Ihnen wohlwollen, Ihren Geist schätzen! Wie konnten Sie gerade diesen Orden wählen, der Ihnen eine völlige Entsagung vorschreibt, Ihnen nichts mehr zu sein oder zu werden erlaubt?
Klingsohr überlegte von dem Gesagten nichts. Er horchte nur der so wohlgeordneten Rede und dachte: Bist du denn das Mädchen vom Düsternbrook, von den beiden Apfelblütenzweigen, vom fest der Dämonen in jener Nacht, du, die Mondscheinwandlerin am Alsterufer, die Reiterin am Busen der Baltischen See?
Eine schreckliche Last, die auf Ihnen liegen muss! fuhr sie fort. Ich verstehe Ihren ganzen Lebensüberdruss –
Seit unserm Abschied in Lüneburg! hauchte er endlich tonlos ...
Auch Lucinde horchte seinem jetzigen Redeton ...
Noch immer, weisst du, hab' ich die Hand der Serlo'-schen Kinder in der meinen! sagte er leise. Vor einigen Monaten sah ich sie hier wie Marionetten springen!
Lucinde wollte den Uebergang in elegische Töne, die Klingsohrn, wie sie hörte, noch immer zu Gebote standen, hindern ...
Dennoch begann sie vom Vergangenen, wenn auch im kühlsten Tone:
Ich habe mich oft gefragt, Klingsohr, was Sie damals wohl bewegen konnte, so den Kronsyndikus zu schonen!
Schenkte er mir nicht Lucinden? ...
Klingsohr sprach dies in der zarten Dämpfung, die ihm eigen war, wenn er Stellen aus eigenen oder fremden Dichtungen sprach ...
Das ist es nicht allein! sagte sie. Steht Ihnen Ihre Mutter immer noch so rein und unbefleckt, wie damals vor Augen?
Derselbe Engel! ...
Das Gespräch schien nun so in der Erörterung der Vergangenheit fortgehen zu können, aber plötzlich trat Lucinde ans Fenster ...
Es hatte geklingelt ... Draussen fuhr schneidend der Wind, rissen die Hunde an der Kette ...
Ich muss eilen! brach sie mit einem ängstlichen blick auf das feuchtbeschlagene Fenster ab ... Also, was sag' ich Ihren Freunden? Wohin wollen Sie fliehen?
drei Worte nur und dann – in den Tod! rief Klingsohr, faltete die hände und hielt sie empor, wie für sich betend ...
Lucinde entsetzte sich über diese Geberde ...
Die Hauspforte hatte einen heimkehrenden Bewohner eingelassen ... Sie liess sich beruhigter auf einen harten Sessel nieder ...
Lucinde! rief Klingsohr voll Feuer ...
Vom Kronsyndikus sprechen Sie! lenkte sie auf Mässigung zurück ...
Warum ich den Kronsyndikus schonte? sprach Klingsohr sich sammelnd. Sieh, Lucinde, hier in meinen "Stufenbriefen vom Kalvarienberge des Lebens" steht: "Gerechtigkeitübt sich nur im Kampfe gegen sein eigenes Ich! Wer zu dem erhabenen Bau der Pyramiden voll Bewunderung emporblicken will, muss der blutigen Geissel nicht achten, die einst die im Sonnenbrand verschmachtenden Völker zwang sie zu bauen! Wie erstirbt in den Gemütern immermehr jener Geschichtssinn, der das Erbe der Vorvordern nur mit der Absicht antritt, es ebenso den Enkeln zu hinterlassen! Voll Andacht betrittst du die Stelle, wo einst ein grosser Mann atmete; bewunderst den Federzug, den eine Hand führte, die wir mit schauerndem Entsetzen so gleichsam lebendig sehen, die Hand, die Reiche stürzte, Schlachtenpläne schrieb! Um wie viel denkwürdiger ist der Griffel Klio's, sind die Runen, in denen Saturn schreibt –" ... Doch, lies das selbst, unterbrach er seine Feierlichkeit, sank auf seinen Sessel und hauchte leise: Ich werde nicht allem Worte geben können, was damals mein Inneres durchschnitt! Auf der einen Seite die Leiche eines Vaters, auf der andern ein Mörder, von Angst und Reue gefoltert! Haargesträubt sass der Freiherr mir gegenüber, bekannte die Uebereilung. Im Wortwechsel am Düsternbrook war ihm die Hand an den Hirschfänger geraten; der Vater wandte sich zum Suchen eines Steins oder Holzes als Gegenwehr; die Waffe fuhr aus, fuhr in die unbeschützteste Stelle am Nackenwirbel, dahin, wo jede Verwundung tödlich ist. Der Zorn des Feindes war mit dem strömenden Blute verraucht; die Erinnerung der Freundschaft sogar stieg in dem zum Tod entsetzten Freiherrn wieder auf. Die Wildheit seines Wesens – was ist sie denn? Ein Uebermass der Selbstwertschätzung dieser Naturen. Sie kennen ihr menschliches Mass so gut wie andere. Soll ich's sagen? Ich empfand Mitleid mit ihm. Mehr noch! Ich nahm Partei. Ruchlos mag es erscheinen – Meine erste wissenschaftliche Arbeit war eine Betrachtung über die Politik der Bienen. Wir sollen dem geist leben, auch dem geist in der natur; aber schon die natur hat nicht alles gleichgestellt. Ich liebe die alte Regelung der geschichte, liebe die Stände, liebe die Unterschiede, die die Modephilosophie ausgleichen will. Spinoza, ihr erster Tonangeber, löste, was bunt und farbig im Leben blüht, in aschgraue Einerleiheit auf, die er die Substanz oder Gott nennt. Schon Kant aber lehrte uns, auf unser Ich und das innere Gebot zu lauschen. Wie viel mehr ein Glaube, wie der – unsere! Die Persönlichkeit, die sich in der geschichte austrägt, ist mein Gesetz! Verblendet von deinem Bilde, bestochen vom Glanz der Versprechungen des Kronsyndikus, befangen durch seltsame Märchen, die von meiner Mutter gehen, dazu der Gedanke: Das ein Enkel Wittekind's? Der Gedanke: Wollte Gott, es ginge gross noch und hochherrlich und in jedem Sinn hochfreiherrlich her im bureaukratisch geknechteten Vaterland! Ich beweinte meinen Vater, beweinte mich; was konnte es helfen, dass ihm der Kronsyndikus Ehre und Freiheit