1858_Gutzkow_031_389.txt

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Bonaventura hatte sie zuletzt aufgefordert, sich zu setzen ...

Auch das tat sie wie Magdalena und stützte das Haupt ...

Jetzt fühlte sie die losgegangene Flechte. Sie steckte sie errötend auf, während Bonaventura die beiden Kerzen anzündete ...

Endlich sprach er ihr mit einer stimme, die auch nur ihm angehören konnte:

Meine verehrte, liebe, teure Freundin! Wie, wie lange kennen wir uns doch nun schon! O, glauben dürfen Sie mirdass ich oft, oftwie oft! über Sie nachgedacht, über Sie mit Gott geredet habe! Was Sie mir vielleicht vor einigen Monaten schon sagen wolltendies Neueste da, der Besuch Ihres frühern Verlobten in Knabenkleidern, nun, das ist eine Waghalsigkeit, die auf Rechnung Ihres abenteuerlichen Sinns kommt, ein Kampf gegen die Obrigkeit, den ich nicht billigen kann, ein Vergehen, das die gute Absicht des Helfenwollens entschuldigtIhre wahren inneren Peinen erfahre ich erst jetzt. Und dass Sie jenes Neueste hinzufügten, das nehm' ich für einen Beweis Ihres Vertrauens zum Priestertum. Sie vermissen, sagen Sie, eine Reinigung und Heiligung Ihres ganzen Seins und Lebens. Das ist ein schönes, ernstes, für Ihre ganze Zukunft entscheidendes Wort! ... Die Fehler Ihrer ersten Jugend will ich nicht rügen. Sie haben die Liebe nicht gekannt. Sie haben sie von andern nicht erfahren; ich rüge nicht, dass Sie sie auch nicht erwiderten. Auch Ihren mächtigen Ehrgeiz will ich nicht tadeln. Es war vielleicht der Trieb nur des Wachstums zum Bedeutenderen. Dass ein Baum gegen Himmel anstrebt, ist ein Preis Gottes, kein Preis seiner selbst. Ein armes Mädchen vom land gingen Sie durch eine seltene Schule der Erfahrung, die Ihnen bald weh tat, bald schmeichelte. Immer wollten Sie mehr sein, als was das Geschick Ihnen zu sein anmutete; Sie rangen sich gewaltsam auch vielleicht deshalb empor, weil Sie einen Trieb hatten, geistig mit sich zufriedener zu sein, als dies mit sich Tausende von Menschen sind. Die Fähigkeit, einen Klingsohr glücklich zu machen oder gar zu erziehen, konnten Sie damals nicht besitzen. Auch Ihr Leiden mit Serlo, Ihre Demütigung, als Sie die Bühne betreten wollten, waren Sühnopfer für manche Schuld der Uebereilung, für manche Herzlosigkeit und Eitelkeit. Als Sie dann den Uebertritt zu unserer Kirche vollzogen, da begann vorzugsweise Ihr innerster Bruch. Immer schon musste ich tadeln, dass Sie diesen Schritt nicht aus innerm Bedürfniss taten ... Richtiger, Sie taten ihn aus Bedürfniss, doch machten Sie sich über die Mahnung Ihres innersten Herzens, über dies Gebot Ihres guten Genius, der Ihnen bei diesem Schritt zur Seite stand, kein geständnis. Nun schwanken Sie zwischen Freiheit und Abhängigkeit, zwischen Religion und Unglaube, ja sogar zwischen dem Guten und dem BösenIhre natur, fürcht' ich und sprech' es offen aus, wird Sie niederwärts ziehen, wenn Sie sich nicht mit einer gewaltigen Gegenmacht rüsten! Andere (Bonaventura dachte an die Scene beim Kirchenfürsten), andere würden Ihnen raten, Ihrem geist zu mistrauen. Das will ich nicht. Es wäre ja entsetzlich, wenn dem geist sich nicht das Gute gesellen könnte. Eines aber möchte' ich Sie fragenund ich fasse damit, glaube' ich, Ihren ganzen Zustand zusammen –: haben Sie sich je vergegenwärtigt, was die Kirche mit so mancher ihrer grossen und uns gerade von andern Religionen unterscheidenden Lehren sagen will, zum vorzüglichen und Ihnen insbesondere zweckdienlichen Beispiel erwähn' ichunsern Mariencultus?

Lucinde war von dem Ton dieser innigen Rede wonnig durchrieselt. Den Sinn der Worte behielt sie nicht, nur ihren Klang. Erst bei Erwähnung des Mariencultus stutzte sie. Sie gedachte des noch rückständigen Bekenntnisses ihrer Wanderung durch den unterirdischen gang und des von Picard empfangenen Auftrags ... Das Marienbild am unterirdischen Kreuzweg stand wie mahnend vor ihrer Seele ...

Sie kennen die Lauretanische Litanei? fuhr Bonaventura voll Gelassenheit fort, still zu seinen guten Genien betend ...

Die Lauretanische Litanei! dachte sie und plötzlich fuhr durch ihr Innerstes ein Streiflicht ihrer Doppelnatur. Die Gottesmutter hat in dieser Litanei Bezeichnungen, als da sind "Gefäss der Andacht", "geistliche Rose", "elfenbeinerner Turm", "goldenes Haus", "Arche des Bundes". Heute in der Frühe, als noch Bonaventura's Ja! nicht gekommen war und sie in die Messe stürmte, wo eben die Lauretanische Litanei gesprochen wurde, hatte sie sich in ihrer aufgeregten, gottfeindlichen Stimmung gesagt: Namen sind das ja, wie das Verzeichniss zu einer Auction oder als säh' ich die Fenster der Trödler in Seligmann's Rumpelgasse!

Die seligste Jungfrau, fuhr Bonaventura in Sanftmut fort, die Ihr früheres protestantisches Bekenntniss nur in ihrer Menschennatur kennt, nennt die Litanei unter anderm die mystische Rose. Mag sie von denen, die sie als solche sehen mögen, in dieser Eigenschaft als ein liebliches Symbol alles Unaussprechlichen verehrt werden, Ihnen gegenüber ziehe ich eine andere Bezeichnung aus dieser Litanei vor, dass uns die heilige Frauein Spiegel sein solle. Gerade Sie möchte' ich fragen: Wie ist Ihnen das nur? Wenn Sie nach einem solchen Leben, wie Sie es mir geschildert haben, jetzt an Maria denken, zu dieser aufblicken, sich mit dieser ganz einig, ganz verbunden, ganz Freundin zu sein wünschen, was empfinden Sie da?

Lucinde blickte im Geist aus das kleine, in unterirdischer