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... So war auch Tönneschen Hilgers neulich, der Schifferknabe von der Insel Lindenwert, zu den Jesuiten expedirt worden ... Nück hatte so viel zu tun, dass er nur in dringenden Geschäften zu sprechen war, eine Dame, wie er sagen liess, ausgenommen, die Gesellschafterin seiner Schwiegermutter, fräulein Lucinde.

Eine hohe weibliche Gestalt sah man dann in den ersten Frühstunden in die Rumpelgasse eintreten. Sie war blau verschleiert, in einem schottisch carrirten Mantel; ein Pelzmuff bedeckte die hände ... Gegen Morgen hatte das Wetter plötzlich umgeschlagen und war kalt geworden. Einer der kleinen Kanäle der Stadt war sogar mit einer dünnen Eisdecke überzogen. Eine dichte Menschenmenge stand, um ein Wunder zu sehen. Auf dieser Eisdecke hatte sich eine Figur gebildet, die man allenfallsfür ein Kreuz nehmen konnte. Durch diesen Anlass zu neuer Aufregung hindurch, betrat Lucinde das enge Stadtviertel, wo der Frost unter den Tritten der Fussgänger schon wieder aufgeweicht war und es wie immer werkeltägig aussah, obgleich die Juden Sabbat hielten ...

Lucinde kannte durch Treudchen alles, was Löb Seligmann über Veilchen Igelsheimer erzählt hatte ...

Freilich die Bildungsquelle, die ihr bei diesem Mädchen nach des entzückten Löb Versicherung hätte fliessen dürfen, hatte Treudchen nicht benutzt; sie hatte eine hochgebildete Freundin näher, vorzugsweise aber auch Nonnen und einen Geistlichen, die sich mit Vorliebe und langsamer Schulung ihrer Seele annahmen ...

Aber Lucinde hatte darum doch alles erfahren, was Veilchen betraf. Sie wusste die Liebe derselben zu jenem Leo_Perl, der Lucinden selbst von der HasenJette als ein weiland Michel Angelo'scher Moses dargestellt worden war; sie kannte den Anteil, den an dem Uebertritt desselben der Dechant und, wie sie aus den gegebenen Andeutungen nicht bezweifeln konnte, sogar der Kronsyndikus hatte; sie kannte ihre jetzige Tätigkeit in dem antiquarischen und carnevalistischen Geschäft ihres Verwandten, eines zweiten Bruders der Hasen-Jette, ihre Kenntniss von alten Münzen; sie wusste, dass sie es war, die jene Ahasverusscherze trieb mit römischen Kaisernasen, die in Gänsemägen den Rost der Jahrhunderte ansetzten. Endlich wusste sie, dass Klingsohr durch die Zutraulichkeit Veilchen's gewagt hatte, hier sein Ordenskleid abzulegen ... Der Verräter des Mönchs war der von Angst und dem künstlichen Schein der Unbefangenheit nächtlich umgetriebene Jodocus Hammaker gewesen. Von Serlo's Kindern und ihrer Mutter hatte sie nur einmal einen Brief, die Bitte um Geld erhalten, dann nichts wieder von ihnen vernommen, weder Empfangsanzeige, noch, "wie sich von selbst verstand", Dank ...

Alle diese Eindrücke sammelnd und in sich zurecht legend, von der Erinnerung an den gestrigen Abend umschlungen wie mit glühend ehernen Armen, aufatmend nach hülfe über die schon im Dom bei der Messe vernommene Kunde, dass Bonaventura morgen Abend reise, nach Witoborn reise, wohin die mögliche Rückkehr auch Klingsohr's ihre Pein vermehrte, voll Entschlossenheit, bis zum morgenden Tag es über ihr ganzes Leben zu einer letzten Entscheidung kommen zu lassen, bestieg sie einige Stufen, die in eine dunkle Hausflur führten, in welcher zur linken der Eingang in das heute feiernde Geschäft "Natan Seligmann" lag.

Trotz des Sabbats waren die Vorläden dreier Fenster, die in die dunkle Gasse führten, doch halb und halb geöffnet geblieben. An einigen alten Basen und Majolikaschüsseln, an einigen alten Kupferstichen, einigen Dominos und Masken sah man, dass sich hier das Geschäft Natan Seligmann's befand, der sich auch anderweit als kein zu strenger Rigorist in der Feier des Sabbats zeigte; denn die Tür ging mit lautem Klingeln auf und am Spalt eines der angelehnten Fensterflügel stand ein der Hasen-Jette ziemlich ähnlich gebauter, starker und kräftiger Mann und putzte an einer Blechhaube die Rostflecken ab. Ringsumher lagen die Embleme eines vollständigen Ritters ...

So dunkel es war, fand sich die entschlossen Eintretende bald in dem grossen Zimmer, an das sich weitere mit Gegenständen aller Art überhäufte Alkoven und Gänge und Mauerschränke anschlossen, zurecht. Die ganze Herrlichkeit der mit ihrem Carneval gleich hinter Rom und Venedig kommenden Stadt war hier beisammen, soweit die Minderbegüterten sich erst leihweise das entnahmen, was die der Sphäre Moppes, Maus, de Jonge angehörenden Matadore sich selbst anfertigen liessen. Den Helm, den Natan Seligmann eben putzte, hatte Weigenand Maus im letzten Carneval getragen; der Geschäftsgang brachte es mit sich, dass das einmal Gebrauchte um ein Billiges an die Juden ging.

Natan Seligmann schien tief in Gedanken verloren und die Zeit selbst zum gegenstand seiner Betrachtungen gemacht zu haben, denn ein Carneval fand in diesem Jahre nicht statt. Traurig hingen um ihn her die Hanswürste, die Schellenkappen schienen seiner verdriesslichen Miene zu klingeln wie Sterbeglöcklein, das lachen der Masken war so tot wie nach Klingsohr das stehen gebliebene lachen in den Gesichtszügen der alten Voltairianer im Kapitel. Viel unfreundlicher und unwirscher war die Art des in einen des Sabbats wegen feinen blauen Oberrock gekleideten Mannes mit darübergezogenen grauen Schmutzärmeln, als die seines coulanten, weltkundigen und musikliebenden Bruders Löb, der sich zu seiner schon von Geburt weichen Seele eine so ästetische und feinfühlende Bildung erworben hatte.

Der Sabbatbrecher blickte auf Lucinden, indem er ein klein wenig in seiner Arbeit innehielt. Das eine Auge schloss er blinzelnd, eine Geberde, die er an Geschäftstagen noch vervollständigte bis zu einem gänzlichen Bedecken seiner beiden Augen mit der Hand, um drüber wegfahrend durch eine offen gelassene Spalte zwischen den Fingern hindurch gleich sich zu orientiren, wess Geistes Kind ihn besuche, ob er