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sich, das alles entielt, was wir wissen. Nur eine einzige grosse Strömung der Empfindung in ihrem inneren nannte sie nicht, doch war sie ersichtlich aus einem Lebenslauf, von dem sie andeutete, dass er ewig in der Irre gegangen, ein einziges grosses Ziel verfehle und rettungslos verloren scheine ...

Auch von Klingsohrn gestand sie alles. Sie klagte weder ihn, noch den Kronsyndikus an, nannte überhaupt, was nicht gestattet ist, nicht die Namen, Bonaventura wusste sie aber und ergänzte selbst, was verschwiegen wurde ...

Ein seltsames Bild diese Zwiesprache, unglaublich für die, die ausserhalb des römischen Lebens stehen!

Ein Mann, vor dem sich ein Weib in Liebe windet, blickte wie ein Gottgesandter streng und sich beherrschend zu ihr nieder. Er sah eine Nachtwandlerin an schwindelnder Klippe dahinwanken, zitterte mit den Gefahren, die von Lucinden nur überwunden wurden durch immer wieder bekannte neue Schuld ... er blieb fest und stark.

Von Serlo hatte er noch nie so Ausführliches vernommen, wenn er auch aus frühern Geständnissen wusste, dass er selbst es war, der Lucinden anfangs eine auferstandene Wiederholung desselben erschien ... Zwei Jahre des Aufentalts im ortopädischen Institut wurden erzählt, Jahre der Selbstbildung, aber nur jener "Bildung, die die Kraft geben sollte, Welt und Menschen abzuwehren, zu hassen, zu beherrschen" ... Die Reise nach Kocher, die Erfahrungen in der Dechanei, die Verstellung im Kattendyk'schen haus ... alles bis zu den neuesten Vorgängen, ja den Vorgängen des gestrigen Tages, alles, alles wurde erzählt, nur noch die Rettung durch den unterirdischen gang verschwiegen, um der lateinischen Urkunde undihres Letzten willen ...

Religiös blieb von beiden Seiten die Färbung des Ganzen, der Ton alles dessen, was gesprochen wurde, ein heiliger ...

Ist das Leben, wie die sittlichen Atomisten sagen, eine millionenfach fortgesetzte und ineinander verwundene Kette von Selbsttäuschungen, dann darf es wunder nehmen, wie unser moralisches Scheinleben sich dennoch gleichsam ablösen kann von unserer ersichtlichen körperlichen Hülle. So fliesst das Licht der Sonne und des Mondes um die dunkle Erde, so leuchtet der Phosphor an unsern Händen, die ihn nicht fühlen. Zwei Menschen, körperlich vor einander zitternd, bebend vor einer Berührung, wenn zufällig der Saum des Schleiers nur ein Blatt des Breviers streifteund ihre innerste moralische Welt doch wie ein fast sichtbarer geistiger Aeter um sie her und hin und wieder fliessend. Diese Worte, diese Geständnisse, diese Accorde wie von einer unsichtbaren Musik sollten nicht in eine Weltordnung den Weg bahnen, wo die millionenfache Täuschung aufhört und der Geist, auch wenn vom Körper getrennt gedacht, wonnigste, seligste Wahrheit bleibt? ...

Lucinde hoffte das schon für diese Erde ...

DochBonaventura bliebein Priester voll Hoheit. Er vertrat die Religion. Er glich einer Kirche, in die man, innerlich noch so weltlich gesinnt, doch äusserlich voll Demut und zur Ehre des Höchsten eintritt. Auch hörte er im geist die Worte, die ihm und dem Mönch Sebastus vor wenigen Monaten der Kirchenfürst von der Milde des Heilands zur Magdalena gelesen ...

Dass sich etwas, was liebestollste Zudringlichkeit war, hier in einer Form aussprach, die schon zum Wahnwitz geworden, konnte er nicht verkennen ... Er hatte Lucinden im Lauf der von ihr in düsterm Unmut und wahrhaft schmerzensvoll bekannten Leiden, die sie durch ihre eigene unausgesetzte Torheit und moralische Hülflosigkeit über sich heraufbeschworen, gebetenden Hut abzunehmen; sie tat es mechanisch und legte den Hut neben sich auf den Fussboden. Ihrem Haar entglitt eine Flechte, die nicht genug befestigt war. Lang und schwer hing diese Haarflechte nieder. Lucinde merkte nichts von diesem Schein der Verwilderung ... Die Formen der Kirche kamen ihrer Selbsttäuschung zu hülfe ... Sie wand sich wie Magdalena.

Bonaventura wusste nun: Dies irrselige, schöne Frauenbild bekennt alles das, nur um dich in die Kreise ihres Lebens zu zwingen, von dir Worte der Liebe zu hören, vielleichtjetzt nur deine Hand küssen zu können undstumm zu gehen ... Sie will jetzt, wo du reisest, nur vielleicht einen Briefwechsel mit dir führen, nur, wenn du wiederkehrst, mit ihren Blicken dich umwerben, mit ihrem Lächeln dich umschmeicheln dürfen ... Sie will nur den Stolz vor der Welt haben, dass man sagt: Dieser Geweihte ist ein Heiliger; strauchelte er, so würde er es nur mit jenem Mädchen können, das bei jeder Messe, die er liest, immer an demselben Pfeiler ihm zur Rechten oder Linken sitzt ...

Bonaventura wusste, dass er straucheln konnte, wenn LucindePaula war ... Jene hatte mehr Geist, mehr Wissen, mehr Tatkraft undfür die Meinung anderer vielleicht selbst mehr Schönheit, als diese ...

Doch wirkte Lucinde auf ihn, wie er einst auf einen Scherz Benno's gesagt hatte, feuermagnetisch. Sie wirkte abstossend durch Ueberkraft und eine zu grosse Willensstärke ...

Er blieb bei seiner Priesterpflicht.

Aeusserlich wollte Lucinde nur einen Rat haben, wie sie nach einem so geschilderten Leben und innerlich gänzlich zerstörten Dasein nicht die Lust am Leben und an sich selbst verlöre, zur Wahrheit käme, die Lüge und Verstellung miede, sich an fremdem Glück erfreuen, vor allem in der von ihr gewählten Religion wirkliche Beruhigung und Erhebung finden könnte ...

Eben die Religion verschleierte alles