1858_Gutzkow_031_387.txt

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Ich bin krank! sagte sie an der Tür, rasch verschliessendschaudernd vor dem mann, bei dem für Bickerttausend Taler harrten und der ihr selbst

Sie wissen – –? sprach schon Nück dringender.

Nichts! Nichts!

Der Pater ist gefangen ...

Darauf schwieg sie ...

Man führt ihn in sein Kloster zurück ...

Doch! doch! sprach sie bebend, aber nur für sich ...

Darf ich –? Ich bitte dringend ...

Schrieben Sie doch nicht dem Pater? ...

Sie schwieg ...

Wenn man Ihren Brief mit Beschlag belegt hätte! Oder wie verständigten Sie sich mit ihm? ...

Sie atmete auf, wie kein Verdacht vorlag, dass sie selbst zu Sebastus gegangen ...

Bestellen Sie die Pferde ab! Sonst nichts! Gute Nacht! sagte sie, sich ermutigend, und brach kurz ab.

Nück's murmelnde stimme hörte sie nicht mehr ... auch sein Fortgehen verhallte ...

Dann holte sie das verwitterte, nicht zu alte Schreiben, einen langen Brief in lateinischer Sprache, unterzeichnet "Leo_Perl".

Nun verstand sie den Schrecken der Jüdin ...

Sie las und las ... übersetzte undstockte endlich ...

Um den Brief völlig zu verstehen, musste sie nach dem Wörterbuche greifen, das ihr Benno gekauft hatte ...

Darüber schlug es elf ...

12.

In einem der grossen, "kaltgründigen" Zimmer des Kapitelhauses herrschte am folgenden Tage eine feierliche Stille ...

Es war im Studirzimmer Bonaventura's ...

Der Abend hatte sich niedergesenkt ... Zwei Lichter brannten ... In dem grossen eisernen Ofen, der von aussen geheizt wurde, hörte man das Zulegen neuen Holzes ... Nicht Renatens sorgende Hand war es, es war die eines Hausdieners, der zu diesem Amt für die Herren des Kapitels bestellt war.

Auch nicht im Nebenzimmer sass Renate ... Der Domherr hatte die alte treue Dienerin gebeten, nach allen schon längst getroffenen Zurüstungen seiner Abreise auf Witoborn, die für die neunte Stunde bestimmt warsein einfacher Sinn und seine gemessenen Mittel wollten sich mit gewöhnlicher Postgelegenheit begnügenerst um acht Uhr von einem Geschäft zurückzukommen, das er sie ersuchte, sich ausserhalb des Kapitels zu machen. Sie hatte schon lange für Benno's Abwesenheit sich eine Durchsicht seiner Wäsche, eine gründlichere Anordnung seiner wohnung vorgenommen; diese vollzog sie, obgleich es Sonntag war, schon von vier Uhr an und gegen acht erst wollte sie zurückkehren ...

Bonaventura kannte die Abneigung der alten Frau gegen Lucinden und wollte jeden Conflict vermeiden ... Als Lucinde zum zweiten mal geschrieben, verwilligte er ihr, was sie begehrteAber nur auf seinem Zimmer konnte er eine Generalbeichte abnehmen ... Er rüstete sich zu einem schweren Kampf, zu einer grossen PrüfungAn die Seltsamkeit, dass sich auf seinem Zimmer Seelenkämpfe solcher Art ausringen, ist der katolische Priester gewöhnt. Lucinde hatte nicht nötig gehabt, ihr letztes Mittel zu ergreifen

Mit der Abenddämmerung war sie in Begleitung des Messners gekommen ... Durch die hohen Fenster mit ihren vielen kleinen Scheiben, durch eine grüne Hecke von Epheuranken, die den Schreibtisch von dem Fenster schied, brachen die blutroten Strahlen der Sonne, die den ganzen Tag sich nicht hatte sehen lassen und nur am Abend noch einmal sich zeigte zum kurzen Willkomm ... Im Ofen prasselten die Flammen, die an der metallenen Wölbung einen singenden Ton gaben ... Alles das begleitete die nur bei katolischen Priestern und Aerzten mögliche seltsame Scene, dass eine Liebende zu dem sie verschmähenden mann ihrer Liebe selbst zu gehen wagt.

Schweigend hatte Bonaventura Lucinden, die verschleiert kam und den Hut nicht abnahm, angedeutet, dass sie sich setzen möchte ...

Nach seinem Brevier langte er dann mit zitternder Hand, gab dem Messner, der sich wieder entfernte, einige geschäftliche Anweisungen und suchte sich durch diese und jene kleine Zurüstung die Sammlung zu geben, die ihm fehlte ...

Lucinde schwankte bewusstlos ...

Als er sich wandte, sah er, dass sie selbst schon einen Fussschemel ergriffen hatte und auf diesem knieete ...

Dass es eine Entscheidung für sein ganzes Leben galt, ahnte er ...

über eine Stunde lang verharrte Lucinde in dieser knienden Stellung und lehnte jede Erleichterung ab ... Bonaventura sass vor ihr und hörte nur ihrem dumpfen, doch vernehmlichen Gemurmel ...

Das obenerwähnte feierliche Schweigen war eingetreten, als die Reihe ihrer Bekenntnisse zu Ende war ...

Bonaventura kannte aus der Stadt her, wo er Priester, Lucinde katolisch geworden, eine Menge von Tatsachen, die zu dem Leben der Gesellschafterin der Comtesse Paula gehörten; aber in einer solchen Vollständigkeit wie heute lag das Leben des, wie es schien, von einem unheilbaren Wahn betörten Mädchens niemals vor ihm ... Sie hatte nichts verschwiegen, was sie belasten konnte, nichts, als ihre Liebe zu dem mann, vor dem sie knieete ... Sie war grausam, rücksichtslos gegen sich selbst ... Sie klagte sich an, wo selbst andere noch entschuldigten ... Alles, was ihr Leben an Widersprüchen bot, leitete sie aus ihrer Todsünde her, die die Kirche "Acedia", die "Trägheit des Herzens", die Indifferenz für Liebe und Hass nennt ... Sie gab ein Lebensbild von