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... Auch des Stephan Lengenich gedachte sie ... Sie folgte mit beklommenem Atem ...

Jetzt kamen die Stellen, die schon lange Veranlassung gegeben hatten, diese Gänge teilweise zu verschütten. Sie kreuzten sich auf eine gefährliche Weise mit den Kanälen der Stadt. Schon war vorgekommen, dass diese oberhalb sich hinwegziehenden Rinnen durchgebrochen waren und die tiefer liegenden Gänge überfluteten. An diesen Stellen befanden sich Stützgerüste und doch rieselte es von oben herab, ja Bickert sagte, dass man bei grossen Regenwettern bis ans Knie im wasser stünde, von dem man dann weder wisse, wo es herkäme, noch wie es abflösse ...

Der Weg durch die Stützbalken konnte den Beherztesten erbeben machen. Man musste sich hindurchzwängen mit Gefahr, eine der Palissaden einzureissen. Dabei waren die Moppes'schen Keller noch nicht zu Ende ...

Eine Ermutigung lag in dem Anblick einer kleinen uralten Gottesmutter, die in der Tat an einer Stelle, wo der gang sich in zwei Teile spaltete, in einer Mauernische stand. Bickert beleuchtete sie mit der Laterne. Er schien nicht die Empfindung Stephan Lengenich's zu haben, dass dies alte Steinbild Lucinden glich ... Und doch hatte in einem Punkt der alte Geisterseher Recht ... In dieser schauerlichen Einsamkeit war der Anblick des wohlerhaltenen alten Steinbildes wenigstens wirklich, als wenn man ihm Leben hätte zuerkennen müssen. Die Augen, der Mund, die Stirn unter dem weit über sie hinfallenden Schleier hatten auch eine gewisse Aehnlichkeit mit Lucinden. Das Kind auf dem Arm der kleinen Figur schien wie lebendig, ja wie sprechen zu können. Lucinde fühlte selbst, wie mächtig der Eindruck war, der einen Räuber bestimmte, hier die Mütze abzuziehen, die Laterne auf den Sims der Nische zu stellen und den steinernen Saum des Kleides der hier in dunkeln Grabesgrüften wie mit Bewusstsein wachenden Gruppe zu küssen ...

Dann bekreuzte er sich und liess Lucinden näher treten ...

Wenn ich damals auf dem Cimetière in St.-Wolfgang, sagte er, diese hier im Sarge gefunden hätte, wäre ich schon früher zur erkenntnis gekommen ... Es ist mein Fluch, dass ich Bickert heisse, eigentlich Picard, Mademoiselle! Das ist die alte Chochemfamilie, die ihre Vettern am Galgen hat paradiren sehen, la bonne famille de Damian Hessel und manchem andern da oben am Hundsrück! Sie haben alle den Schwur gehabt, nie Blut zu lecken, und doch sind sie durch die Luft und mit dem grossen französischen Balbiermesser aus der Welt gegangen. Ah! Ah! ... Nun treiben sich die Enkel und Nachkommen umher, haben sich auch umgetauft, wie mein Vater selig schon, der mit fünfundzwanzig Jahren travaux davonkam und mich heilig machen wollte wie einen Kanonikus. Aber es liegt im Blut und erst die dasehen Sie, jetzt wird sie sprechen! – Die da sagt mir immer hier unten, wo mich die alte Jeanette unterbrachteeine Connaissance von meinem Vater seligPicard! Picard! sagt sie, dein Grossvater war zwar ein Jude, aber in deiner Grossmutter Dina Jakob und Rebekka, ihrer Schwester, war Stolz; beide haben auch darum, aus Eifersucht und Rache, selbst ihre Männer an den Galgen gebracht. Vom Grossvater und vom Grossonkel hast du's, dass du noch immer den Hahn nicht krähen hören kannst, ohne an Brecheisen und Rennbaum zu denken! Aber nimm dich zusammen, Picard! Komm zu mir, so wird es gehen und du wirst noch Ratsherr werden in Gröningen, wo deine Ahnen wohnten!

Lucinde hatte einen Augenblick der Ruhe nötig ... Sie lehnte sich an das Marienbild und hörte den Worten des Räubers schauernd zu ... Auch ihr sprach das Bild ...

Das Wunder belebter Statuen und augenbewegender Bilder beruht, wenn auch nicht immer, doch meist auf der Einbildungskraft und dem Zauber der Kunst. Wem würde ein lange betrachtetes Bild nicht zuletzt mit dem Auge geblinkt haben! Welcher gemalte oder richtig plastisch geformte Mund würde nicht leise zucken, den man beobachtet im Zusammenhang mit allem übrigen, was an einem Bilde oder an einer Statue dem Leben abgelauscht wurde? Einem Künstler sprach die Sixtinische Madonna: Komm' in mein Himmelreich! Er hatte deutlich die Worte gehört, dieser berühmte Kupferstecher, der Linie um Linie die majestätische Himmelskönigin mit dem Grabstichel wiedergeben wollte. Der Wahnsinn umnachtete sein Gemüt für immer; der Glaube ist eine Umnachtung für den Augenblick.

Die schauerliche Einsamkeit hier unter der Erde, die edle Gesichtsform des Bildes, die Beleuchtung durch die wenigen Lichtstrahlen der Laterne, die Stimmung und Prädisposition des Gemüts, alles kam zusammen, dass auch Lucinde auf Verlangen des grauenvollen Menschen feierlich bei diesem Bilde beteuerte, den Zufluchtsort, den hier ein Verbrecher im alten Professhause gefunden, nie zu verraten.

Noch mehr ... Bickert hob an der Madonna einen Stein auf, zog ein schmuziges Bündel hervor und sagte:

Ich mag nicht mehr an die Galeere! Ich wollte hier im land Pferdehandel treiben! Maisich kam auch da wieder auf falsche Fährte. So wurde' ich Knecht im Weissen Ross. Niemand kannte mich. Ich simulirte einen ganz andern Menschen. Es gingmais! Da müssen Sie kommen, Mademoiselle, Sie – n'ayez peur! Siebenundvierzig bin ich jetzt, Mademoiselle. Ich ginge liebernach Amerika, wenn ich das Geld dazu hätte! Verdienen konnte' ich's schon, aber der Weg kamun peu trop