechnungsfähigen Menschen vorzustellen, war vollständig gescheitert.
Nach der Mitteilung, die er von dem übeln Verlauf eines seiner gewohnten Streiche erzählte, merkte man wohl, dass sein eigener Bruder, der Regierungsrat, ihm die gelegenheit erleichtert hatte, aus der erzwungenen Rolle zu fallen, die er unter den stechenden Augen und der zusammengezogenen Stirn seines Vaters spielen musste.
Für Lucinden, die kaum die Besinnung hatte zuzuhören, war auch noch die Ueberraschung aufgespart, dass, wie es schien, in fröhlicher Weinlaune und im Triumph eines eroberten Sieges der Regierungsrat selbst erschien und zum ersten mal sie zu sehen verlangte.
Der von der Tafel angeregte Mann, der mit dem Vater und Bruder wenig Aehnlichkeit hatte, kam in Begleitung des "schönen Enckefuss", der in weinseliger Laune den Arm um den Regierungsrat geschlungen hielt und der Verwilderung seiner künstlichen Verjüngungen nicht mehr zu achten schien.
Beide kamen die schmale Stiege des Pavillons herauf und reizten die Eifersucht des Kammerherrn nicht wenig durch ihre verfänglichen Grüsse und Reden.
Ihren Pass, mein – fräulein –, lallte der Landrat mit galanten Verbeugungen, die das Mobiliar des kleinen Zimmers in Gefahr brachten. Ihre Legitimation –! Carte du séjour! Ich bin –
Der Regierungsrat analysirte schon die Bestandteile des fehlenden Passes, der für Lucinden bereits einige male lästig genug zur Sprache gekommen war ...
Augen schwarz, unterbrach er selbst den Landrat und mit staunender Ueberraschung – Nase mittel – Mund klein – Zähne – allerliebst –.
Der Landrat wollte die Beschaffenheit der Zähne untersuchen und griff nach den Lippen des ängstlich sich in eine Ecke drückenden Mädchens ...
Der Kammerherr stimmte zwar scheinbar in diese Lucinden dargebrachte Huldigung ein, wehrte aber denn doch die Hand des Rittmeisters jetzt mit einer Entschiedenheit zurück, die diesen zu dem Ausruf veranlasste:
Sacre bleu! Herr, das ist grob!
Der Regierungsrat kam in diesem Augenblick zur Besinnung. Der Landrat war in jungen Jahren einer der wildesten Offiziere gewesen und hatte namentlich den Stolz des Landes, einen jungen Grafen von Truchsess-Gallenberg, kurz nach der Besitznahme dieser Provinzen durch die jetzt über sie herrschende Krone im Duell erschossen. Zum Landrat hatten ihn die Umstände, sein bei aller alten Husarenwildheit höchst leutseliges Wesen gemacht; sein Ehrgeiz war aber gerade jetzt um so empfindlicher gereizt, je mehr seine hervorragende Stellung durch seine Neigung zur Galanterie, seine geringen Kenntnisse von administrativen Dingen, seine Schulden und vorzugsweise die zunehmende Abschliessung des Provinzialgeistes in der adeligen Sphäre auf Schwierigkeit über Schwierigkeit stiess ...
Kommen Sie, Rittmeister! sagte der Regierungsrat ablenkend. Mein Bruder ist zu beneiden! Aber er hat sein Glück verdient! Seine Genie hat sich heute die Krone aufgesetzt! Kein Trauring, Jérôme, nein, für Türck ein goldenes Halsband!
Ha, ha, ha! brach der Landrat beschwichtigt aus und konnte sich vor lachen kaum fest auf der Treppe erhalten, die man wieder niederstieg. Während er auf Lucinden fortwährend Kussfinger und schmachtende Blicke warf, wie sie auch nur ihm, dem ewigen Jeune homme und sechzigjährigen Adonis zu Gebote standen, verhütete der Regierungsrat durch kräftige Haltung der andern Hand des Schwankenden ein Unglück, wie es beim "schönen Enckefuss" oft schon vorgekommen. Er war für seine Jahre immer noch so unternehmend, sein Reiten war von solcher Kühnheit, dass der Effect seiner stundenlangen Toiletten ihm alle Augenblicke einmal durch ein schwarzes Pflaster auf Nase oder Stirn verdorben wurde.
Die Lust und Freude im Kammerherrn war zu gross, um nicht nach Entfernung der beiden Neugierigen ganz zu ihr zurückzukehren. Er hatte während der Tafel einen Bindfaden aus der tasche genommen gehabt, diesen heimlich um einige in seiner Nähe befindliche Flaschen geschlungen, dann Türck, einen der Hunde des Vaters, die immer in der Nähe des Mittagessens schnupperten, an sich gelockt, an den Faden ein Stückchen Fleisch befestigt und dies dann dem Tiere heimlich zugesteckt. Türck würgte daran, blieb aber noch ruhig auf seinem platz, in Hoffnung auf mehr. Endlich aber vom Kronsyndikus aufgejagt, riss er alle Flaschen und Gläser um, übergoss das elegante neue Seidenkleid Portiuncula's von Tüngel-Appelhülsen