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! Ihre feurigen Augen! Ihr trotziger Schritt! Die kann alles, was sie will –! Und sie glaubt an die Freiheit des menschlichen Willens! Die könnte mich jafast irre machen! Wär' ich ein Mann, dann gewiss!

Es war ihr, als wenn der Gott Spinoza's dem Menschen die Tatkraft, den schönen Wahn, der allein das Oel zur wahren Flamme des Lebens gibt, die ganze tausendjährige Poesie geschichtserzeugenderIrrtümer nähme ...

Nur eine Weile war's ihr so. Sie kehrte bald in ihr sanftes, lächelndes Dulden zurück.

10.

Im siebzehnten Jahrhundert war es, wo sich der Jesuitismus zu jener Alleinherrschaft innerhalb der katolischen Kirche erhob, durch die sein Sturz mehr herbeigeführt wurde, als durch die Philosophie der Aufklärung. Die übrige Geistlichkeit, die der weltlichen sowohl wie der Ordenssphäre, lieferte im stillen die Materialien zu jener Verfolgung, die sich zum Sturz der auch von ihnen gehassten mächtigen Staatenlenker und Gewissensräte verschworen hatte.

In jener Zeit des höchsten und übermütigsten Triumphes entstanden die grossen Kirchen und Collegien, die auf den Namen der Jesuiten gehen und nach dem entarteten italienischen Geschmack, der damals herrschte, gebaut worden sind. Es war die Eleganz der gewundenen Bandschleife eines Zopfes, die glatte Dressur des über den Kamm gestrichenen Haares, die Form der gebogenen Schnalle an den Schuhen, die auf die Windungen, Rundungen, Cannelirungen, Fenstersimse und Portale der Architektur übertragen wurde. Das Innere der Kirchen wurde mit Marmor und Gold überkleidet. An den Altären erhoben sich gewundene Säulen, umgeben von schwebenden Engeln, die die gemütlichen Wirkungen, die sonst die Malerei hervorgebracht hatte, jetzt auch durch die Plastik versuchten. Alles sollte sinnlich, erfassbar, wie wirklich und leibhaftig in die Augen fallend erscheinen. Blumen wurden in halb erhobener Arbeit bunt an die Decken und Wände geheftet, plastische Heiligenbilder schmückten sich mit Farben und mit wirklichen Kleidern. Man wollte das Wohlgefallen aller Sinne gewinnen. Sogar die Glocken auf den nicht mehr zu hohen, nicht mehr zum Himmel anstrebenden Türmen erhielten einen eigenen Rhytmus. Die Jesuitenglocken schlagen in kurzatmiger, schnellaufender Hast eine zwei- oder dreitönige musikalische Figur an, deren endlose Wiederholung, wie eine jener alten Litaneien, die man in Abendmetten vom Chor anstimmt, die Seele zuletzt so verwirren und betäuben kann, wie die Begleitung mit Trommel oder Pfeife asiatische Tänzer und Schamanen.

Aber in den ersten Anfängen der Verbreitung des von Loyola gestifteten neuen geistlichen Ritterordens war das Auftreten desselben bescheidener ...

In der Residenz des Kirchenfürsten gab es eine stattliche Jesuitenkirche mit marmornen Portalen. Ihr gegenüber lag das Collegium der Väter in jenem Styl, in dem unter Ludwig XIV. gebaut wurde. Beide Sitze der alten, von Ganganelli gestürzten Herrlichkeit gehören nicht mehr den Jesuiten, auch seitdem das Jahr 1848 ihnen fast alleinErfolge der Freiheit gegeben hat.

Ihr früheres ältestes Professhaus liegt in einem entlegenern Teile der Stadt und hat das Ansehen eines mässigen Klosters ...

Ein Hofraum ist von drei Seiten mit einem zweistöckigen Gebäude umgeben, von der vierten Seite mit einer hohen Mauer, in der sich das Eingangstor befindet. Eine kleine düstere Kapelle unter hohen breitastigen Bäumen liegt an der Pforte von aussen; von innen, ehe man den grasbewachsenen Hof betritt, muss man erst an der wohnung des Pförtners vorüber. Ein kleiner Turm mit durchbrochenem Glockenstuhl und einer alten heisern, schon lange geborstenen Glocke bezeichnet die Stelle, wo sich noch jetzt eine damals nur für die Väter bestimmte Kirche befindet. Das Dach des dreigeschenkelten Hauses ist von Schiefer; die Fenster sind winzig klein; ein neuer weisser Kalkanstrich steht in grellem Contrast zur Verfallenheit des ganzen Gebäudes, das sowohl durch die vorliegende vergitterte kleine unzugängliche Kapelle, in welcher der mit Immortellen und gemachten Blumen und bunter Madonna verzierte Altar etwas von dem Gespenstischen eines Wachsfigurencabinets darbietet, wie durch die ringsumher stehenden uralten Bäume auf seinem etwas hoch gelegenen einsamen platz einen unheimlichen und düstern Eindruck gewährt.

Dies alte Professhaus dient jetzt noch zu allerlei geistlichen Zwecken. Es ist nicht in allen seinen Zellen bewohnt. Hier in dem einen Flügel scheint es eine Art Krankenhaus zu sein; denn ein hüstelnder langer, hagerer Greis, den nicht mehr die Tonsur unter dem Sammetkäppchen als Geistlichen erkennen lassen würde, öffnet ein Fenster und hält die Hand in die rauhe Abendluft hinaus. Seit Jahren ist er heiser, kann nicht mehr die Messe singen und fand, da er seine Pfarre aufgeben musste, hier im alten Jesuiter-Professhause seine Versorgung. Dort jener gegenüberliegende Flügel deutet auf eine Strafanstalt. Einige Fenster sind vergittert und wiederum ist es ein Geistlicher, der einen Moment eine lange Pfeife durch die Eisengitter steckt und sich den mit Schnee gemischten, in Glatteis übergehenden Regen nicht verdriessen lässt. Ein Irrsinniger ist es nicht, aber die ganz klaren Gedanken kommen ihm selten. Seine Stelle musste er verlieren, weil er in die Messe zuweilen deutsche Zwischenreden mischte, den Wein beim Namen des Gewächses nannte, bei Austeilung des heiligen Brotes ein: Wohl bekomm's! mit einfallen liess, auf der Kanzel Wirtshausanekdoten erzählte und in den Beichtstuhl mit der Pfeife im mund ging. Nicht so schlimm ist er, wie sein Nachbar links, den man ganz absperren musste, weil er kein weibliches Wesen erblicken kann, ohne mit ihm gespräche anzuknüpfen, die selbst einem Laien nicht gestattet sind. Sein Nachbar rechts wieder ist ein so heilloser Flucher, Schwörer, Händelsucher und Wirtshausmatador, wie nur ein geborener Bauernsohn sein kann, der, wenn er wieder