Augen wie ein Pardeltier! Die tasche hatte ihm der Löb noch nicht gegeben, aber er haschte danach, wie ein fisch nach dem Wurm! Jetzt meine Angst um diese wütenden Menschen! Der Küfer war einmal angeschuldigt worden, den Vater des Mönchs ermordet zu haben; Gott im Himmel! Dieser Streifen Tuch war von dem Kleide des Mannes abgerissen gewesen, der es getan haben muss. Und wie sie den Namen nannten und ich wieder fragte und noch einmal fragte: Der! Eben der! da – da vergingen mir doch die Sinne –
Noch jetzt sank Veilchen in ihren Sessel zurück und zitterte ...
Aber auch Natan kam hereingestürmt und rief zornig mit polternden Worten:
Sie wollen sich wieder krank machen!
Veilchen schüttelte, seine sorge ablehnend, den Kopf ...
Noch ein Glück, dass ich in Ohnmacht fiel, sagte sie; die Männer erschraken darüber und legten ihre Wildheit ab ...
Natan rumorte im Zimmer ...
Lucinde stand wie vor einem Vorhang, den eine geisterhafte Hand von ihrem eigenen Leben zurückzog ... Die Brieftasche des Abschieds einst in Lüneburg! ... Stephan Lengenich, dem sie selbst einst scherzend die Worte gesprochen im Düsternbrook: "Niemand flicket auch ein altes Kleid mit einem Lappen vom neuen Tuche –!" ... Auch das wusste sie von Treudchen, dass eben diese Jüdin durch den Dechanten und den Kronsyndikus um Leo_Perl, die Hoffnung ihres Lebens, gekommen war ...
Sie sagte:
Eher hätten Sie sich ja selbst dem Küfer verbünden müssen! Denn auch Sie, hör' ich, gehören zu den Vielen, die den Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof vor Gott anklagen dürfen!
Veilchen blickte auf und ihr leidender blick winkte Natan zu gehen ...
Natan tat es, aber mit dem misgünstigsten Seitenblick auf einen Besuch, der soviel traurige Erinnerungen weckte ...
Ich höre, fuhr Lucinde fort, dass Sie die Hoffnung Ihres Lebens, die Liebe des Doctor Leo_Perl verloren haben, weil er aus rätselhaften Ursachen Christ wurde!
Christ? – Priester! berichtigte Veilchen ...
Lucindens Zucken verriet die gleiche Empfindung.
Und warum ward er es? Warum gab er Sie auf? fügte sie hinzu ...
Veilchen, bereits gesammelter, steckte sich ihre beiden Locken an zwei Haarnadeln zurück, die sie eine Weile im mund behielt. Schon um deswillen musste sie schweigen ...
Drangen Sie denn nie in dieses seltsame geheimnis?
Veilchen schüttelte den Kopf ...
Auch jede Ahnung fehlt Ihnen? Seltsam! Ich habe in der Nähe des Kronsyndikus gelebt! Ich kenne einen Neffen des Dechanten, den jungen Benno von Asselyn ... Man könnte vielleicht forschen ... War Leo_Perl von der Wahrheit des christentum überzeugt?
Veilchen zuckte die Achseln und befestigte ihre Locken ...
Er hat den Domherrn von Asselyn getauft, fuhr Lucinde fort ... Auch eine hier jetzt lebende Frau von Hülleshoven getraut, hör' ich ... Einen strengen, exemplarischen Lebenswandel soll er geführt haben ...
Ich hört' es ... sprach jetzt Veilchen ...
Nie wieder hatten Sie eine Beziehung zu ihm –?
Seine letzten Bücher waren in Kocher am Fall geblieben. Als man sie ihm ins Seminar nachschicken wollte, liess er sie an mich übergeben ... Da stehen sie! Sie sind – das Letzte ...
Für Lucinden konnte zunächst in dieser Mitteilung nur die Anerkennung der gewaltigen Kraft liegen, die das Christentum auf die überzeugung eines geistvollen Mannes hatte, der ihr eine Liebe opfern konnte ...
Und diese Beziehung der Freude des Küfers zur Trauer Ihrer eigenen Erinnerungen – was brachte sie zu Wege? fragte sie ...
Zunächst die Besinnung meines Verwandten, des Herrn Löb Seligmann. Der Mann hat Gefühl! Er erinnerte sich meines Lebens und wurde mein Beistand! Die Rache gab er auf!
Welche Rache?
Ich sagt' es nicht? Er war von dem Mönche am Tage vorher beleidigt worden. Der Pater ist voll Heftigkeit und vor den Narben in seinem Antlitz kann man erschrecken! Herr Löb Seligmann beschwichtigte den Küfer und ich gewann wieder meine Kraft. In Güte hab' ich mit ihm mancherlei besprochen und er liess mir die tasche und er versprach zu schweigen ...
Das können Sie nur durch eine flammende Beredsamkeit erreicht haben! sagte Lucinde und gedachte der schauervollen Tage auf Schloss Neuhof, der Lisabet, ihres eigenen Verhörs, ihres Schwurs ... Den Küfer kenn' ich und die Tat auch, um die es sich handelt ... Was sagten Sie ihm, das ihn so entwaffnen konnte?
Wieder kam jetzt Natan herein und machte sich schaffen, um die aufregende Unterhaltung zu stören ...
Veilchen wurde nun selbst über ihn verdriesslich ...
Mir scheint, Herr Seligmann, sagte sie, Sie suchen den gestrigen Tag!
Ich suche das nächste Jahr! fuhr Seligmann zornig auf. Wo werden Sie sein, wenn Sie nicht aufhören, Ihre Nerven – zu malträtiren!
Meine Nerven sind mein! sagte Veilchen hinter dem Zornigen her; mit irgendeinem Gegenstand, den er scheinbar gesucht hatte, war er wieder gegangen ... Ja, fräulein! fuhr sie zu Lucinden gewandt fort: Ich sprach, was ich eben sprechen konnte. Die Leidenschaften kenn' ich und ich schilderte die Rache. Ich sagte, dass alles gut im Menschen ist, was ihm zum Bedürfniss wird seiner Selbsterhaltung, falls seine Selbsterhaltung die