Wenn sie hier den Tod der Verzweiflung sterben sollte, schon am Ende ihrer – die dunkelste Zukunft ihr schon immer zu bergen scheinenden Lebensbahn?
Eine Gefahr des Augenblicks konnte Lucinden ganz beherrschen, wie jedes andere zagende Weib. Hatte sie aber Zeit, sich erst auf eine Gefahr zu rüsten, so lag völliges Verzweifeln nicht mehr in ihrer natur. Auch gleich das Schlimmste festzuhalten war nicht auf die Länge ihre Art, wenn auch sogleich im ersten Schrecken höhnisch alle Dämonen sie anlachten, die im Benehmen der Menschen gegen uns und noch mehr in den Situationen, namentlich für die, die nicht das beste Gewissen haben, liegen können. Sie malte sich aus, was draussen geschah. Man wird mich vergebens suchen, die Polizei entfernt sich mit Klingsohrn – das Bellen der Hunde hörte sie – Kratzer wird Befehl erhalten, die Haussuchung fortzusetzen, Bikkert wird meine Entdeckung fürchten und vielleicht mein Bundesgenosse werden, vielleicht aber auch ...
Wieder befiel sie Furcht ...
Unter der Blouse war sie glücklicherweise warm gekleidet. Kühl fühlte sie sich nur angeweht, so lange sie erhitzt blieb. Ihre Stirn trocknete sich allmählich, sie gewöhnte sich an die Luft, die sogar über die steinernen Stufen von unten her wärmer heraufströmte. Schon entdeckte sie, dass man etwa mit acht Stufen im Beginn eines ausgemauerten Raumes war, der auch noch einen andern Ausgang haben konnte; denn unten umhertastend fühlte sie wiederum neue Stufen. Es lag hier jene Oeffnung, die in den Hof ging. Ein scharfer Zugwind, der aus einem entgegengesetzten Winkel kam, schien auf andere Oeffnungen zu deuten. Vielleicht begannen dort die Gänge, die, wie man sagte, fast unter der ganzen Stadt hinliefen und in jenen Palast mündeten, in welchem einst die hohen Kirchenfürsten, als sie noch souverän waren, oft von ihren eigenen Untertanen belagert wurden. Jetzt waren diese Gänge teilweise verschüttet, doch nicht ganz. Ein Zusammenhang sollte noch immer z.B. mit dem "steinernen haus" des Herrn Maria stattaben, auch hie und da eine Tür sich befinden, die in Kirchen und geistliche Wohnungen führte.
Alles das stand gespenstisch vor der Phantasie der ungeduldig Harrenden ...
Sie stieg die Stufen wieder hinauf, die an die von Bickert verschlossene Tür führten ...
Eine halbe Stunde mochte vergangen sein, als sie endlich Geräusch vernahm ... Es waren die Schritte eines Mannes, der sich vorsichtig näherte ... Die Tür wurde aufgeschlossen ... Auch ohne Licht sah ihr an die Dunkelheit inzwischen gewöhntes Auge ihren – fraglichen Retter vor sich stehen.
Eine Weile erst wie prüfend sie anstarrend bedeutete er sie, jedes Geräusch zu vermeiden ... Im haus wäre alles im Glauben, sie müsste sich irgendwo versteckt haben. Wenn sie nicht um Mitternacht, bis wohin er wiederkehren würde, von einem näher von ihm bezeichneten Fenster an einer Strickleiter hinuntersteigen wollte, würde sie erst am folgenden Tage entfliehen können, wenn vielleicht Kratzer ausginge und Frau Hanne in der Küche beschäftigt wäre. Das Haustor wäre bis dahin heute verriegelt und der Schlüssel von Kratzern selbst schon abgezogen worden ... Ein Steigen über die Mauer war der wachsamen Hunde wegen nicht möglich ...
Nimmermehr! rief Lucinde. Ich muss fort! Fort! Sogleich!
Sie erbebte bei dem Gedanken, wie sie ihr Ausbleiben im Kattendyk'schen haus entschuldigen sollte ...
Bickert, der plötzlich eine ganz andere, auffallenderweise mit französischen Brocken gemischte Sprache redete, als vorhin und als sie auch auf dem St.-Wolfgangberg von ihm gehört zu haben sich erinnerte, Bickert erklärte, dann wäre kein anderer Ausweg möglich, als hier durch die unterirdischen Gänge ... Die Schlüssel hätte er, sagte er ... Wollte sie, so könnte er sie an die nächste Oeffnung führen, durch die sie vielleicht ins Freie käme ... Mais – nun wandte er sich mit einer drohenden Geberde, ergriff ihren Arm und sah ihr mit aufgerissenen Augen ins bleiche Antlitz ...
Seid ruhig! antwortete sie. Rettet mich und ich schwöre Euch Verschwiegenheit! ... Dann wiederholte sie, wie sehr sie Eile hätte ... Schaudernd blickte sie in die Tiefe, die sie wie ein Grab anstarrte ...
Fürchten Sie sich nicht! wiederholte Bickert. Aber schwören sollen Sie mir unten am Muttergotteskreuzweg, dass Sie mich nicht denunciren!
Am Muttergotteskreuzweg? wiederholte Lucinde ...
In einer guten halben Stunde sollen Sie so gut nass werden, wie jetzt jeder andere draussen – schon wieder regnet es –
Lucinde bemerkte erst jetzt, dass sie bei all diesen Momenten des Schreckens ihr völlig unbewusst sowohl den alten Regenschirm, der Veilchen gehörte und leicht eine Entdeckung hätte herbeiführen können, wie die Druckermappe krampfhaft in den Händen festgehalten hatte ...
Bickert wollte wissen, wie sie zu dem Pater käme, und lachte höhnisch und zweideutig ... Aber bei alledem gingen sie schon vorwärts ... Er voran ...
Lucinde nahm die Frage nach dem Pater nur insoweit auf, als sie sich erkundigte, was mit ihm geschehen wäre ...
Sie haben ihn au collet genommen, sagte Bickert, sie haben ihn in den Wagen gesetzt, monsieur le commissaire nebenan und so um die Stadt herum! Ich denke, sie fahren ihn in sein Kloster zurück, von wo er hergekommen. Pst! ... unterbrach er sich selbst, blieb stehen und horchte auf, als wenn sie gestört werden könnten ..