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Lucinde hielt sich an der feuchten Mauer ...
Ich will Ihnen lieber etwas zu soupiren bringen, sagte er nach einer Weile; und auch einen alten Mantel ... Sie werden Angst kriegen vor – vor – und bleiben die Nacht lieber hier –
Wovor Angst? Nimmermehr! hielt ihn Lucinde zurück ... Ich fürchte nichts!
Bickert untersuchte seine Schlüssel und tastete vorwärts ... Mit einem Streichhölzchen machte er Licht und zündete eine kleine Laterne an, die er aus der tasche zog ... Rings sah man, wie in einem Bergschacht, nur feuchte Wände; doch konnte man bequem und aufrecht stehen ...
Inzwischen ging Bickert wieder voran ... Lucinde folgte klopfenden Herzens ...
Plötzlich hielt er inne und sagte mit fürchterlicher Drohung: Mais –: Wissen Sie, dass Sie mein Verderben ganz allein gewesen sind?
Lucinde wich entsetzt zurück ...
Sie haben mir's in den Kopf gesetzt ... o mon Dieu! Ich war auf einem so räsonnablen Wege ...
Fast die Zähne knirschend stand er mit geballter Faust vor ihr ...
Lucinde blieb starr und sprachlos ...
Ein Gefühl der Erlösung sprach sich erst in einem laut ihr entschlüpfenden Ah! aus, als Bickert im Gehen fortfuhr:
Und das Beste ist, der Pfaffe aus St.-Wolfgang ist hier, und ich komme neulich in seinen Confessional und sag' ihm alles. Ich selbst! Sapristi!
Lucinde hörte nur, ohne zu verstehen ...
Aber ich erhielt mon fait! Ich hatte in Frankreich zwanzig Jahre Galeere! Warum blieb' ich nicht räsonnabel!
Lucinde blieb hinter dem entsetzlichen Menschen zurück. Sie überlegte, ob sie folgen konnte ...
Courage! Courage! rief er. En avant! Das erste mal hatte' ich auch noch keine Courage! Die Ratz meinen's besser als sie aussehen! Stossen Sie sich nicht! Warten Sie! Das Licht brennt méchant!
Lucinde war ohne Atem. In kurzen fiebernden Schlägen klopfte ihr Herz. Sie sah, wie Bickert die Gläser seiner Diebslaterne heller putzte ... Und der Mauerspalt wurde immer enger und enger ...
Ihrem Pater, au prisonnier, hab' ich auch einmal hier den Weg gezeigt – Wenn der jetzt wüsste, dass Sie – Figurez vous! Ich beichte dem Pfarrer und habe versprochen, ihm alles, was ich damals auf dem Kirchhof aus dem halben Geripp herauswickelte – zu schicken! Qu'avez vous?
Ein Schrei des Schauders entfuhr – aus doppeltem Anlass – Lucinden ...
Bickert blieb stehen ...
War's eine? lachte er ...
Er meinte eine Ratte ... Schon hörte man ein Huschen und hastiges Dahinspringen ...
Worauf tritt man denn hier ewig? fragte Lucinde, wieder über eine andere Erfahrung erbebend ...
Der Führer beleuchtete den Boden ...
Das war gut! sagte er. Da liegen sie! Tous crevés! ... Nehmen Sie nur nichts mit von dem Biscuit, das hier auf dem Boden liegt! Die dicken Kerle, messieurs les rats, haben gedacht: Das legen wir noch zurück für ein andermal! Die Ratz sind hier immer satt ... weil es tote Katzen und Hunde genug hier gibt ...
Lucinden war es, als atmete sie Gift und Pestauch aus der Luft ... Jetzt blieben ihre Vorstellungen haften bei dem Gedanken an die "Frau Hauptmännin", an Hammaker, an das Schaffot, an Nück's grauenvolle Rede ...
Die Wanderung durch einen kaum drei Fuss breiten und sechs Fuss hohen gang glich in jeder Beziehung dem Besuche eines Bergwerks. Die Wände oben und zur Seite waren gemauert, aber so feucht, dass sie von Schimmel und Schnecken bewachsen waren. Der Boden unten war festgetretene Erde, aber schlüpfrig zum Ausgleiten. An Stellen, wo die Decke eingestürzt war, musste man über die Trümmer hinweg und den Kopf bücken. Die Luft war schwül und giftig, sodass die Wanderer sich wohl Mut durften einflössen lassen durch die zuweilen von Mauersteinen hervorgebrachte Form des Kreuzes, vor dem auch Bickert regelmässig sich verbeugte ...
Wenn wir nur erst an die grossen Keller kommen, rief er, so haben wir bessere Luft!
Dabei lärmte und polterte er fort und fort und huschte vor sich hin. Diese Vorsicht galt den Ratten, die auf die Art vor ihnen hergejagt wurden ...
Die überzeugung, der Verbrecher vertraute ihrer Verschwiegenheit und hätte nichts Uebles im Sinn, gab Lucinden Mut und schon nahm sie ihr Erlebniss von seiner abenteuerlichen Seite. Ihr jedesmaliger Aufschrei, wenn sie auf ein Opfer des kürzlich gestreuten Giftes trat, wurde beiden schon zur Unterhaltung ...
Der gang erweiterte sich und zeigte an einigen Stellen runde, stark vergitterte Oeffnungen. Eine derselben war so gross, dass man in einen Keller sehen konnte, in den Bickert hineinleuchtete ...
Da, sagte er, da möchte' ich manchmal die Eisenstangen ein wenig poliren – er meinte feilen – Sehen Sie die grossen Fässer! Die gehören Monsieur Moppes. Ich glaube, sie werden aufgespart für die Gerechten beim Jüngsten Gericht!
Lucinde kannte Herrn Moppes junior, seinen Humor und seine vortreffliche stimme. Noch gestern hatte im Kattendyk'schen haus sein Genius geleuchtet ... Welch ein Unterschied der Situation! Gestern sie mit ihm im Salon und heute – sein Name ihr hier gesprochen unter der Erde!