1858_Gutzkow_031_380.txt

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Beim ersten Schritt aber, den sie hinaus tat, sah sie einige Schritte weiter den zurückgebliebenen Kratzer mit dem zweiten der Angekommenen, in dem sie sofort an seiner Montur einen Commissär der Polizei erkannte ...

Belebte sich auch ihr Mut, jetzt an dem Castellan vorüberzugehen und trotzig das Freie zu gewinnen, so entschwand er im selben Momente. Wie der Blitz trat sie zurück, als sich die Tür bei Klingsohr geöffnet hatte und nun auch Kratzer von einem mann mit hereingerufen wurde, den sie sofort aus Kocher am Fall und von ihrer Reise dortin erkannte, dem Assessor von Enckefuss. Nun würde sie der Commissär sicher nicht haben ungefragt vorübergehen lassen. Auch stand ihr noch jener am Tor wachende Gensdarm mit dem Anspringen seines Rosses vor Augen ...

Bebend hielt sie den Türdrücker in der Hand und lauschte der geöffnet gebliebenen Nebentür, wo sich eine lebhafte Erörterung entspann, die jeden Augenblick durch das Eintreten des Assessors auch zu ihr konnte unterbrochen werden. Ihre Lage war so verzweifelt, dass sie sich mit unwillkürlicher Ideenverbindung in ihren schrecklichsten Lebensmoment zurückversetzt fühlte, den, wo sie einst bei den Worten: "Johanna geht, und nimmer kehrt sie wieder!" den höhnischen Beifall eines versammelten Publikums vernahm ...

Mit den lauten und absichtlich betonten Worten: Das Gepäck eines Bettelmönchs, meine Herren, ist leicht! trat Klingsohr der Tür näher, gleichsam um zu verhüten, dass man die kammer betrat ...

Man verhaftet ihn! sagte sie sich zitternd ... Er muss den Wagen besteigen ...

Mit dieser schneller gedachten, als sich selbst ausgesprochenen Vermutung, hatte Lucinde den Mutoder die Furcht, die Türklinke noch einmal leise niederzudrücken und auf den Corridor mit einem hurtigen blick hinauszuspähen. Im selben Moment kam Joseph mit der neu angezündeten Laterne. Der Commissär wandte ihm das Antlitz zu, ging ihm sogar einige Schritte entgegen. Nun hielt sie keine Besorgniss zurück. Mit einem einzigen Sprunge war sie aus dem Zimmer, huschte den gang hinunter, tiefer in die vom sich annähernden Lichtstrahl nicht getroffene Dunkelheit hinein und hielt sich augenblicklich, ohne das Geräusch, das sie bei alledem hatte machen müssen, fortzusetzen, in der Türböschung einer der andern Zellen ...

fest angedrückt harrte sie der Dinge, die kommen würden.

11.

Im Leben der Seele ist es eine eigene Erfahrung, dass sie in Momenten ihrer höchsten Anstrengung Erleuchtungen wunderbarer Art erlebt.

Wie vorhin Lucinde in schwindelnder Angst das lachen eines Teaters hörte, wie hundert Vorstellungen vom Schicksal Klingsohr's, dem zerstörten Plane seiner Flucht, ihrer eigenen Gefahr, dem nun gewissen neuen Herabsturz von der Höhe, auf der sich ihr Lebensschicksal befand, ja der sofortigen Gewissheit, ein Opfer Nück's zu werden, ihr Inneres fiebernd durchliefen, sah sie plötzlich nichts weiter vor sich, als den Tag, wo sie im vorigen Jahre den St.-Wolfgangberg hinauffuhr, die Stunde und den Moment, wo der Knecht aus dem Weissen Ross am Fuss der Maximinuskapelle vor ihr herging und lauernd von dem Begräbniss des alten Mevissen in St.-Wolfgang sprach.

Denn als sie aus der Tür auf den Corridor hinausgespäht hatte, fiel gerade der Schein der von dem Knecht hochgehaltenen neu wieder angezündeten Laterne so grell auf seine Züge, dass sie im Moment des Hinausschlüpfens sich sagte: Das ist ja jener Knecht, der den Sarg erbrochen hat! ... Ebenso schnell wusste sie den Namen Bickert und ebenso schnell baute sie auf diese Entdeckung, deren Wahrscheinlichkeit wuchs, einen Plan der Rettung.

Noch schien man, mit der Verhaftung Klingsohr's beschäftigt, ihrer nicht wieder gedacht zu haben. Von Secunde zu Secunde, wo sie es wagen zu dürfen glaubte, machte sie einige Schritte weiter zu einer nächsten Tür, an die sie sich andrückte. Glücklicherweise waren diese Zimmer ohne Bewohner. So lebendig es auch inzwischen im ganzen Professhause geworden war, so zahlreich am entgegengesetzten andern Ende des Corridors Neugierige aus den Zellen kamen und einer gewaltsamen Abführung des Paters Sebastus mit Staunen zusahen, in ihrer nächsten Umgebung blieb es still. Schon war sie an einer Stiege angekommen, die einen Stock höher ins Dach, hinunter ins Erdgeschoss führte ...

Eben zögert sie, ob sie den letzteren Weg wählen soll oder nicht, eben sieht sie Klingsohrn aus seinem Zimmer schreiten, barfuss, barhaupt, ohne andere Habe, als die Kratzer, in ein Bündel zusammengelegt, hinter ihm herträgt; da scheint plötzlich die ganze Aufmerksamkeit von fünf Menschen zu gleicher Zeit auf die Erinnerung an sie allein gerichtet zu sein ...

Das Herausschreiten aus der Zelle Nr. 16 war nun schon ein Suchen nach ihr ...

Die Worte: Noch ein Bursche war da? Wo? Wann? Noch eben hier? Niemand ist doch hinausgegangen! schollen durcheinander. Das Offenstehen der zweiten Tür wurde ebenso schnell als Zeichen heimlicher Entfernung erkannt und nun war sie schon mit behendem Fuss die abwärts führende Treppe hinunter ...

Die nachkommenden Schritte, das Suchen der Rufenden hörte sie, als drohte ein Welteinsturz ... Herr von Enckefuss gebot mit lauter stimme, alle Ausgänge zu besetzen ... Ihr klang es wie Todesurteil. Der Commissär fing an, rasch nacheinander alle Klinken der oben liegenden Zellen niederzudrücken ... Wie ein laufendes Gewehrfeuer klang es ... Kratzer's Ehre war im Spiel. Klingsohr hatte versichert, dass der Bursche nicht mehr bei ihm war.

Lucinde lag an die