wenn vielleicht deine e i g e n e Hand, Mädchen, im Westerhofer Archiv –
Bei diesen von Lucinden deutlich verstandenen, gierig aufgesogenen, sie mit halber Besinnungslosigkeit erfüllenden Worten trafen plötzlich zwei Tatsachen zusammen, die sie bestimmten, einen Schrekkensschrei auszustossen ...
In seiner Sinnenglut hatte sich Nück Lucinden so genähert, dass nicht nur wieder seine Augen völlig weiss und ohne Stern erschienen, sondern auch unter dem weiten weissen Tuche, das seinen Hals bedeckte, ein anderer Anblick sie erschaudern liess. Rings unter der Binde ging ein blutigroter Streifen hin, der sie sofort an Hammaker's Tat erinnerte ...
Und in demselben entsetzlichen Augenblick, in der offenbaren Aufforderung zu einem Verbrechen, gab es plötzlich unten eine lärmende Unterbrechung des Klavierspiels ...
Was ist? hörte man wie aus einem mund rufen. Dann folgte ein lärmendes Durcheinanderlaufen, ein Klingeln, ein Schreien im hof und zugleich von der Strasse her ein Dahersprengen von Cavalerie ...
Nück horchte auf und ordnete rasch die Binde an seinem Halse ...
Ein Alarm! wandte er sich. Da der Lärm zunahm, bedeutete er Lucinden ruhig zu sein und beugte sich horchend über die Lehne der Treppe ...
Das Dahinsprengen der Cavalerie wurde lebhafter ...
Lucinde stand kraftlos ...
Ohne ein anderes Wort zu sprechen, als: Also morgen, Freundin! Klingsohr geht nach Belgien! Morgen! Schicken Sie! Schreiben Sie! Tun Sie – tun Sie, was Sie wollen und was Sie wünschen! Ich unterziehe mich allem, aber Vergebung, Vergebung – Freundin! Und – Wiedersehen! ... entfernte sich Nück über die Stiege und ging schneller nach unten zurück, als er gekommen.
So plötzlich ward ihm seine Selbstbeherrschung, dass Lucinde starrte, ihn so verschwinden zu sehen als wäre hier oben nicht das Mindeste vorgefallen.
Sie schwankte in Treudchen's kammer zurück ...
Diese war ohne Licht ... Halb ohnmächtig sank sie auf Treudchen's Bett ...
Wohl eine halbe Stunde mochte sie so gelegen haben, besinnungslos, allem Erlebten nachdenkend, unbekümmert um den Lärm um sich her, auch um den auf der Strasse, der sich seit dem November so oft wiederholte, als endlich Treudchen erschien, mit einem Licht in der Hand ...
Jetzt erst entdeckte sie Lucinden und war nicht wenig erschrocken sie hier und wie krank zu finden ...
Wissen Sie denn nicht? fragte sie erregt ...
Lucinde antwortete nichts ...
Treudchen erzählte, dass die ganze Gesellschaft auseinander wäre ... Schon wäre am Marstor geschossen worden ... Die beiden Handwerkervereine lägen in blutigem Streit ... Das ganze Militär schon stünde unter Waffen ... Jetzt wäre es ruhiger, wenigstens könnten die Wagen wieder durch und holten die geängstigten Herrschaften ab ... Die Meisten hätten sich zu Fuss geflüchtet ... Unten wäre niemand mehr ...
In der Tat war auf der Strasse und unten alles ruhiger ...
Lucinde erhob sich und sagte:
Ich wollte den jungen Herrn abrufen! Seinen ganzen Abend scheint er verschlafen zu haben! Da kommt der Joseph! Weckt ihn jetzt! Er schläft gewiss! Gute Nacht, Treudchen!
Sie entfernte sich und schwankte dahin wie ein verstörter Geist ... Joseph hatte ihr ein Licht gegeben. Sie ging, halb wie Psyche mit der Lampe vom schlummernden Amor, halb – wie Lady Macbet vom ermordeten Duncan.
Mit dem Joseph kam dann auch noch der Hausknecht ... Unten gingen die Klingeln der Commerzienrätin und Johannens ... Man klopfte an Piter's Tür. Jetzt erfolgte Antwort. Er erschien. Piter hatte geschlafen. Er orientirte sich, brach in Staunen, in Zweifel, noch einmal in Zweifel, dann in Verwünschungen aus, Schwüre um Rache am ganzen Menschengeschlecht und zunächst an seiner Familie. An die Möglichkeit dessen, was "ihm passirt war", vermochte er nicht zu glauben ...
Treudchen behielt den meisten Mut und die meiste Fassung. Sie ging Pitern leuchtend voraus, half bei der Zurückstellung der speisen, bei dem Löschen der Beleuchtung. Da die Commerzienrätin von einem Fieberanfall gesprochen, unterstützte sie die Bedienung derselben in ihrem Schlafgemach. über Pitern konnte sie der Mutter Beruhigung geben. Zu den "etwa Erschossenen" gehörte er nicht ... Er hatte nur "seinen eigenen Abend" verschlafen ...
Halbtodt war Piter darum doch und um ihn her sah es aus wie auf einem Leichenfelde ...
Der Ueberblick unserer aus festlichem Schmuck zur Alltäglichkeit zurückkehrenden Wohnräume hat schon an sich etwas Gespenstisches ...
Piter aber glich einem marodirenden Adler auf einem Schlachtfelde ... Alles war vor dem ersten Ausbruch seiner Wut geflohen ... Es konnte nicht zweifelhaft sein, dass er seine Eröffnung der Wintersaison, die Honneurs, den Empfang der Frau von Hülleshoven zum Gelächter der ganzen Stadt verschlafen hatte. Da lagen die Noten, da stand der Kasten mit der Bassposaune, da waren Lichter niedergebrannt, da gab es die vorausgesehenen Oelflecken, silberbeschlagene Korke lagen auf den Tischen, die Stühle waren in Unordnung, der gebohnte Fussboden mit Staub bedeckt und ohne Glanz, die Oefen erkaltet – die Früchte seiner Saat hatte man ohne ihn geerntet.
Er raste und suchte ein Opfer. Messer sah er liegen und ergriff eines ... dann schleuderte er's fort; er nahm's wieder, denn eine stimme hinter ihm her sprach von einem