, ja, Sie haben vielleicht Recht, der Franciscaner sagte auch, in dem einzigen kleinen grünen Streifen Tuch – da läge der ganze Unterschied zwischen seinem Gott und dem Gott Spinoza's!
Lucinde grübelte über dies Wort und hätte darüber vielleicht noch gestritten. Aber Natan unterbrach aufs neue die Unterhaltung der beiden im Denken, nicht im Fühlen verwandten Frauen und bewies somit vollständig, dass die Philosophie des klugen, aber willensschwachen Mädchens seit dreissig Jahren vorzugsweise von seiner Tyrannei bedingt wurde. Seinen Helm und seinen Panzer warf er, als wenn sie von Eisen wären und keine Beulen bekommen könnten. Seine bunten Geckenkleider und Tirolerhüte trug er hin und her, nur um damit seinen Wunsch auszudrükken, dass Veilchen zu dem Ziele käme, die ganze Beziehung seines Geschäfts zu Staat und Kirche ein für allemal abzubrechen und die sorge für den Mönch in Lucindens hände zu legen ...
Lucinde betrachtete schon lange nachdenklich die bunte Herrlichkeit um sich her und sagte:
Wenn ich wüsste, wie ich selbst den Pater sprechen könnte –
O, das wäre das Beste, fräulein! O erbarmen Sie sich seiner! Lassen Sie ihn noch einmal Ihre schöne Hand küssen! Ja, Sie, Sie können ihn erheben, Sie können ihm neue Kraft verleihen ...
Für sein ganzes Leben – möchte' ich ihm – einen Rat geben –
Man wird Sie nicht zulassen! ... O das ist traurig!
Ziehen Sie diesen Rock an! sagte Seligmann, sich wieder vorwitzig einmischend und hielt ihr eine braune Mönchskutte entgegen ...
Aber Herr Seligmann! rief Veilchen vorwurfsvoll ...
Der Störenfried entfernte sich ...
Er hat nicht Unrecht –! entgegnete Lucinde ...
Veilchen blickte mit Staunen ...
Hat jener Druckerbursche wohl – meine Gestalt?
Himmel! triumphirte Veilchen und schlug die hände zusammen und freudestrahlend begreifend blickten ihre Augen und die stimme dämpfend sprach sie:
Eine ganz neue blaue Blouse hab' ich – Eine kostbare schwarze Sammetmütze mit einem Schirm – im Abenddunkel – Da könnten Sie – wahrhaftig –!
Der Wächter des Hauses würde mich begleiten ...
Lucinde wich nur einer allzu hastigen Zustimmung aus ...
Nein! Oder schützen Sie Eile – die Censur vor – die Censur! Diesmal soll die Abscheuliche segensreiche Früchte tragen!
In Lucindens inneren sagten tausend Stimmen: Aber würdest du entdeckt! Aber käme auch diese neue Demütigung auf dein grosses Schuldbuch! ... Ebenso viel andere Stimmen sprachen: Ist es nicht ohnehin dein Letztes! Der morgende Tag muss für dich – für Paula – für Nück – für alles, alles auf ewig entscheiden! ...
Die Jüdin flüsterte fort und fort, malte die Gefahrlosigkeit des Unternehmens, beschrieb den Eingang des alten Professhauses, die Lage der Zelle des Mönches, alles, was sie von dem jungen Burschen wusste, der Jesuit werden sollte, wie Tönneschen Hilgers auf Lindenwert – die Väter der Gesellschaft Jesu sind in ihren Collegien ihre eigenen Handwerker und eine von einem Laienbruder dirigirte eigene Buchdruckerpresse zu besitzen muss für sie überall eine grosse Annehmlichkeit sein – Sie versprach, Lucinden umzukleiden ... sie zu begleiten bis an die Pforte ... sie draussen wieder zu erwarten ...
Lucinde hörte und hörte und stand im Kampf der Entscheidung über – ihr ganzes Dasein ...
Die Jüdin beteuerte ihre Verschwiegenheit, versprach, Herrn Natan in nichts einzuweihen ... Sabbat war es; sie würde von Natan verlangen, dass er den Abend zum Nachtgebet in den Tempel ginge und der "gemütlichen Börse" beiwohnte, die sich nach demselben in der Vorhalle zu versammeln pflegte ... Während sie so fortflüsterte, drängte sich in die verworrene Musik im inneren Lucindens ein einziger melodischer Accord, der zuletzt die Oberhand behielt. Diese sanfte Harmonie, die sie zuletzt sogar wie mit Opferfreudigkeit erfüllte, entwickelte sich aus verworrenen Anfängen und sprach nach und nach: Du hoffst noch einmal auf deinen unglücklichen Genius! Lässt er auch dies Werk scheitern, dann – dann gibt dir vielleicht dein religiöser Ruf die Rechtfertigung, dass du eine Tat vollbringen wolltest, die einem Streiter der Kirche zu hülfe kommen sollte oder –! Nein, nein, in hoc signo – sie sprach sich's lateinisch – in diesem Zeichen wirst du siegen, selbst unterliegend! Gelingt aber die Flucht, auch dann verlangst du von Bonaventura morgen die beichte, die erste und – vielleicht die letzte! Auch das mag er hören, entschuldigen – verurteilen! ... In einem Briefe hatte sie schon in erster Morgenfrühe Bonaventura vor seiner Reise noch um eine Generalbeichte gebeten.
Rasch brach sie ab und versprach, in der Abenddämmerung, um die fünfte Stunde, wiederzukommen ...
Eine Secunde – und sie war gegangen.
Als Veilchen Igelsheimer allein mit Herrn Natan Seligmann war, überschüttete sie diesen mit den bittersten Vorwürfen, verweigerte ihm alle Auskunft, schmollte ernstlich und versparte sich bis nach dem Mittagsessen den Antrag auf den Tempelbesuch, den er in den Abendstunden machen sollte ...
Und ihre Spitzen und ihre Medaillen und die alt sein sollenden Kupferstiche sah sie wirklich mit Unmut an und murmelte vor sich hin:
Spinoza war krank? Er liebte und wurde nicht erhört und ging dann hin und schrieb über die Liebe, als wäre sie eine matematische Figur ... Beweisen will er das menschliche Herz wie die zwei rechten Winkel bewiesen sind, die sich in jedem Dreieck von selbst verstehen ... Ha, dies mutige, tollköpfige Mädchen! Ihr schwarzer Kopf