Mauer gelehnt. Ein kalter Schweiss trat auf ihre Stirn ... Die Stiege brachte sie offenbar vollends ins Verderben, denn unten war der Raum abgeschlossen. Die einzige Tür, die in ein Souterrain führte, wich keiner der Anstrengungen, die sie machte, sie zu öffnen. Sie musste zurück, musste ihren Verfolgern in die hände fallen ...
Schon hörte sie Schritte und mit Verzweiflung warf sie sich wieder auf die Vorstellung: Käme jetzt der Knecht! Wär' es wirklich jener Bickert! Könnte, müsste er dich nicht retten? ... Er trägt die Schlüssel! Ich höre sie klirren! Oeffneten sie vielleicht diese Tür? ...
So stand sie mit glühenden Augen, krampfte sich mit der einen Hand an die Lehne der Treppe und blickte von der untersten Stufe empor, um, wenn wirklich der Knecht kommen sollte, ihn mit der andern festzuhalten. War er es, schaffte er nicht hülfe, so riss sie ihn mit ins Verderben ...
Ja, die groben Fusstritte des Knechts waren es, die immer näher kamen... Er fluchte und tobte laut, lachte, schien seine Dienstbereitwilligkeit im allerglänzendsten Lichte zeigen zu wollen...
Lucinde kämpfte vor Spannung und Furcht gegen ein Ohnmächtigwerden...
Geh' nach unten! rief Kratzer... Hanne! Hanne... Ich suche oben! Licht!
Auch die Hanne antwortete mit einer lauten Lache...
Der Commissär versicherte dazwischen, seinen Augen trauen zu dürfen... er hätte Niemanden hinausgehen sehen... Glücklicherweise klang diese stimme noch ziemlich entfernt...
Nahe aber, ganz nahe sprach in dem landesüblichen, fast künstlich betonten und Lucinden nicht geläufigen Dialekt der Knecht des Professhauses fortwährend durcheinander. Sie verstand nur: Hier vielleicht! Da! Im Ratzenfange!... Dann tappte Jemand die Treppe niederwärts und ringsum verbreitete sich ein Lichtschimmer...
Lucinde liess, jetzt sich ergebend, den Feind näher kommen, immer näher... sie machte sogar ein leises Geräusch, nur um ihn vollends niederwärts zu locken. Auf diese Art brachte sie ihn dicht an die verschlossene Kellertür.
Wie er jetzt triumphirend vor ihr stand, jauchzte ihr Herz auf, es war ihr kein Zweifel mehr: Es war der Leichenräuber! Derselbe halb verschmitzte, halb stumpfsinnige Ausdruck des Antlitzes! Dieselben lauernden Mienen, wie damals unter dem Nussbaum, als Bonaventura die Grabrede sprach!
Ha, ha, ha! lachte der Ankömmling grell auf...
Aber mit dem Rufe: Bickert! sprang sie dem sich zu einem Triumphgeschrei, das alle herbeilocken sollte, eben Anschickenden entgegen...
Da hielt der Mensch inne... Schon der Anruf seines Namens entsetzte ihn...
Dieb! Leichenräuber! Kennt Ihr mich nicht mehr aus St.-Wolfgang? fuhr sie mit tonloser, aber energischer stimme fort...
Der Verbrecher taumelte zurück... Er erkannte auch die Verkleidung...
Geht hinauf! fuhr Lucinde mit unterdrückter stimme, doch fest und bestimmt fort. Sprecht, hier wär' ich nicht! Oder ich rufe laut Euern Namen, Euer Verbrechen! Ich reiss' Euch mit ins Verderben! Fort!
Der Mensch taumelte wie angedonnert zurück und stammelte helllaut hinaus ein wiederholtes:
Da – ist – niemand! Da nicht – da ist niemand –
Nun hörte man die stimme des Assessors, hinter ihm den Ruf des Commissärs:
Ist denn also unten ein Ausgang?
Bewusstlos halb vor Freude, halb vor erneuter Furcht sank Lucinde an die Kellertür und halb auf den Fussboden zurück. Sie wusste nicht mehr, wo sich halten...
So lag sie einige Secunden...
Dass dann Schlüssel rasselten, hörte sie... dass eine Tür aufflog, dass sie plötzlich von tiefster Finsterniss umgeben war, dass sie die eine Hand ausstreckte, um sich zu halten und nur die Tür wieder fasste, die ebenso schnell wieder zugedrückt und geschlossen wurde... alles das war ein einziger bewusstloser Augenblick. Erst das Gefühl, der nächsten Gefahr entronnen zu sein, rief ihr die entschwundenen Lebensgeister zurück. Sie hätte aufjubeln mögen vor Freude, aber auch sich ausweinen in Tränenströmen vor Jammer der Seele, von den Torheiten ihres Herzens getrieben, sich in solche Lagen gewagt zu haben ...
Rings um sie her blieb alles dunkel und still ...
Eine dumpfe, feuchte Luft wehte sie aus der Tiefe an ...
Bei einigen Schritten, die sie, sich langsam erhebend und behutsam tastend, versuchte, bemerkte sie, dass sie sich beim Anfang niederwärts gehender steinerner Stufen befand ...
Dass sie vor der nächsten Gefahr, in ihrer Verkleidung erkannt zu werden, jetzt geborgen war, schien ihr bei der Verschmitzteit Bickert's fast gewiss zu sein.
Wie aber, wenn sie nur der einen Gefahr entronnen war, um einer andern entgegenzugehen? ... So in diesem Dunkel und im Beginn jener unterirdischen Gänge, von denen sie so oft gehört hatte, kam sie durch eine nahe liegende Gedankenverbindung auf die Vorstellung des Lebendigbegrabenwerdens. Sie sah sich selbst in jenen Leichentüchern, die einst ein Räuber entweihte, den gerade i h r e wühlerische und unruhige Phantasie verführt hatte, in ihnen Schätze zu suchen. Wie, wenn sie der Verbrecher, der die Entdekkung fürchtete, aus Rache, mindestens aus Furcht nicht mehr ins Leben zurückliess? Wenn sie ohnmächtig und vergeblich an dieser Tür rütteln müsste?