Das ist die Stufenfolge – auf seinem Kalvarienberge des Lebens! Ein lebhafter Briefwechsel hin und her, lange Läuterung, lange Prüfung; aber besser, er setzt sich die viereckte Mütze auf und predigt; besser, als bei den Barfüssern zu verkümmern ... fragen Sie ihn, ob er zu den Jesuiten will? Ich besorge alles ...
Lucinde sprach sinnend und des Mannes staunend:
Ich werde – Ihnen schreiben –
Schreiben! In zeiten, wie die jetzige, schreibt man nicht.
So schick' ich – zu Ihnen ...
Schicken! In zeiten, wie die jetzige, kommt man selbst ...
Lucinde fuhr zurück; denn Nück trat mit einer Keckheit auf sie zu, dass sie jetzt fast alles hätte abbrechen müssen ...
Darum beherrschte er sich und flüsterte:
Mädchen! Mädchen, höre mich jetzt! Du hast in der Welt nichts unversucht lassen wollen! Versuche noch eines! Die Liebe solcher Männer, zu denen ich gehöre! Wir zählen einundfünfzig Jahre, aber unsere leidenschaft zählt neunzehn! Wir geben nur, wir opfern nur; wir markten nicht mehr, wir lieben nicht mehr um unserer Eitelkeit willen, wie Oskar Binder liebte! Ha! Sei doch klug, Mädchen, und erschrick nicht ewig – vor dir selbst! Sei, was du bist! Das Bedürfniss der Hingebung ist am mann nie reiner, nie aufrichtiger, nie selbstloser, als wenn schon alle Hoffnungen und Illusionen hinter ihm liegen! Lucinde! Ich baue dem Glück, das Sie mir gewähren, ein goldenes Haus! Niemand soll es sehen ... in Lüften soll es schweben, wie die Hütte von Loretto! Wollen Sie anderes? Befehlen Sie! Ich breche mit allem, was Sie stört, tue alles, was Sie bedingen! Reisen wir? Nach Paris? Nach Rom? Nach Mekka! Ich bete Sonne und Mond an, wenn du es verlangst, Mädchen!
Lucinde hatte die Tür in der Hand, die sie öffnete und wollte entfliehen ...
bleibe! rief Nück ausser sich ...
Sie wandte sich ... Da fuhr sie entsetzt zurück ... Wie sie in des wilden Mannes Augen sah, waren diese ohne Stern. Ein einziger weisser Glanz ...
Nück, den unheimlichen Eindruck, den er machte, ahnend, bestätigte ihn fast, indem er tonlos sprach:
Ich bin unglücklich!
Wieder hatte in dem untern Stockwerk Musik begonnen. Man sah, dass eben in dem Zimmer Piter's das Licht ganz erloschen war ... Die unten geführten gespräche hörten auf ...
Lucinde sprach zitternd und wegen der Stille kaum hörbar:
Ich muss zur Gesellschaft!
Nück gab sie nicht frei ... Ebenso leise flüsterte er:
Sie lieben, Lucinde, ich weiss es ...
Die Musik kam vom Spiel auf dem Flügel ... Lucinde dachte, sie müsse vergehen ... den Schlag ihres Herzens hätte man hören können ...
Sie lieben einen Menschen, der ein Gott ist! fuhr Nück flüsternd fort. Das wird Sie nicht glücklich machen!
Lucinde hielt sich, um nicht zusammenzubrechen ...
Warum verschwenden Sie Ihre Kraft, Ihre Jugend, Ihren Geist an diese Schwärmerei? Sie lieben ein Phantom, Sie lieben Serlo's Geist – zucken Sie doch nicht ewig vor meiner Kenntniss Ihres Lebens, die ich mir aus rasender leidenschaft verschaffte. Es sind ja keine Dolchstiche, die ich gegen Sie führe – Serlo's Geist, der in einem neuen Körper wohnt? Hat dieser Priester etwas von Serlo? Ich wünschte, Serlo's Geist spräche Ihnen aus dem meinigen oder hab' ich nichts mit ihm gemein? ... Sie schütteln Ihr schönes Haupt! ... Diese schönen Locken! ... Lucinde! Was wollen Sie in diesen Verhältnissen? Schwingen Sie sich auf! Wissen Sie, dass – Sie eine grosse Rolle spielen könnten? Dass die Väter der Gesellschaft Jesu tatkräftige Freundinnen brauchen? Wollten Sie denn nicht an unserm Kreuzzuge teilnehmen, wie mir Beda Hunnius geschrieben? Hassen Sie nicht auch diese numerirten Knöpfe und bunten Achselklappen? Diese kluge, durchsichtige, polizeiliche Welt? Ein Sturm wird über die Erde kommen und sie in ihren Grundvesten erschüttern! Verbünden Sie sich uns! Wenn nicht in der Liebe, im Hasse! Ha! Du kannst hassen, Mädchen! Mehr als lieben! ... Siehst du, wie dich das traf! lachen musst du jetzt? ... Hör' es, hör' es! Ich habe immer eine Fackel in der Hand, noch einmal die Welt in Brand zu stecken. Kannst du Gift mischen, Mädchen?
Für Fliegen!
Kannst du stehlen?
Kirschen!
Falsch schwören?
Lernt sich von Euch!
Falsche Handschriften machen?
Lucinde verstand kaum noch sein immer gedämpfteres Flüstern ...
Wenn ich nun Paula zwänge den Grafen Hugo zu heiraten und dein Gott nicht mehr mit ihr straucheln könnte?
Das verstand Lucinde und blieb starr ...
Wenn sich nun die Urkunde fände, die die Erbberechtigung des Grafen Hugo ausschliesst! Wenn adelige Conduite mit sich brächte, dass Paula dem Getäuschten in Wien dafür ihre Hand gibt, wodurch sogar eine Conversion zu hoffen ist – der Mann folgt dem weib –! Und wenn dann Paula nicht in ein Kloster ginge, nicht mit Herrn von Asselyn die mystischen Nächte seraphischer Liebe feierte, wie die Heilige von vorhin mit dem Benedictiner Gottfried? Ja,