1858_Gutzkow_031_378.txt

zur Sühne brachte! Des Freiherrn Schuld wuchs mir zur tragischen. Wenn ich auch zagte, wenn ich auch das Herrscherwort des Gewissens hörtenenne so diesen dürren Kantischen königsberger Imperativwenn ich auch im kleinen Schacher und Handel mit dem Schicksal, im Versteckspiel mit der Entlastung der Brust mir den Streifen Tuch, der von des Freiherrn Jagdrock abgerissen, zu bewahren vorbehielt, ich mochte die weltliche Justiz nicht zur Siegerin machen über Poesie ... Lucinde, das ist aber mein Leiden! Ich will den Göttern ein gigantisches Schicksal abtrotzen und dennochmusst' ich Jérôme tödten, dennoch musst' ich dich verlieren, dennoch musst' ich

Lucinde unterbrach seine gesteigerte Aufregung. Aufs neue erschreckt sprang sie ans Fenster ... Der Wind jagte durch die Bäume und liess den schrillen Ton der Laternen pfeifen, die an ihren eisernen Haltern hin- und herschwankten ... Auf dem Gange rauschte es dahin daher mit schwerem Fusstritt ... Auch Klingsohr horchte auf ... Denn deutlich wurde die stimme Kratzer's vernehmbar, der dem rumorenden Knechte zurief:

Ist denn der Bursch noch immer oben?

Klingsohr! sprudelte Lucinde in mächtigster Erregung auf und ihr Ton nahm vor Angst eine grössere Wärme an ... Ein Wort! Ich, ich verstehe gewiss Ihren Uebertritt! Jagte mich denn nicht selbst das Schicksal und hetzte mich so lange, so furchtbar, bis ich

Lucinde! jauchzte Klingsohr auf und hob die beiden halbnackten arme aus seiner braunen Kutte ihr entgegen ...

Beide Convertiten hatten vielleicht nie so die Kraft ihres neuen Bekenntnisses gefühlt, so im Vergessen ihrer Gewissensbisse wieder sich riesig erstarkt gefühlt ...

Aber Lucinde gewann eher die Besinnung und die kalte Erwägung, als Klingsohr ...

Doch warum dieser Orden? fuhr sie fort. Warum dieses Gewand der Busse und Entsagung? Das ist ja deine unglückliche natur, dass du jedem Ding, das dein eigen geworden, sogleich die andere Seite abgewinnst! Erkennst du die schönste Lage, in der du dich befindest, zu tief, so quälen dich schon ihre Mängel! Immer gefiel dir die Sache, die du selber triebst, aber sie misfiel dir, wenn du sie auch unter den Händen anderer sahst! ... Ist der Beruf eines Bettelmönchs deiner würdig? Kannst du so deine Tat eines Vatermordesdenn Hehler wie Stehler! – vergessen? So diese Tat sühnen? ... Lehne den Vorwurf nicht ab! Auch mich beschuldigen oft desselben Verbrechens die gespenstischen Schatten von Vater und Geschwistern. Trotze jedoch unserm Menschenloose! bleibe gross! Ringe dich höher und höher! Flieh nach Belgien! Nach Lüttich! Deine gönner bieten dir die Hand! Kannst du dies Haus verlassen, der Wagen führt dich, wohin du willst! Werde Jesuit ...

Klingsohr hatte sich erhoben, ging mit seinen Sandalen zwar unhörbar auf und niederaber die schöne, mutige, beredsame Sprecherin hatte ihn in Flammen versetzt ... Im Begriff war er, sie an sich zu reissen und mit seinen Küssen zu bedecken ... Zu ihren Füssen mochte er sich werfen, die schlanke Gestalt umschlingen ...

Lucinde ahnte diesen sich mehrenden Sturm seines inneren, deutete, um ihn durch Vorsicht zu beschwichtigen, auf einen anrollenden Wagen und fuhr fort:

Ich finde dich ganz so, wie Serlo dich beurteilte! Du glaubtest, sagte dieser seltene Mensch, andere zu beherrschen und wärst der Sklave nur derer, die dich bewundern! Ohne den Wind, den du selber um dich her machtest, wärst du sogleich auf dem Sande! Stürme glaubtest du zu beschwören, die die Welt erschüttern, und du wärst doch nur der Mann des Sturms im Glase wasser! Kleine Huldigungen könnten dir zur Abschlagzahlung für die grössten Erwartungen dienen, in denen du dich täuschen liessest! Wahre Erfolge wärst du so wenig gewohnt, dass man dich mit Kupfer statt mit Gold befriedigen könnte!

Nein! rief Klingsohr wild und ergriff einen Riegel des Fensters, als könnte er diesen vom Holze reissen vor beleidigtem Ehrgefühl ...

Nimm von mir die Lehre, fuhr Lucinde lächelnd fort, die sich auf die bitterste Erfahrung auch meines Lebens begründet, dass wir zu grund gehen, wenn wir uns kein Ziel mehr stecken! Im Kloster könntest du zwei Ziele haben: Priester zu werden, du bist es nicht, dann ein Heiliger! Beides aber wird deiner natur mislingen. Tritt aus diesem Cirkel, in dem du lebst, heraus! Geh nach Belgien! Unterwirf dich den Strafen und Bussen, die man anfangs über dich verhängen wird! Bei der Beurteilung des Dranges, der dich trieb, deinen Ueberzeugungen mehr zu nützen, als du im Kloster Himmelpfort vermöchtest, wird man etwas deinem geist Natürliches in dieser Flucht finden und dir in Rom Verzeihung erwirken!

Für Klingsohr war schon Melodie, sich so von Lucinden nur das alles gesprochen zu vergegenwärtigen. Dann aber auch regte sich sein Ehrgeiz. Längst schon zwang man ihn, sich aufzugeben. Und nun sollte er von ihr, von ihr wieder neu aus den Trümmern seines Lebens zu einem "Titanengebilde" zusammengestellt werden, von ihr, deren Hand einst dies Bild zuerst zerschlagen hatte? Gönnte sie denn der Kirche wirklich, forschte sein trunkener blick, einen Streiter wie ihn? Hatte sie noch so viel Teilnahme, dass sie ihm in seinem Jammer beistand und die Verwertung seiner Fähigkeiten erleichterte? Klingsohr glaubte in der Tat nur aus ihrem mund die Sprache eines Philosophen zu hören,