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andern nicht kränkt und die erkenntnis Gottes befördert. Ich sagte: Grossmut und Edelsinn sind die einzige Waffe gegen die Leidenschaften! Ich bewies dem Mann, dass es sich um die Ehre eines Geistlichen handelt! Ich schilderte ihm die Leiden eines Priesters und einer ewigen Entsagung! Ich sah, dass der grimmige Mann ein Ohr für meine Rede hatte, und da gab ich ihm die Hand und sprach: Auch mein Feind war der Mann, der in wilder Blindheit eine grausame Tat getan hat, die sich Gott wie seine andern Taten wird gemerkt haben! Ich sagte ihm, dass ich gehört hätte, der Mann wäre ein Greis jetzt, voll Kummer, und verschwendete an die Armen und die Priester, dass sie ihm haben seinen eigenen Sohn zum Wächter setzen müssen! Dann sagt' ich ihm, dass ich dem Pater einen Schwur getan, der mehr als meine Ehre, der die Ehre Gottes selber wäre!

Bei dem Gotte Spinoza's? warf Lucinde ungläubig lächelnd ein. Wer ist dieser Gott? fuhr sie fort, den Kopf aufstützend ... Den Hut hatte sie gar nicht abgenommen ...

Das kann ich nicht sagen! erwiderte Veilchen. Aber jedenfalls ist es auch Ihr Gott! Es ist der Gott des Mannes, den ich liebte! Es ist der Gott, der in nächtlichen Stunden aus den Sternen zu uns sprach, wenn wir im schönen Garten der Dechanei Arm in Arm spazieren gingendamals bewohnte sie der Herr Dechant von Asselyn noch nicht –! Es ist der Gott, in dem die Seele des Geliebten sich damals mit der meinigen vereinte! ...

Und dennoch verliess Leo_Perl diesen Gott? fragte Lucinde ...

Natan öffnete wieder die Tür und wisperte:

Warum möchte' ich doch, dass der Kirchenfürst heute begnadigt würde und den Schwarzen Adlerorden noch dazu kriegte mit Brillanten?

Nun? fragte Veilchen und machte eine Miene der Spannung auf einen "Witz" – trotz ihrer feuchtschimmernden Augen ...

Weil uns dann die "Gecken" hier keine Zeit lassen würden zumSchwätzen; bitte um Vergebung, mein fräulein!

Sie sehen, mein fräulein, sagte Veilchen aus ihren Tränen heraus, als die Tür rasch geschlossen wurde, er ist unglücklich über den abgesagten Carneval und fürchtet, dass er neben seinem Geld auch noch den Kopf verliert, falls wir uns wieder mit der Kirche einlassen ohne Kanonen. Verlangen Sie also von uns nichts mehr! Der Küfer sitzt im gefängnis und hat sich vor der Regierung compromittirt ... Der Pater kam damals zurück und bekam seine tasche und ich hab' ihm erzählt, was damit vorgefallen. Wenn der Kronsyndikus tot ist, dann will er dem Küfer dienlich sein. Ich weiss nicht, was ihm muss sein Vater aus dem grab für wunderliche Sachen zugerufen haben ... Nun ist das schon vier Monate her ... Der Mönch kam noch einige male, wurde aber verraten und seitdem ist er ganz gefangen und dass ich mit ihm durch die "Stufenbriefe vom Kalvarienberge des Lebens" correspondire, ist jetzt alles, was wir noch wagen können. Aber Herr Nück! Herr Nück! Der ist allmächtig! Sprechen Sie ja mit Herrn Nück! Der Pater ist krank, Sie hörten es! Er sehnt sich nach seiner Heimat zurück, manchmal zu einem Mönche, den er Vater Ivo nennt, manchmal zu einem andern, Bruder Hubertus ... Nun Sie sahen es ja vorhin ... Was soll ich ihm schreiben, mein fräulein?

Lucinde stand träumend und blickte finster und voll Mismut ...

Wie denn schreiben Sie ihm? fragte sie ...

Durch die nächste Correctur! Mit Pünktchen ...

Lucinde vergegenwärtigte sich die Worte, die Nück zu ihr gesprochen: Ueberreden Sie ihn, nach Belgien zu gehen! Sie mochte von Klingsohrn nicht länger ihre Bahnen durchkreuzt sehen und um sich zu dem kalten Entschlusse, ihn für immer aus ihrem Leben zu verweisen, zu ermutigen, sagte sie sich sogar, dass die geistige Verkommenheit desselben jeden erschüttern dürfte, der seinen Geist, seine Kenntnisse, seine Kraft als besser verwendbar zu schätzen wüsste ...

Die Jüdin stand erwartungsvoll und wie bittend ...

Sie wären nicht geneigt, die Zelle des Paters zu besuchen? fragte Lucinde.

Mein fräulein! lehnte erschreckend Veilchen ab ...

Herr Seligmann nicht –?

Dieser antwortete selbst durch ein heftiges Rumoren nebenan ...

Lucinde wusste, dass es sich hier um eine geistige Aufrichtung Klingsohr's handelte, die kaum anders, als von ihr selbst kommen konnte ... Sie bedachte einen Brief, den sie etwa schreiben könnte ...

Die Augen der kleinen Jüdin leuchteten hoffnungsvoll ... Eine Pause trat ein ...

Aus vielen Gründen, sagte dann Lucinde, nachdem Veilchen als die einzigen Personen, die man allenfalls zu dem Pater liesse, den Arzt, Medicinalrat Goldfinger, oder einen Geistlichen oder vielleicht den Drukkerburschen genannt und hinzugefügt hatte, dass der Wächter des Hauses auch bei diesem vielleicht nicht in der Zelle zugegen bleiben würdeaus vielen Gründen wünscht' ich, dass der Pater aus seiner Letargie erwache ...

Das ist herrlich! rief Veilchen ...

Ich wünschte, fuhr Lucinde grübelnd fort, dass er seine Mutlosigkeit aufgäbe, dass er sich für seinen nun einmal gewählten Beruf erkräftigte ...

Ja! Ja! ...

Ich würde ihm raten, mit allem, was ihn hier bedrängt und ihn auch künftig