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viel oder wenig fordern, Echtes oder Unechtes vorlegen durfte ...

Die Hoffnung, Lucinde würde auf Veilchen's Schreiben eingehen, hatte man wohl schon aufgegeben. Doch war der Besuch eleganter Damen für Seligmann nichts Neues. Nur mit Lässigkeit fragte er nach dem Begehren ...

Lucinde verlangte fräulein Veilchen zu sprechen und noch ehe sie geendet hatte, wand sich im Hintergrunde eines dunkeln Ganges aus einem Gerüst von Schweizer- und Tirolertrachten, tressengestickten roten Miedern und Hüten mit Spielhahnfedern und Gemsbärten eine person hervor, die sie an die alte Gardérobière von damals erinnerte, als sie die drei ersten Acte der Jungfrau von Orleans spielte und nach Serlo's Anweisung so sicher und fest die Worte glaubte sprechen zu können: "Mein ist der Helm und mir gehört er zu!" Veilchen war nach Löb's Erklärung schön am Geist. Der Geist musste allerdings ihren Körper verklären und gab auch den blauen Augen etwas durchsichtig Glänzendes. Sonst war die eine Schulter etwas höher als die andere und der Wuchs so zurückgeblieben, dass Lucinde, hier von Teatererinnerungen angeregt, fast an die jetzige Baronin, frühere Sängerin Henriette Montag in Kiel erinnert wurde.

Ich wusste doch, dass Sie kommen würden! sprach die kleine Gestalt mit weicher, klangvoller stimme und verriet, dass sie sogleich Lucinden erkannt hatte ...

Natan orientirte sich jetzt ...

Statt aber seine Höflichkeit nachzuholen, schloss er nun auch noch das andere Auge. Durch eine ganz kleine Spalte blinzelte ein Strahl sehr gemachter Freundlichkeit hindurch. "Die Kinder sind wie die Brüder der Mutter!" sagen die Juden. David Lippschütz hatte nicht die freundliche Bonhommie seines Onkels Löb, eher die Miene wie Onkel Natan. Seine Witze: "Ein Frédéric d'argent" und sein kritisches: "Warum sitzt Moses?" waren mit demselben mürrischen und blinzelnden Zusammendrücken der Augen gesprochen worden ...

Um so freundlicher war das kleine Veilchen ...

Als sie sich aus der Region der grünen Alpenwiesen und der Sennerhütten herausgewunden hatte, deutete sie auf eine Tür, die Natan bereits nicht ohne Beweise einer aus seiner prüfenden Miene sich entwickelnden ärgerlichen Stimmung geöffnet hatte, und liess Lucinden näher treten ...

Ein Gemach empfing sie, das ebenso ein Comptoir sein konnte, wie ein Vorratsmagazin feinerer Verkaufsgegenstände und sogar ein Boudoir. Hell war es nicht. Eine schwarze hohe Brandmauer stand nicht fünf Fuss weit von den beiden Fenstern entfernt, die ohne Gardinen sein mussten, nur um etwas Licht hereinzulassen. Und doch stand da ein Schreibbureau, worauf Handlungsbücher, stand ein Tisch mit ausgebreiteten Kupferstichen und einer langen Verwickelung von Spitzen, die nicht etwa zu Veilchen's Handarbeiten gehörteHandarbeiten existirten nicht für siesondern zu ihrer Kunst, Neues in Altes zu verwandeln. In einer Tasse mit Kaffeesatz endete die lange Spitzenverwickelung. Eine andere gebräunte Garnitur hing zum Trocknen an einem der beiden Fenster. Ja, auch die Kupferstiche schienen durch Kaffee gezogen. Ein Bücherschrank war voll alter Bücher ...

Aber Sie sollten das fräulein oben in unsere stube führen! sagte Natan mit erzwungener Artigkeit und dem Bewusstsein oben ersichtlichen sabbatlichen Comforts ...

Veilchen räumte schon einen Sessel ab und fiel ein:

Hab' ich eben auch gedacht! Aber für Sie ist heute kein Sonntag! Wenn Sie es nicht verschmähen

Lucinde sass nicht nur schon, sondern war auch schon in voller Erörterung der Angelegenheit, die sie hergeführt hatte. Gemütliches Auszupfen einer neuen Bekanntschaft fehlte ihr zu jeder Zeit und vollends in der Stimmung, in der sie kam ... Bonaventura reisteNicht ein Schloss, die Welt in Brand zu steckendazu hatte ihr Nück gestern den Mut gegeben ...

Auf einen Wink Veilchen's entfernte sich Natan und legte die Tür an, ohne sie ganz zu schliessen. Dieser Besuch war für ihn aufregend, für Veilchen schien der Eindruck Lucindens erschreckend zu sein ...

Inzwischen hatten sich Lucindens Augen an das Dämmerlicht gewöhnt. Sie erkannte, dass die kleine Jüdin zwar regelmässige, fast plastische Gesichtsformen hatte, doch schon über die Fünfzig zählen musste, so dunkel auch noch ihr Haar glänzte, das nach Löb's Vergleiche der Seide glich. Die zwei langen Locken, die ihr fast über die Augen weg herabhingen und die Nase in gewaltiger Schärfe hervortreten liessen und ihr das Ansehen eines talmudischen Gelehrten, eines Bocher, gaben, hatten eher etwas Starres, gerade so wie die Haare Lucindens in ihrer ersten Jugend waren, als sie ihren schönsten Schmuck nur noch mit wasser aus den Bächen von Langen-Nauenheim pflegte ...

Auch ein höchst anmutiges und fast mädchenhaftes Lächeln hatte Veilchen um ihren schöngeformten Mund. Wohlwollend nickte sie zu allem, was Lucinde mit Ernst und grosser Kälte sprach. Dabei hielt sie ruhig die hände in ihrem Schoose und hatte eine Miene der Spannung und Angst, die schon verriet, dass sie von Lucinden keinesweges Gütiges und Wohlwollendes für ihren alten Freund voraussetzte. Darüber, dass der Mönch eine frühere Liebe der stolzen jungen Dame gewesen, die da vor ihr sass, konnte bei ihr kein Zweifel sein. Bei der Erörterung über das aus des Mönches Kutte gefallene alte gestickte Portefeuille war die Ursache der Metamorphose, die er sich hatte zu Schulden kommen lassen, nicht verschwiegen geblieben ...

Mit der ihr eigenen kurzen und schneidenden Bestimmteit fragte Lucinde:

Woher wissen Sie denn, dass ich eine Verpflichtung habe, für den Pater zu sorgen?

Zu sorgen, mein fräulein? sagte Veilchen lächelnd und