und dort blitzt das Licht der jenseit der hohen Mauer angesteckten Laternen auf. Ein kalter Regennebel umhüllt die nächsten Umgebungen, die kleine Kapelle vor dem Eingang und die halb verwitterten Bäume. Die Hunde beginnen ein Wimmern, das ihnen mit eintretender Dunkelheit eigen ist und vielleicht der Erwartung des Mahles gilt, das ihnen Joseph bereits in irdenen Schüsseln bringt. Kratzer studirt an einem Dreierlicht mit der einem alten Militär eigenen Gründlichkeit die frisch angekommene Abendzeitung, die über den gestrigen "Krawall" neue Einzelheiten, neue Warnungen und Verordnungen der Regierung entält ...
Da wird heftig die Glocke gezogen ...
Joseph unten erhebt sich nicht von den Hundehütten, ruft die Hanne ...
Diese will eben in das Haus des Castellans mit einem Trunk Weins aus dem Keller hinken – denn zu Krieg und Frieden, zu neuen Avancements und neuen Orden trinkt Kratzer gern seinen Vesper-Schoppen ...
Hanne Sterz öffnet ...
Ein junger Mensch in einer blauen Blouse und mit schwarzer Sammetmütze, bedeckt von einem alten Regenschirm, kommt mit einer Druckermappe unterm Arm und begehrt den Pater Sebastus zu sprechen ...
Censurstriche! sagt die fast rauhe stimme rasch und entschieden ...
Joseph blickt etwas von den Hunden auf, deren Bellen er beruhigen muss ...
Hanne Sterz bringt von Herrn Kratzer ein: Passirt! ... Herr Kratzer will sich die gemütlichste Stunde des Tages, die Stunde des Schoppens und der Weltändel und der neuen Versetzungen in der noch immer heissgeliebten Armee nicht stören lassen ...
Der junge Mensch wagt sich im Finstern an die Treppe, die er schon kennen muss, schlägt den Regenschirm ein, reisst die Tür der Treppe auf, drückt sie wieder an sich und schöpft auf der ersten Stufe Mut und Fassung aus hochklopfender Brust ...
Im ersten Gange rechts die zweite oder dritte Tür, Nr. 16 und 17 gleichviel! ... So hatte es in der Anweisung auf der Rumpelgasse geheissen ... Die Begleitung Veilchen's hatte sie abgelehnt ...
Die Treppe ist erstiegen, die Tür gefunden ... Die Zahl in der Dunkelheit nicht zu lesen ...
Ein Moment der Besinnung ... Angeklopft ... Kein Herein!? ... Was tut's? ... Lucinde tritt ein und entdeckt an der trüben Lampe, dass auf dem Sopha jemand zusammengekauert liegt, der sich nicht erhebt, völlig anteillos bleibt, bis er die Mappe von dem Ankömmling entgegengereicht erhält ...
Nun greift danach eine knöcherne Hand, einer Kutte sich entwickelnd ...
Lucinde sieht das verfallene Antlitz Klingsohr's, sieht die roten Narben auf den blassen Wangen, das kurzgelockte rötliche Haar, die fast endlose Stirn, die Tonsur ...
Sie hat ihre Sammetmütze in der einen, den Regenschirm in der andern Hand ... Auf dem von der Luft und der Eile geröteten Antlitz liegen die dunkeln Flechten ihrer Haare dicht zusammengebunden. Ihr Hals ist von einem roten Tuch umschlungen. Unter der hellblauen Blouse ist sie mit einem groben, aber neuen Tuchkittel bekleidet; ihre Beinkleider sind trotz der Jahreszeit neuleinene; darunter hat sie sich sorglich vor Erkältung gesichert. Die Füsse sind mit Halbstiefeln bekleidet. Ihr Wuchs entspricht dem eines sechzehnjährigen Jünglings, ihre Züge sind in der Tat männlich. Wäre nicht die Beweglichkeit, die Unruhe und Aufregung der Haltung gewesen, man hätte an den äussern Eindruck glauben dürfen.
Die Censurstriche des Assessors von Enckefuss erkannte sonst Klingsohr sogleich an der roten Dinte. Heute entdeckte er nichts und entzifferte nur eine etwaige Botschaft Veilchen's ...
Sie schrieb ihm in der Tat:
Ueberbringer ist – fräulein – Lucinde Schwarz –
Das Blatt entsank seinen Händen ... Er sprang auf und starrte wie vor einem geist ... Er ergriff die Lampe und leuchtete Lucinden entgegen und diese erleichterte die Erkennung, indem sie kurzweg sprach:
Klingsohr! Sie sehen, welches Opfer ich Ihnen bringe! Ich habe von Ihrer Gefangenschaft, Ihrem Seelenschmerz, Ihrem Körperleiden gehört, von Ihrer sehnsucht nach dem Kloster zurück! Können Sie es möglich machen, dass Sie diesen Ort verlassen, so soll von morgen in der Frühe an unausgesetzt bis Abends ein Wagen dort drüben in der Allee halten, um Sie aufzunehmen, Mittags ausgenommen, wo die Pferde zu wechseln haben!
Es waren dies Ergebnisse eines Briefes an Nück und eines Besuches des Herrn Maria bei ihr ... Sie sprach diese Worte wie eine soldatische Meldung.
Klingsohr stand nur und hielt sich am Tische, hörte nur, betrachtete nur den schönen Knaben ... Das, was er allein begriff, war die Anrede nicht mehr mit dem alten "Du" ...
Auf einen Sessel, Lucinden dicht zur Seite, musste er sich niederlassen ... seine Schwäche übermannte ihn ... eine schmerzliche Lebenslage ohnehin, wenn sich Menschen, die in so naher Beziehung standen, wiedersehen, das Band, das sie einst vereinte, gelokkert finden, das Wort, das einst so warm gesprochen, kalt, die Vergangenheit ausgelöscht von einer neuen, inhaltreichern, und – berechtigtern Gegenwart! Wenn dann auch Klingsohr die alte Zärtlichkeit der Empfindung nur im Zittern seiner stimme verraten wollte – er war ein Mönch ...
Lucinde empfand mehr Abneigung als Rührung.
Glücklicherweise hatte sie Eile und konnte damit ihre Grausamkeit verdecken ...
Klingsohr! fuhr sie fort. Man muss mit Ihnen Mitleid haben! Einflussreiche Leute gibt es, die