1858_Gutzkow_031_367.txt

verbindlich. Hab' ich geschrieben: zu sorgen? Ich habe gebeten um einen Beweis menschenfreundlicher Gesinnung! Und die Frau vom vierten Stock im goldenen Lamm hat mir's ja auch gesagt, Sie könnten ein Engel sein!

Nicht Lächeln weckte dies: "Könnten" in Lucindens Mienen, sondern düsterer senkten sich ihre Augenbrauen und jede ihre Mienen verriet, dass diese Erinnerung an ihr früheres Leben ihr peinlich war und das Geschäft, das sie hierher geführt, rasch vorübergehen musste ...

Hat der Pater mich selbst bezeichnet als die, die ihm helfen könnte? fragte sie ...

Dass Gott verhüte ...

Ist seine Haft so streng?

Ein Mensch kann die Luft entbehren, wie ich selbst sie entbehre! Wie Sie mich da sehen, fräulein, hab' ich seitdem, dass ich unsern neuen Tempel kennen lernen wollte, nicht die Rumpelgasse verlassen. Aber der Pater liegt in Ketten und Banden seines Geistes! Krank ist er am Körper wie an der Seele! Er muss zu Menschen, die ihn lieben! Einer war anfangs hier, dem er gern geschrieben hätte, ja erst sogar hätte beichten mögen; dann liess er es, weil er erfuhr

Veilchen stockte und blickte halb zur Seite, halb prüfte sie Lucinden, die hocherrötend sie sehr wohl verstand ...

Anfangs? zuckte es in ihr glücklich auf. Denn dass nur Bonaventura gemeint war, sah sie an dem blick der Jüdin. Also anfangs nur? grübelte sie. Keine spätere Beziehung? Und erfuhr –? Was erfuhr? Dass ich Bonaventura liebe?

Wer ist dieser Eine? fragte sie kurzweg ...

Der neue Domherr von Asselyn! bestätigte die Jüdin ...

Lucinde schwieg eine Weile hocherglüht ... Dann fuhr sie, wie bestätigend, fort:

Ich sah den Pater mit dem damaligen Pfarrer von St.-Wolfgang öfters zusammen gehen ...

Lucinde wollte mit diesen Worten sagen: Haben sie sich damals beide verständigt, wie ein grausamer Zufall mich zwischen beide gestellt hat? Oder hat man Klingsohrn von anderer Seite zugetragen, was auch schon Nück über mich wusste? Sind die Umstände, die mit deiner schimpflichen Entfernung aus der Dechanei zusammenhängen, schon hierher unter dies armselige Dach gedrungen und von hier aus vielleicht auch Klingsohrn bekannt geworden?

Die Jüdin vermied, das, wie sie wohl sah, ausserordentlich reizbare junge Mädchen zu verletzen, zog sich klug in ihre Bescheidenheit zurück und sagte ausweichend:

Es gibt Menschen, die sich vermeiden, gerade deshalb, weil sie sich lieben!

Wie? wallte es in Lucinden über dies dunkle Wort auf; weiss auch sie schon, dass meine Liebe zu Bonaventura eine unglückliche ist?

Sie sagte:

Der Pater und der Domherr meinen Sie? ...

Oder, fuhr scheinbar nichtachtend Veilchen fort, weil die Wahrheit, die einzugestehen dem einen eine grosse Seligkeit wäre, dem andern Schmerzen bereiten könnte ...

Lucindens Auge leuchtete immer forschender auf ... In ihrem Blicke lag: Will sie denn sagen, dass Klingsohr Bonaventura deshalb nicht sehen und durch Mitteilungen kränken will, weil er glaubt, Bonaventura liebe mich? ...

Die Jüdin fand sich in den Eindruck ihrer doppelsinnigen Reden und fuhr fort:

Es gibt doch Menschen, die täglich mit Wärme von der Liebe sprechen können, und sie selbst sind kalt –?

Lucinde horchte ungewiss ...

Sie fühlen wohl die Liebedenn die Liebe ist unabweisbaraber sie haben nicht den Mut, siesie zu geniessen

Zu bekennen! verbesserte Lucinde und suchte endlich aus diesen Andeutungen klarheit zu gewinnen.

Meinen Sie? sagte Veilchen. Die Liebe ist doch ein Genussein Egoismus, ein schöner Egoismus!

Die Liebe ist Selbstentäusserung ...

Die Religion lehrt das, aber die Philosophie sagt: Die Liebe ist das Bedürfniss, sich von seiner eigenen person erlöst zu wissen und die Wonne zu geniessen, dass wir darum doch in einer andern Bestand haben! Ein Priester kämpft gegen diese unendliche Freude, die in der Liebe liegt, durch seinen Beruf an undnoch mehr! Wenn die Liebe die grausamste Eitelkeit genannt werden muss, weil der Mensch verlangt, dass ein anderer gleichsam statt seiner lebt und mit für sein Leben die Kosten bezahltdie Kosten, die manchmal über des andern Beutel gehenso kommt es, dass die weichsten Menschen kalt erscheinen, bloss weil siebescheiden sind –! Bescheiden! fräulein! Sie wollen den andern nicht in Unkosten versetzen ...

Die Jüdin lächelte, Lucinde nicht ...

Sie erklärte sich nach dieser eigentümlichen Dialektik Bonaventura's Kälte aus dessen edlerer natur, die sich bekämpfe und sich ein Glück versage, das ihm doch, wie sehr ihn auch Paula fesselte, in der Huldigung liegen durfte, die er von Lucinden nun schon seit Jahren erfuhr ... Er m u ss dich endlich lieben und wär' es aus Mitleid! war ihre Lebenshoffnung ...

Inzwischen hatte es draussen geklingelt. Natan steckte seine zusammengekniffenen Augen, die wieder Freundlichkeit ausdrücken sollten, durch die Türspalte ...

Excuse! sagte er mit einer Andeutung seines Weltschliffs und überreichte Veilchen einige Blätter Papier mit den Worten:

Eben kommt das von – – Es hat Eile! Der Druckerbursche wartet!

Der Druckerbursche? sagte sich Lucinde und gedachte des Abends bei Beda Hunnius ...

In der Tat war es auch sogar eine Nummer des Kirchenboten. Diesmal aber nicht die Censur, sondern die Correctur