1858_Gutzkow_031_379.txt

der alles in der Welt an seinem rechten platz wünschte, keine Fähigkeit unbenutzt, jede Bestimmung der natur von den Umständen eingeholt. Bei der fernern Besprechung des von ihr vorgeschlagenen Planes bewunderte er die gereifte Einsicht eines Mädchens, dessen entwicklung er selbst gefördert, zu solcher Höhe des Charakters bildsam sich nimmermehr vorgestellt hatte. Schon war er gefangen von ihren Vorschlägen, überredet von den Erleichterungen ihrer Ausführung, geblendet von den Mitteln, die ihr in unbegrenzter Anzahl zu Gebote zu stehen schienen ... Er versprach es, sich aufzuraffen ... Morgen in erster Frühe sollte ihm der Druckerbursche Kleider bringen ... In der Abenddämmerung wie jetzt wollte er entschlossen auf das Hoftor zugehen, den Schlüssel, der von innen steckte, umwenden, und noch ehe man ihm nachsah, versicherte er, dass der Wagen ihn schon aufgenommen und entführt haben könnte ... Diese Verständigung war, als wenn ein in Schutt begrabener Brand durch den Hinzutritt von Luft sich aufs neue entzündet. Die Flammen der Jugend schlugen empor, alle Wahngebilde der Selbsttäuschung wirbelten in flockigen Feuerzungen ... Ich dich lassen! rief er wie einst. Ich dich nicht wiedersehen, Lucinde! Mein Geschick ist und bleibt, zu sterben am gebrochenen Herzen durch deine Untreue, deine Falschheit, deine LügeHimmelsbote, vergib, dass ist dich lästere! Lucinde! Lucinde! Liebst du wirklich jetzt

Sie entwand sich seiner Frage, seiner Berührung ...

Nur den Saum deines Kleides lass mir! Ganymed! Götterknabe! Bist ja nurmein Bruder! ... Ach Lucinde! Zu wissen, dass dein Herz, deine Liebe einem andern, einem Mann gehört, der die Himmel deines Besitzes nicht ahntverschmäht wohl gar –?

Plötzlich unterbrach Lucinde seine ihr tief schmerzliche und teilnehmende Rede ...

Es war ihr eben gewesen, wie wenn mit einem Eisenstab an die Torpforte geklopft wurde ... Dann klingelte es heftig ...

Sie sprang auf und sah in den Hof hinunter ...

Jemand leuchtete mit einer Laterne im hof Ankommenden entgegen ... Statt eines traten zwei Männer herein. Die Torpforte blieb offen ...

Wer kommt da? fragte Lucinde, schon erstarrt, den gleichfalls völlig Besinnungslosen ...

Ihre Worte erstickten im Schrecken vor dem Zurückspringen eines scheuen Pferdes und dem hören eines metallenen Klanges, der von einer Waffe zu kommen schien ...

Auch eine geschlossene Chaise liess sich aus der spärlich erhellten Dunkelheit als draussen vorgefahren erkennen ...

Wem gilt das? fragte Lucinde ...

Klingsohr wollte das Fenster öffnen ... Sich langsam sammelnd sprach er vom andern Flügel des Hauses, in den man vielleicht einen wahnwitzigen Priester brächte oder aus dem man den, der das Haus schon lange beunruhigte, abholte ...

Dem Joseph war unten die Laterne ausgegangen und hellauf gellten die ihm von Kratzern über seine Ungeschicklichkeit gemachten Vorwürfe. Frau Hanne wurde gerufen und im selben Augenblick, wo gerade einer der Bewohner des Hauses heimkehrend durch die offene Pforte eintreten wollte, sprengte der Reiter ihm in den Weg und fragte nach seiner Befugniss, hier einzutreten ...

Es war ein Gensdarm ...

Was wird?! fragte Lucinde verzweifelnd und die Worte: Wenn ich entdeckt würde! erstarben schon auf ihren Lippen ... trotzdem, dass sie auf mögliche Entdeckung vorbereitet und auf alles gefasst gekommen war ...

Klingsohr beruhigte sie und horchte ... Die beiden Civilisten hatten mit Kratzer schon den Mittelbau betreten. Schon hörte man sie auf der Stiege reden, ohne dass durch die langen Corridore der Inhalt ihrer Worte verständlich werden konnte ...

Mich hier treffenmich erkennen! Nimmermehr! rief Lucinde. Auf ewig wär' ich verloren!

Alle ihre Fassung war hin ... Schon hatte sie die Tür ergriffen und sogar ihren Regenschirm wie zum Schutz in der Hand ...

Man geht drüben hinüber! beruhigte Klingsohr, der sich in die Störung nicht finden konnte ... Oder geh', geh'! sprach er ihr nach, da sie schon ging. Man wird dich durchlassen. Hier nimm die Papiere! Mut! Mut! Morgen geh' ich nach Belgien! Wir sehen uns wieder!

Lucinde stand plötzlich, einer Ohnmacht nahe ...

Lucinde! Hast du mich nicht neu belebt? Und du willst zagen? Höre ruhig! Was du mir rätst, ist nichts Kleines. Ich werde ein Verräter an meinem Orden! Ich büsse drei neue furchtbare Jahre meines Lebens! Man wird mich in Kerker und Peinen der entsetzlichsten Art werfen! Ich kenne, was ein Flüchtling aus einem Orden in einen andern zu bestehen hat! ...

Lucinde hörte nicht mehr ...

Nummer Sechzehn? sprach sie nach aussen das Ohr spitzend einem Worte nach, das sie gehört zu haben schien ...

Mechanisch sprang sie an die Seitentür, die zu Klingsohr's Schlafcabinet führte ...

Klingsohr konnte sie nicht halten und in der Tatschon nahten sich die Schritte der Ankömmlinge und schienen wirklich nur seine Tür zu suchen ...

Instinctmässig drückte Lucinde die Kammertür an und tastete im Dunkel nach dem Ausgange, der gleichfalls auf den Corridor führte. In demselben Augenblick, wo sie bei Klingsohr eintreten hörte und voll Furcht nach der Tür griff, um nach einem Schlüssel zu fühlen, schloss sie auch schon, da sie einen Schlüssel vorfand, leise auf, drückte die Klinke nieder und wollte davonhuschend sich