Napoleon gewonnen war, ob es noch ganz im Unklaren blieb, ob die Oesterreicher in die Allianz treten würden – mein Vater nahm die Schlacht bei Leipzig schon für geschlagen und gewonnen an. Der Deichgraf sammelte Mannschaften, bewaffnete sie und stürmte die Zollhäuser der westfälischen Regierung. Zwei Tage lang war Deutschland frei vom Tyrannenjoch; dann aber eine Gewehrsalve von bückeburg-westfälischen Grenadieren, die Napoleon's Arrièregarde bildeten, und die Patrioten waren auseinander gesprengt. Mein Vater hinkte mit verwundetem Fuss in den Teutoburger Wald, wo er jede Stelle kennt, an der einst Arminius bivouakirt hat und sich an dem Met erquickte, den ihm Tusnelde bereitete. Da irrte er proscribirt umher. Auf hundert Taler hatte man seinen pünktlichen Kopf angeschlagen. Glücklicherweise half ihm aber der Geist des alten Arminius und Mutter Tusnelde. In den Schluchten blieb er unentdeckt und war dann wieder der Erste, der nach der Schlacht bei Leipzig auf die Externsteine zum Aufruf des ganzen westlichen Deutschland eine blutrote Fahne steckte. Mein Vater machte trotz Weib und Kind den Krieg mit und soll die Lieder von Max Schenkendorf in unserm alten burschenschaftlichen Commersbuch auswendig gewusst und überall vorgesungen haben, wie auch ich, als ich noch etwas grün zuerst in Erlangen studirte. Später hat er nicht mehr viel davon wissen mögen und von Versöhnung ist bei ihm in principiellen Gegensätzen nie die Rede!
über diese Mitteilungen waren beide Wanderer oben zusammengekommen. Sie gingen unter den blühenden Obstbäumen hin dem Park zu.
Da Lucinde durch die akademischen Reminiscenzen des Kammerherrn in vielen der von ihrem Begleiter angeregten Verhältnissen heimisch war, so konnte dieser auf ihren wiederholten Vorschlag, eine Vermittelung zu versuchen, in der Charakteristik seines Vaters fortfahren.
Nein, mein fräulein! sagte er. Mein Vater ist trotzdem, dass er nicht mehr den Schenkendorf singt und wir jetzt 1832 schreiben, in der Exaltation von 1813 stehen geblieben. Schwarzrotgold kam er aus Frankreich zurück und musste 1817 wieder etwas anzetteln da drüben im Teutoburger wald bei dem grossen Christoph, den sie jetzt dort auf die Höhe stellen wollen, das germanische Rächerschwert in Händen. Für den deutschen Kaiser und dessen Wiederherstellung sass er drei Jahre in Magdeburg. In dieser Zeit war der frühere westfälische Kronsyndikus, d.h. Vertreter der Krone des ehemaligen Weinreisenden und spätern Königs Hieronymus bei der westfälischen Landschaft, d.h. den Ständen und Deputirten der ihm unterwerfenen Provinzen, Freiherr von Wittekind-Neuhof, immerhin so zu sagen unser Wohltäter. Das Pachtverhältniss ging fort, ohne dass der Vater damals die vollständigen Summen auftreiben konnte. Der rüstige Grundherr trieb sie sich eben selber ein. Meine Mutter starb darüber, der Vater kam aus Magdeburg zurück und warf sich jetzt in die ergrimmteste Provinzialopposition. So hat Demostenes nicht über Philipp von Macedonien gedonnert wie mein Vater – lieber Gott, noch dazu bei verschlossenen Türen! – über Brükken und Vicinalstrassen. Harry Heine spricht von einem Mirabeau der Lüneburger Heide. Mein Alter war einer von der witoborner. Und wirklich, er allein mit seinen zwei Minuten vor halb sieben war's, der hier Grosses durchsetzte in Ermangelung von Grösserm. Ueberall, wo Sie hier einen Hemmschuh an einen Pfahl gemalt sehen und einen Finger darüber mit dem Avis: Bei einem Taler Strafe! überall, wo an einem Kreuzweg ein Pfahl mit vier Armen steht: Hier geht's nach Mölln, nach Schöppenstedt, Schilda oder Krähwinkel! bei jeder Verbesserung in Luft, Feuer, wasser und Erde ringsum kann er mit stolzem Bewusstsein wie ein "Sattelmeier" aus Karl's des Grossen Zeit vorübergehen. Und nun ist er denen, an welchen er sich eigentlich für Magdeburg rächen wollte, der Regierung selbst, zum Bedürfniss geworden! Der vielbefähigte unruhige Mann, dem sein nächster Beruf schwer genug aufliegt, übernimmt die Regulirung der grundherrlichen Verhältnisse und führt diese richtig wieder nach dem Massstabe: Zwei Minuten vor halb sieben! durch. Nichts schont sein Zollstock. Er zerstört den schönsten Ameisenbau, wenn die eine Seite an Hinz, die andere an Kunz gehört. Er steckt den Spaten gerade mitten durch, er trennt die Blüte vom Ast, den Schwanz der Kuh vom Kopf, es ist und bleibt der alte Deichgraf, der Matematik und Wasserbaukunst studirte, bei Stade die Sandkörner zählte, die sich ins hannoverische Fahrwasser verloren und Holstein gehörten, und der jetzt noch Landrat werden wird, ja, zu alledem vielleicht einen Orden bekommt und zur Anerkennung für den friedlichen Verlauf aller seiner patriotischen Landstürme und schwarzrotgoldenen Revolutionen eines Tages in Sanssouci zu Mittag speist!
Lucinde wusste nicht, wie sie dazu kam, auf diese im grund unkindliche, aber offenbar gleichfalls aus einem Ueberzeugungseifer (nur für andere, ihr unbekannte Auffassungen) herzuleitende Auslassung fragend zu erwidern:
Sind Sie katolisch?
Der Doctor schwieg erst erstaunt und sagte dann:
"Du sprichst ein grosses Wort gelassen aus!" Nein, wir sind es nicht, mein fräulein!
Am Ende des Parks durchkreuzten sich einige Wege und ein steinernes Christusbild hing über einer Ruhebank.
Lucinde war ermüdet. Sie setzte sich.
Der Doctor lehnte sich an einen Baumstamm ihr gegenüber.
Sie nahm den inzwischen wieder aufgesetzten Hut ab. Schon lange trug sie wieder ihr Haar in Flechten. Eine davon war losgegangen. Es machte ihr gar nichts, so vor einem Fremden ihre Toilette zu machen, ja sogar eine Haarnadel im mund, zwischendurch zu sprechen:
Nein, Sie schüren nur noch den Hass! Das ist aber unrecht! Sie sollten Versöhnung stiften!
Heinrich Klingsohr war jetzt verstummt und weidete sich an