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, mit Quadersteinen gepflasterten Hof und aus diesem über einige Stufen in ein altertümliches Haus. Auch auf der grossen Diele war alles wie von Musik erfüllt. Links von ihr sangen die Chorschüler Uebungen. Ein altes Klavier begleitete die Accorde ...

Eine Weile lauschte sie ...

"Deposuit potentes de sede et exaltabit humiles!"

Dazwischen sprach ein Priester Erläuterungen ... Die stimme war ihr fremd ... Aber die Worte klangen ihr in der Tonart des Gesanges ... kein Dur folgte auf Moll, kein Allegro auf ein Andante ... selbst die Belehrungen über die zu machenden Pausen, die gegeben wurden, waren nur der Aushall des verklungenen Tones ... Alles, alles war ihr Harmonie ...

Gern hätte sie glauben mögen, es würden ihr die beiden arme zu riesigen Flügeln, die sie hätte ausbreiten mögen, die wieder errungene Freiheit zu erproben ...

Aber nur wie eine verscheuchte Fledermaus huschte sie durch die Flur und an die Haustür. Diese war unverschlossen ... Sie war im Freien, im Regen mit ihrem Bündel, aus dem sie ein zerknittertes starkes Papier herausfühlte ...

Musstest du diese Schrecken erleben, um das zu erlangen, was du vielleicht brauchst, um morgen mitihm zu sprechen, vielleicht zum letzten malDies führt dich bei ihm ein, auch wenn er dir die beichte abschlägt!

Sie hätte sogleich zu Bonaventura fliegen mögen ... Fast hatte sie ihre Knabentracht vergessen.

Sie breitete den Schirm aus und schoss auf einen Fiaker zu ...

In die Rumpelgasse! rief sie. Zu Natan Seligmann!

Die Adresse war bekannt ...

Eine Viertelstunde darauf war sie bei Veilchen Igelsheimer, die um sie auf den Tod gezittert hatte. Ihre Begleitung an das Professhaus hatte sie abgeschlagen. Veilchen erfuhr zu ihrem Entsetzen, dass alles gescheitert war und Lucinde nur mit Lebensgefahr ihre eigene Freiheit gerettet hätte ...

Zu Aufklärungen für das "trotz Spinoza verzweifelnde" Mädchen, Aufklärungen, die Lucinde auch ohnehin schwerlich gegeben hätte, blieb keine Zeit ... Sie gab ihre Kleider zurück, nahm die ihrigen, entleerte die Mappe, die sie Veilchen liess, riss das schmuzige Tuch Bickert's fort und wollte eben die Einlage, einige Bogen Papier in amtlichem Briefformat, einstecken ...

Da erblickt Veilchen die Aufschrift und ruft:

Gott im Himmel!

Was ist? fragte Lucinde, halb schon im Gehen ... Herr Natan war noch nicht wieder daheim ...

Das istdas ist jadie Handschrift

Veilchen öffnete die Bogen, die Lucinde jedoch zu gleicher Zeit schon wieder zurücknahm, nur um sie rasch zu bergen, weil sie Eile hatte ...

Nur einen blick, fräulein! ...

Was haben Sie? fragte Lucinde drängend und auf dem Sprunge ...

Schon gab Veilchen die Bogen zurück, wie mit einem SchauderEin Siegel, das neben dem Namen stand, der die Bogen unterschrieben hatte, schien ihr die Besinnung zu geben ...

Lucinde sah ein Kirchensiegeldas Bild des Gekreuzigten ...

Sie forschte nicht länger ... blieb ihr doch die volle Musse eigener Untersuchung und die gelegenheit der Wiederkehr ... Sie hatte nicht Zeit, sich von dem wie bewusstlos ihr nachblickenden Veilchen die Ursache ihres Schreckens erklären zu lassen ...

Eine Stunde später sass sie zum Tee bei der Commerzienrätin, die vor Ungeduld nach ihr "fast vergangen war". Denn seltsamerweise blieb sie heute allein ... Aus Furcht vor Pitern liessen sich selbst die Hausfreunde nicht sehen. Das Haus war von seinem beginnenden Strafgericht in Belagerungszustand erklärt. Johanna hatte von ihrem in aller Frühe abgereisten Verlobten schon per Expressen einen Brief voller Vorwürfe über die Frau Oberstin, die übrigens gestern schon vor dem plötzlichen Tumult gegangen war ... Dann kam die Frau Oberprocurator angefahren und brachte die Kunde, dass morgen Abend der Domherr von Asselyn nach Witoborn reise und eine Demonstration der Huldigung stattfinden würde mit Blumen, Gedichten, ja persönlicher Anwesenheit seiner Verehrer ... Ob die Mutter ginge? Was man dazu anzöge? ... Endlich hörte man Pitern sich lärmend in den Hinterzimmern ankündigen ... Alles zitterte ... Zum Glück hörte man zu gleicher Zeit den Besuch des Oberprocurators von der andern Seite ... Lucinde hatte keine Antwort aus dem Kapitelhause vorgefunden. Sie erhob sich, schützte Kopfweh vor, schoss an Nück vorüber und flüchtete sich auf ihr Zimmer.

Hier ergriff sie einen Bogen Papier, eine Feder und schrieb die Worte:

"Hochwürdigster Domherr! Ich beschwöre Sie! Wenn Sie nicht einen Seelenmord begehen wollen, so bitte' ich um Antwortwegen meiner Generalbeichte!

Lucinde."

Sie convertirte, klingelte und schickte einen Diener mit diesen Zeilen ins Kapitelhaus an den Domherrn von Asselynwie schon heute in der Frühe ...

Schlug ihr Bonaventura den Empfang ab, so hatte sie ein letztes Mittel. Den Auftrag Bickert's ... Nach allem, was sie von Benno über den Eindruck wusste, den damals die im Sarge des alten Mevissen gefundenen Dinge auf Bonaventura gemacht hatten, durfte sie annehmen, dass dieser sie dann unmöglich zurückweisen würde, wenn sie an ihn ein drittes Schreiben richtete mit der Bitte, ihm wenigstens noch die Dinge, die ihr der Knecht aus dem Weissen Ross gegeben, persönlich einhändigen zu dürfen ...

Nun klopfte es ...

Nück meldete sich