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dem Anblick. Lucinde sah nicht älter aus als sie war. Sechzehn Jahre und eine solche Reife des Urteils! Fast kindische Bewegungen, die Beine übereinander geschlagen, im Schoose den Hut, die Nadel im mund, ein Kamm aus der Kleidestasche zu hülfe genommen, um losgegangene und verworrene Härchen im Nacken hinten zu einer kleinen Welle zu runden, und, als der Strohhut dabei zur Erde fiel und Klingsohr hinzusprang ihn aufzunehmen, den Hut ruhig auf die Füsse des Steinbildes über sich gehängt ... Alles das allerdings mit bestimmtem und bewusstem Wohlgefallen an der immermehr erglühenden Teilnahme der neuen Bekanntschaft und doch ganz wie zufällig und absichtslos. Klingsohr hatte sich jetzt gleichfalls auf die Bank gesetzt, so aber, dass er, bald das Steinbild, bald sie betrachtend, elegisch improvisiren konnte:

Am fuss des Erlösers

Hängt ihr pariser Hut

Und ihre dunkeln Locken

Netzt heil'ger Wunden Blut ...

kennen Sie Heine? unterbrach er seine Parodie ... Gewiss! sagte sie. Der Kammerherr kann ihn auswendig! Der Kammerherr! fuhr Klingsohr, jetzt hingerissen von der Schönheit und Lieblichkeit der Erscheinung, auf: Ist es denn möglich! JérômeEr stockte in seiner Rede, ergriff Lucindens Hand, zog sie an sich und sah ihr mit seinen jetzt weit geöffneten grossen Augen ins errötete, von der Wanderung und dem Schreck über sein Benehmen doppelt erglühende Antlitz ... Und nun ein ganz kokett strafendes, kindisch mädchenhaftes: Aber Herr Doctor! womit sie aufsprang und in rascher Handbewegung den Hut ergreifend weiterging. Klingsohr folgte wie bebend. Er konnte annehmen, dass Lucinde ihm entfloh und die Nähe des Parks benutzte, vor den Gefahren einer Fortsetzung dieser einsamen Begegnung sich zu sichern ...

Wie aber, als wenn nichts geschehen wäre, wandte sie sich plötzlich und lenkte auf das frühere Gespräch zurück mit den Worten:

Ja! Lassen Sie uns beide Frieden stiften zwischen Neuhof undwohnen Sie auch auf der Buschmühle?

Klingsohr, über dies Vergeben und Vergessen selig und von den Künsten, die eben auch so nur Lucinde kannte, schon umstrickt, wie alle, die ihr bisher begegneten, wiederholte, wie wenn er sich auf nichts besinnen konnte:

Frieden? Was? Buschmühle?

Ja, half sie nach, zwischen Ihrem Vater und ...

Unmöglich! fuhr er sich besinnend und wild auf. Die Welt muss in Flammen stehen! Krieg! Krieg! Aller Dinge Vater ist der Krieg! singt Pindaros. Und ich respectire sogar diese alte Hünennatur des Kronsyndikus! Dies Geschlecht ist schon seit dem Tage, da Karl der Grosse seine Vorfahren gebunden in die Weser jagte und mit Gewalt taufte, Hadern und Streiten gewohnt und hat eine natur dafür, auch den alten reichsunmittelbaren und kaiserebenbürtigen Dünkel, der immer hoch zu Ross sitzt und sich in seinen Rüstkammern sogar noch die Schwerter aufbewahrt, mit denen ihre Ahnen gelegentlich in Regensburg, Gota oder Soest drüben als Landfriedensbrecher hingerichtet wurden! Die haben solche Aufregungen nötig! Nur wir Plebejervolk verlieren immer gleich den Atem, sind zu kurz, zu dick, zu untersetzt stämmig für solche Fehden ... kennen Sie meinen Alten?

Lucinde hatte den Deichgrafen oft reiten und fahren sehen und erkannte aus des Doctors Schilderung die kleine, corpulente Persönlichkeit eines Charakters, der, wie sie sah, vom Sohne selber aufgegeben wurde ...

Aber dürfen Sie denn drüben überhaupt sagen, dass Sie mit mir gesprochen? fragte er.

Sein Ton war wieder so zärtlich, dass Lucinde sich seiner Annäherung entzog. Und jetzt hatte er zwei Blütenzweige von einem Obstbaum über sich abgebrochen und legte den einen stumm in ihre Hand, den andern senkte er ohne ein Wort zu sagen in die Erde. Er bezeichnete damit eine Stelle, wo Lucinde seitwärts vom Wege eine Weile gestanden hatte. So redete er fast die Sprache seines Freundes, des Kammerherrn.

An dergleichen demnach gewöhnt, widersprach sie gar nicht, sondern liess ihrer neuen Eroberung ruhig lächelnd auch diese Huldigungsform. Der Doctor pflanzte den Zweig und schwieg bewunderungsvoll.

Als die Procedur vorüber war, kamen sie an die kleine Pforte des Parkes, zu der Lucinde den Schlüssel hatte.

Ringsum war alles still, niemand kam des Weges ...

"Das Schweigen ist der Gott der Glücklichen!" flüsterte Klingsohr rings um sich blickend, und dann wieder seufzend rief er:

Jérôme! Jérôme! Wie ist es nur möglich, Jérôme!

Verdriesslich über die Anspielung auf ihr verhältnis zum Kammerherrn erwiderte sie kurz:

Ich verstehe Sie gar nicht! Adieu!

Klingsohr folgte, blieb dann plötzlich stehen und sprach laut:

Die Linde blühte, die Nachtigall sang,

Sie Sonne lachte mit freundlicher Lust;

Da küsstest du mich und dein Arm mich umschlang,

Da presstest du mich an die schwellende Brust!

Die Blätter fielen, der Rabe schrie hohl,

Die Sonne grüsste verdriesslichen Blicks;

Da sagten wir frostig einander: Lebwohl!

Da knixtest du höflich den höflichsten Knix!

Lucinde erwiderte lachend: Ein so gelehrter Mann und fremde Citate? Hüten Sie sich, mein fräulein, rief Klingsohr, wenn ich Original werde! Dabei streckte er wild die arme aus. Es war eine Geberde, wie wenn er den Himmel auf die Erde herabziehen könnte. Sie erschrak und entschlüpfte.

Am Gitter, wo sie aufschloss, wendete sie sich noch einmal ...

Ihr Begleiter war nicht mehr weiter gefolgt. Auf sechs oder sieben Schritte blieb er zurück, wie wenn er seiner Kraft nicht traute weiter zu gehen.