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hostia"!

über Lucinde und Bonaventura weiss er durch Veilchen Igelsheimer schon seit den Tagen, als er noch der Aussenwelt angehören durfte, dass jene schon seit lange diesen Priester kennt, durch ihnimmer entstellt das Gerüchtbekehrt wurde, für ihn nur lebt ... So beichtet er denn auch diesem nicht, einem Priester, der ihn in seiner tiefsten Erniedrigung kennen gelernt hat ... Zur vollen hingegebenen Freundschaft fehlte ihm wahre Demut; ohne eine gewisse Unterwerfung gibt es keine Freundschaft.

Und dann! Wer freilich mag auch sehen, wie ein Herz, das wir selbst einst besassen, einem andern gehört! ...

Von Tag zu Tag wächst das physische und Seelenleid des Gefangenen, dessen Einsamkeit nur der Besuch der Kirche im Kloster, einigemal die Besuche des Untersuchungsrichters (man vermutete in Klingsohrn den Verfasser einiger in Augsburg und Würzburg erschienenen Broschüren), der Arzt unterbrechen ... Weihnacht ist vorüber ... Die Hinrichtung Hammaker's kann Sebastus in keine Verbindung mit seinem eigenen Leben bringen ... Es kehren die alten geistesschwachen und geisteszagen Stimmungen wieder ... die hände zittern ... mager und dürr liegt er in der braunen Kutte und barfuss auf einem alten Sopha ... Alte Lieder summt er, dichtet neue, findet die Reime nicht mehr und bedarf dringend den Mechanismus des Klosters, bedarf der Hand des Bruders Hubertus, der ihn z.B. um jede Mitternacht aus seinem Schlafe emporhob und ins Chor der Kirche zum Singen trugdies schwere Amt, das der heilige Franciscus erfunden hat, um im Kloster nichts in der Welt nächst Gott mehr lieben zu lassen, als den Schlaf, nichts mehr ersehnen zu lassen, als den Schlaf, nichts mehr erstreben zu lassen, als den Schlaf.

Eine traurige Winterszeit ... Es regnet, es stürmt ... Nur die dumpfen Schläge der Turmuhren unterbrechen die bange Oede eines Aufentalts, den des Mönches schroffer Sinn noch einsamer macht durch Ablehnung alles Umgangs mit den übrigen Bewohnern des Hauses. Wenn die Dunkelheit schon früh sich niedergesenkt hat auf den trüben Tag, wenn zwei mächtige Hunde in ihren Hütten sich bäumen und gegen die gewaltige rings von einem kleinen Eisenverschlag umgitterte Torglocke bellen, die draussen von einem Einlassbegehrenden gezogen wird; wenn die grossen Holzpantoffeln der hochaufgeschürzten Hanne Sterz im hof klappern oder Joseph beim Schein einer Laterne das Holz spaltet, das in den Oefen der Bewohner dieses traurigen Ortes flackern soll; oder wenn Kratzer selbst eine grosse eisenbeschlagene Tür aufgehoben hat, die in einem Winkel des Hofes platt auf der Erde liegt und in jene Gänge führt, zu deren Reinigung ein Kampf mit einem Heer von Ratten gehört, das die Stufen heraufspringt und sich blitzschnell in alle Löcher des Hofes verteilt, während hinter den Eisengittern die gefangenen oder geisteskranken Leviten: Hatz! Hatz! rufen und die Hunde zur Verfolgung reizen, dass die sich heulend an ihren Ketten aufbäumen und den zottigen Hals blutig reissen ... dann überrieseln Klingsohrn düstere SchauerErinnerungen an die Tage von Neuhof, Hoffnungen auf WitobornWonnen – o du Toreines Wiedersehens mit Lucinden ... Dass er zu den toten gehört, weiss er und besingt es. Hat er sich auch unter dem Leichenstein der ewigen Gelübde ein scheinbares Leben zu erträumen verstanden, Lucinde sollte zu diesen Träumen nicht mehr gehören. Sie kann mit ihrem, "wenn sie will", so verführerischen Lächeln keinen seiner Wünsche mehr bestricken; sie kann mit ihren gaukelnden Phantasieen keine Bilder von Freiheit und Liebesglück mehr wecken. Das ist vorüber schon langeschon vor seinemBegräbniss. Doches reizte ihn doch stündlichauch sie hat sich in den Schoos einer Kirche geflüchtet, die einen erstorbenen Willen mächtig wiederbeleben, klaffende Wunden heilen, schmerzlichste Lücken wenigstens mit "Poesie" erfüllen kann ... Das hätte er gern einmal sehen und hören mögen, wie Lucinde zu dem goldenen Kreuz auf ihrer Brust gekommen, das er in der Katedrale gesehen, wie sie den Rosenkranz beten, was sie sagen würde von der Welt und wie sie zurückdächte auf alte Zeit und wie sie sich ausnehmen würde in der Messe, im Beichtstuhl, selbst mit der Liebe zu einem Priester im Herzen, der sie ja, das sagte er sich von Bonaventura, nie erhören kann –! Dann winkte ihm Lorelei von kahlem Felsgestein, verlockte ihn und andere Knaben, bettete den Betörten in der kühlen Tiefe ... Mit fieberschwangern Glühwinden der Wüste überhauchte es ihn dann und krank wurde er an jenem orientalischen R a g l , der den in der Sahara verschmachtenden Pilgern Städte mit blinkenden Minarets und Bäume voll goldener Früchte zaubert, in deren Schatten, in deren erträumtem Genusse sie sterben.

Wieder auf seinem Sopha liegt Klingsohr mit nackten Füssen ausgestreckt ... Wieder wird es Abend ... Schon brennt eine ärmliche Blechlampe auf einem mit Papieren bedeckten Tische matt und düster ... Das Bellen der Hunde hört er, den Lärm, den zuweilen die wilden Bewohner des Hauses machen; oft huscht es im Gange an seinen beiden Türen vorüberin einer Nebenkammer schläft er –; traurig zieht ein alter Klosterspruch durch sein tief hülfsbedürftig an Hubertus gerichtetes Sehnen, der Spruch, den ihm dieser einst wie ein memento mori gesprochen: "Wir Mönche kommen zusammen und kennen uns nicht! Wir Mönche leben zusammen und lieben uns nicht! Wir Mönche sterben zusammen und beweinen uns nicht!"

Fünf Uhr schlägt's ...

Da