, wie Veilchen sogleich erläuterte, während sie in dem Blatte las und nach einigem Besinnen leise buchstabirte ...
Ist das eine Zeichensprache? fragte Lucinde ...
"Ich – bin – elend –!" buchstabirte Veilchen ...
Wer schreibt das?
"Ich bin elend! Hül – fe! Zu – Hu – bertus! Zu Hubertus!" ... Weiter nichts heute! sagte sie, schlug das feuchte, von dabei gezeichneten Correcturen begleitete Blatt zusammen und gab es dem lauschenden Seligmann, der es verdriesslich entgegennahm ... Veilchen drückte jetzt selbst die Tür zu ...
Zu Hubertus? Lucinde verstand, was sie befürchtete. Aber wenn sie auch sagte: Schreibt das der Mönch in Druckfehlern? so lag in dem Scherz ihre Ungeduld ...
Veilchen erklärte, dass Sebastus infolge seiner masslosen Polemik und seines Zusammenhangs mit dem aufrührerischen Treiben des tages von der Regierung verhindert wurde, mit Irgendjemand zu correspondiren, ausser durch die hände des Untersuchungsrichters. Nur eine in den Schranken sich haltende literarische Tätigkeit war ihm verstattet geblieben. Die Manuscripte mussten im Geschriebenen censirt werden. So konnten nur die Correcturen zu hülfe genommen werden, um den Pater mit der Aussenwelt in Verbindung zu erhalten. Mit Veilchen zu correspondiren, war ihm Bedürfniss geworden nach allem, was zwischen ihnen vorgefallen. Sie gab an, dass nicht etwa in den Correcturen zur Seite (mit Druckfehlern ist nicht zu spassen! schaltete sie auf Lucindens scheinbaren Scherz ein. Ein Arzt hat einmal einem Patienten, der sich gewöhnte, sich aus populären Heilbüchern selbst Recepte zu verschreiben, gesagt: "Sie sterben noch einmal an einem Druckfehler!"), sondern im Text eine Verständigung dadurch ermöglicht wurde, dass beide die Buchstaben, die zu ihren Mitteilungen gehörten, mit einem kleinen, fast unsichtbaren Pünktchen bezeichneten. Die Zusammenstellung derselben ergab einen Sinn. So jetzt diesen Hülferuf, der Lucinden von ihrem Sessel aufgetrieben hatte und sie fragen liess:
Sollte es denn so schwierig sein, ihn aus dieser Haft zu befreien?
Doch!
Man könnte den Wächter bestechen –
Unmöglich!
In irgendeiner Verkleidung sollte er das Professhaus verlassen ... Einen Wagen würden Sie ja besorgen können ...
Ich? Bitte, fräulein! Sie haben die Verdriesslichkeit des Herrn Seligmann bemerkt?
Ich finde, dass Herr Seligmann nur sehr neugierig ist! sagte Lucinde, sich umblickend ...
Denn eben ging die Tür und wie gleichsam von selbst wieder auf ...
Es ist seine Angst, sagte Veilchen, dass wir uns wieder in Dinge einlassen, die uns die grösste Verantwortung zuziehen können!
Und doch wagten Sie das Verleihen eines bürgerlichen Kleides an einen Mönch?
Wohin kommt man nicht, wenn man von der verkehrten Welt – sein Geschäft hat! Oben hängt das ganze Mittelalter, fräulein! Die Angst, die wir mit der zurückgebliebenen braunen Kutte gehabt haben, möchte' ich nicht zum zweiten male erleben!
Lucindens Sinnen liess Veilchen Zeit, zu erzählen:
Als der Pater damals ein bürgerliches Kleid von uns geliehen, blieb ich bis spät in die Nacht hinein auf. Der Pater kommt endlich zurück und verlangt nach seinem Gewande. Er langt darnach, greift in die Taschen und vermisst ein Portefeuille. Denken Sie sich meine Bestürzung! Ein Franciscaner ist ein Bettler, seine Brieftasche konnte keine Schätze entalten, auch war der Verdacht unserer Unehrlichkeit nicht vorhanden – der Pater traute mir, lieber Gott, seitdem ich meine Verschwiegenheit mit einem Scherze beschworen hatte, bei dem Gotte Spinoza's! ein Wort, das man freilich zu manchem Mönche sagen kann und er versteht's nicht. Also – in der Brieftasche lag nichts, als ein einziger Streifen Tuch, den er eine ewige Belastung seiner Seele nannte und den er besitzen müsse, wie Magdalena den täglichen Anblick ihres sündigen Antlitzes in einem Spiegel, sagte er, oder in einem Bache oder in dem wasser, in dem sie sich wusch, oder in den Augen der Menschen, die sie verachtend ansähen. Alles boten wir auf, die tasche zu finden. Vergebens! Die Zeit drängte. Der Pater musste sich entfernen. Er erklärte am folgenden Morgen wiederkommen zu wollen. Inzwischen muss ich länger schlafen, als gewöhnlich, da ich die Nachtruhe versäumt hatte, und am folgenden Morgen ist zufällig der Bruder des Herrn Natan im Geschäft und muss sogar am Fussboden drinnen die tasche finden. Die beiden Brüder untersuchen sie und entdecken nichts als einen Streifen Tuch. Herr Natan hatte die Nacht nicht gewacht, wie ich, wusste nichts von dem Verlust; und wie die Männer in allen Dingen schwächer sind als wir, denkt er, seinem Bruder könnte er schon ein geheimnis verraten und erzählt ihm den Vorfall mit dem Mönch und will ihn dann erst schwören lassen, als er's schon verraten hat. Inzwischen hat der Bruder längst den Gedanken gehabt, dass gerade ein Streifen Tuch einem Mann an seinem Ehrenkleide fehlte, einem gewissen Küfer Stephan Lengenich. Und wie er nun erst gar den Mönch nennen hört, braust er auf, er, der sonst so milde, grundgütige Mann, rennt davon wie ein schnaubendes Tier und ruft: Hilf deinem nächsten, soviel du kannst! Der wütende Mensch hatte seinen Vorteil und eine Befriedigung für seinen Hochmut und eine Befriedigung für seine Rache. Der Mönch hatte ihm eine Beleidigung zugefügt. Eben aber auch darum kommt er schon wieder zurück, schon wieder in sich gegangen, und bringt den Küfer mit. Aber der kommt gar erst mit