in Fesseln halten wird, lieber für immer zu brechen und vielleicht – ins Ausland zu fliehen ...
Stellen Sie ihm alles das vor ...
Ich? Wie kann das ich? ...
Sie meinen – um die Vergangenheit –
Das hinderte nicht ...
Schreiben Sie es ihm ... Ich schicke sogleich in die Druckerei ... Der Bursche ist ein guter Junge – und pfiffig ... Haha! Kaplan Michahelles hatte den auch in eine Druckerei gegeben ... Hernach soll er nach Belgien und Jesuit werden ...
Jesuit? Ist Ihnen das ein so gleichgültiges Wort, dass Sie lachen?
Hab' ich die Welt zu verbessern?
Ihre Duldsamkeit scheint grösser, als Ihr Wahrheitseifer!
Was ist Wahrheit?
Mindestens ist die Wahrheit das Gute!
Was ist Gut?
Suchen Sie nicht, was wahr, gut und gerecht ist?
Was ist Recht?
Sie anerkennen nicht Recht oder Unrecht?
Recht geht so weit wie Gewalt!
Wie einmal das Leben ist! Aber –
Im Himmel auch! Gott ist nicht weiter allgerecht, als er allmächtig ist!
Lucinde musste lachen über dies Wortspielen ...
Was ist Ihnen die Tugend? fragte sie, jetzt sogar zutraulicher geworden ...
Ah! Die Tugend ist mir viel! Die Tugend ist die erkenntnis Gottes!
Sie kehren, sehe' ich, alles um, was wir Christen glauben! Haben Sie vielleicht auch keine Freiheit des Willens?
Wenn Sie hungert, müssen Sie essen! ... Richtig, Sie w ä h l e n die speisen! Aber – Sie wählen speisen, die Ihr Appetit Ihnen vorschreibt!
Jetzt begreif' ich, sagte Lucinde lachend, wie Sie über sich bringen, falsche Medaillen in die Welt zu setzen und die Spitzen da in Kaffee zu tränken, nur damit man glauben könnte, Maria von Medicis hätte sie schon getragen ... hören Sie! Ich nenne das Betrug!
Ein hartes Wort! sagte Veilchen erschreckend. Dann aber setzte sie mit einem gewissen elegischen Tone hinzu: Mein fräulein, was ist die Kunst? Ein falscher Schein! Was ist das ganze Leben? Eine Mummerei! Wer dreissig Jahre in solchen Possen lebt, wie ich hier unter den bunten Röcken, nimmt die Possen der Erde für ihren Ernst! Ich kehre alles um! sagen Sie? Ganz recht! Sie lieben! So sagen Sie? Ich sage: Sie glauben, dass Sie geliebt werden ...
Keine glückliche Lebensauffassung! seufzte Lucinde. Ihr Spinoza, glaube' ich, war krank ...
Das war er ...
Er entsagte und entbehrte ...
Zu sehr ...
Er schuf sich eine Philosophie für die, die nichts mehr wollen und nichts mehr wünschen ...
Er liebte die Freiheit ...
Eroberte sie sich aber nicht ...
Wer die erkenntnis hat, hat alles ...
Das bestreit' ich! Sehen Sie, da gebe ich einen einzigen reellen Genuss für alle Schatten der erkenntnis!
Geschmackssache! ...
Auch Wahrheitssache! Eine einzige Reliquie, die ein Gläubiger küsst, ist, wenn man einmal Religion haben will, mehr wert als Ihr Gott, der wahrscheinlich die ganze Welt sein wird oder die natur?
Der Mönch sagte dasselbe ... Ich lass' es ihm ... wer Religion braucht ...
fräulein! fräulein! Ich wünschte – die Spitzen da nicht in dem Kaffee zu sehen!
Veilchen zog ihre Haarnadeln aus, liess ihre Locken fallen, stützte das Haupt auf und sagte träumerisch:
Spinoza sagt einmal: "Einen Mann hört' ich mir neulich zurufen: 'Da ist Ihr Hof in den Huhn geflogen!' Der Mann versprach sich nur. Er wusst' es nicht. Wozu sollt' ich ihn erinnern, dass er sagen wollte: Sie meinen, Ihr H u h n ist in den Hof geflogen! Er irrte sich, aber ich verstand ihn ja." So rufen uns alle Religionen zu: Da ist Ihr Hof in den Huhn geflogen! ... Machen die Religionen gute Menschen, wozu diese Sprachfehler corrigiren? ... Ebenso gibt es ganz vernünftige Menschen, die keine antiken Spitzen, wie die da, die Elle zu einem Viertel-Brabanter-Taler nehmen! Sie wissen vollkommen, was echte Spitzen, die noch Maria von Medicis getragen hat, für einen Wert haben! Lassen Sie uns getrost die falsche Grammatik der Erde sprechen. Wenn hier in der Stadt die Herren von der Regierung und die alten Offiziere sagen: Gott straf mir! so wissen wir alle, sie meinen: Gott straf mich! Gott und was und wen wird wohl einst die Ewigkeit strafen!
Die Welt w i l l Wunder – und Ahasverus macht sie ihr! resumirte Lucinde ...
Sagte der Franciscaner auch!
Ihr rächt euch an der Welt, die euch verstiess! Ihr macht sie verkehrt, lacht dazu und lasst sie laufen ...
Sagte der Franciscaner auch! ... Je nun, mein fräulein, Sie haben vielleicht Recht! Ich gebe mich nicht für vollkommen aus. Glauben Sie mir, wenn man die Welt nicht lieben kann und nicht hassen mag, da ist es am besten – man führt dem Natan Seligmann sein Geschäft, wie ein armes Mädchen, das verlassen und kränklich in der Welt stand und nichts zu erwerben wusste, vor dreissig Jahren es vorgefunden ... Ja