in ein Amt kommen sollte und auf seiner Pfarre dem Oberförster, dem Amtmann, dem Schulmeister begegnet und nicht den Gruss so geboten bekommt, wie er ihn verlangt, den Leuten den Hut vom Kopf schlägt. Noch jetzt geht er im Zorn aus Rand und Band und kann schon lange nur durch Hunger gezähmt werden ... Strafklöster und Strafanstalten gehören dieser Kirche ausschliesslich an und sind in solchem Grade eine stillempfundene Demütigung ihres Priesterstandes, dass man sie gern eingehen liesse. Man bedient sich dazu des Vorwandes, dass unter den Geistlichen neuen Stils keine Vergehen so arger Art mehr vorkämen ...
Der mittlere Bau, an welchem sich im Sommer vom Grase des Hofes empor hier und da einige Weinranken auf der weissgetünchten Wand hinziehen, hat einige freundlichere Zimmer, ein Refectorium und nach der entgegengesetzten Seite zu sogar ein schmales Gärtchen, das indessen schon lange von einer alten hohen Mauer, der Brandmauer anderer Gebäude, begrenzt wird. Hier finden oft arme durchreisende Geistliche ihr Unterkommen. Mancher von ihnen wird auch zu irgendeiner Verantwortung berufen; andere kommen in eigenen Geschäften und scheuen die Ausgabe in einem Gastofe ...
Die Ordnung in einem solchen haus aufrecht zu erhalten, ist keine geringe Aufgabe. Nicht nur gehören dazu Fleiss und Umsicht, auch Unbestechlichkeit, Pflichtgefühl jeder Art und physische Kraft. Für die Reinlichkeit sorgt eine alte Frau, die durch ihre Kleidung sich als zum Geschlecht der Grazien gehörig ausweist; sonst würde man sie den Männern und solchen zugerechnet haben, die ohne Gefahr für ihre Gesundheit bei Schleusenarbeiten in Morast leben können. Dies zarte Wesen ist die Hanne Sterz. Nur ein Auge hat sie, ist lahm, kocht aber leidlich. Die Elasticität ihres rechten Fusses hat sie von einem unglücklichen Eingeklemmtwerden in einer der Zellentüren auf der Strafseite des Professhauses, da, wo Entbehrung selbst über Macbet-Hexen hergefallen wäre. Frau Hanne Sterz zählt schon siebzig Jahre und verdient den Beistand, der ihr seit einigen Monaten durch einen ihrer Anverwandten wird, einen groben, rotaarigen Knecht, den man den Joseph nennt. über Hanne Sterz aber und dem Joseph steht der eigentliche Verwalter des Hauses, ein ehemaliger Soldat, den die Regierung installirt, ohne ihn vom Gehorsam auch gegen die geistlichen Behörden zu entbinden, die eine Art Jurisdiction und Disciplinargewalt in diesen Mauern ausüben können. Aber Herr Kratzer muss der Regierung von jedem Misbrauch dieser Befugnisse der Curie Anzeige machen und die Rapporte über die im Professhause befindlichen Einwohner und deren Befinden allwöchentlich abliefern. Denn Fälle wie die, dass man in die unterirdischen Gefängnisse geistliche Strafgefangene wirft, sollen nach dem Willen der Regierung nicht mehr vorkommen. Kratzer führt die Schlüssel zu den unterirdischen Gängen der Stadt. Er hat dafür zu sorgen, dass sie nicht misbraucht werden. Längst ist es der Plan der Regierung, sie zu verschütten. Bis dahin muss Kratzer sie so reinlich halten, als es die Ratten und sich einmündenden Kloaken erlauben. In diesem amt unterstützen den "Castellan" die herculischen Schultern irgendeines vom Staat besoldeten Knechtes. Joseph ist einer der vielen, die Kratzer schon in diesem amt als Beistand hatte. Er selbst scheint einer jener alten ergrimmten und ewig verstimmten Invaliden ohne Weib und Kind. In dem kleinen haus an der Pforte, die er wie ein Cerberus hütet, wohnt er. Grützmacher ist andern Glaubens als Kratzer; hätte er den Kameraden im Sommer so am offenen Fenster, im Lehnstuhl sitzend und rauchend und mit unveränderlich mürrischer Miene in dem weissbebarteten Antlitz immer auf dieselbe Stelle im hof, immer auf dieselbe kleine bunte Winde oder Kresse in dem sechs Fuss breiten Gärtchen, das er um sein Häuschen herum angelegt hat, blickend gefunden, er würde ihn entschuldigt und gesagt haben: Die Menschen verstehen gar nicht diese furchtbare Müdigkeit eines alten ausgedienten Militärs!
In zwei der kleinen Zellen des Mittelbaues wohnt seit einiger Zeit Pater Sebastus. Anfangs war er nur hier in Herberge. Seit einigen Monaten ist er ein Gefangener. Täglich erwartet er eine Entscheidung, wann und unter welchen Umständen er zum Kloster Himmelpfort bei Witoborn zurückkehren darf. Er ist krank, will keinen Arzt, liest und schreibt nur und grübelt. Seine Petitionen an die Curie und die Regierung entalten schon lange nur noch die Bitte, rauchen zu dürfen. Diese verwies dafür auf jene, jene auf diese, und so bettelte der Mönch noch vor Weihnachten den Castellan nur um Cigarren an ... Jetzt entsagt er auch diesen ... Die Censurstriche können ihn zuweilen noch lebendig machen und die Druckfehler. Kratzer, der oft den Burschen mit den "Stufenbriefen" begleitet, ahnt nicht, dass sie mehr entalten, als Betrachtungen über die Busse, die Sünde, die Erlösung.
Bei alledem ist Sebastus beim Eintritt in sein dreissigstes Lebensjahr der Alte geblieben ... Ja! und: Nein! hatte er drei Tage lang zu Bonaventura gesprochen. Als er aufs neue die Rumpelgasse besuchte, erhielt er Gefangenschaft; dennoch geisselt er sich wirklich, wenn sein Guardian im Kloster Himmelpfort: Miserere! ruft. Er gibt Sokrates, Plato, Aristoteles, Firdusi, Shakspeare, Milton, Spinoza, Goete, Harry Heine noch immer hin, wenn nur Gregor und Innocenz bleiben; besonders seit der Gefangennehmung des Kirchenfürsten, der ihm die Springprocession nach Echternach mitzumachen hätte anbefehlen können; er würde, abgekühlt vom ersten Schrecken, den Mann doch eine "natur" genannt haben. Raubte man ihm alles, doch blieb – das volltönende Latein des Breviers, der majestätische Klang des "Dies irae" und "O salutaris