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haben konnte und die heute eine festliche war ... Ja sie erglühte, da sie ihren Schatten sah und die Locken, die in ihrem Nacken wogten ...

Erfuhren Sie dasvon –? sagte sie bei alledem mit erwachendem Mute und deutete abbrechend auf die Strasse hinüber ...

Von wem? fragte Nück, staunend und unschuldig wie ein Kind.

Seine Augen schossen zwar einen durchbohrenden Pfeil auf die Fragerin, die ihrerseits im Ton angedeutet hatte, was sie über die Frau vermutete, bei der sie hatte Chocolade trinken sollen; doch lag zugleich etwas um Vergebung Bittendes in seinem Tone. Endlich, wie ein Jüngling, der zum ersten mal von Liebe spricht, sagte er leise und zitternd:

Lucinde! Ich bete Sie ja an!

Lucinde sah einen Mann vor sich, der aller Welt ein Riese an Willenskraft und Macht erschien. Ihr gegenüber schien er ein Kind, die Demut selbst zu sein ...

Lucinde lachte laut auf mit jenem hellen lachen, das ihr niemals schön gestanden ... Seit Monaten hatte sie nur in Treudchen's Gegenwart und für sich allein so lachen können ...

Befehlen Sie über mich! Strafen Sie mich! Gebieten Sie mir etwas! Ja, ich bin Ihnen Genugtuung schuldig für mein gewagtes Wort! sagte Nück und bot der ihn Verhöhnenden die Hand ...

Lucinde hatte fast das Bedürfniss, ihr spottendes lachen wieder gut zu machen. Fast scherzend und schon wie um ihn festzuhalten sagte sie, sich rasch auf die von Veilchen Igelsheimer erhaltene Mahnung besinnend und ihren Vorteil nutzend, vielleicht Klingsohr irgendwie für immer aus ihrer Lebensbahn zu schaffen:

Ganz recht, Herr Oberprocurator! Sie können mir einen Gefallen tun! ... Sie kennen den MönchSebastus?

Ihren ehemaligen Verlobten, Doctor Klingsohr ...

Lucinde hatte diese Wendung nicht erwartet. Sie brach erblassend ab und wollte gehen ... Es war ihr Fluch, dass ihr überall die gespenstische Vergangenheit entgegentreten musste ...

Nück vertrat ihr aber den Weg, streckte die arme aus und hauchte leise, wie zerflossen von Inbrunst und leidenschaft:

Mädchen! Was fliehst du! Ich kenne ja dein ganzes Leben!

Lucinde blickte ihn finster und von der Seite an, indem sie die Tür zu Treudchen's Zimmer fest in der Hand hielt ... Sie bot ein Bild des Schreckens, der Entrüstung undjener Schönheit, die dem Charakter eigen ist ...

Rolle deine gewitternden Augen nicht! Lache nicht über michmich, den Narren im grauen Haar –! Pater Sebastus ... Ja, ganz recht! Dem geht es schlecht! ... Was wünschen Sie, fräulein Schwarz, dass ich für ihn tue?

So sprang er in einen ganz gewöhnlichen Ton der Artigkeit zurück, hielt diesen Ton aber nicht fest, sondern rief sogleich hinterher:

Angebetete!

Lucinde hatte sich in ihre Lage gefunden und fing an sich zu beherrschen.

Warten Sie nur, sagte sie, nun weiss ich etwas, was eine Dame, die fortwährend über Hitze klagt, endlich einmal abkühlen wird! ...

Sie sagte das so voll Uebermut, dass Nück neue Hoffnung schöpfte. Mit elegischem blick hauchte er:

O, das war grausam!

Sein blick dabei gegen Himmel wollte ein ganzes verfehltes Leben malen ...

Lucinden graute vor diesem blick ... Es war gar kein menschlicher ...

Was kann ich für den Mönch tun? fragte Nück sich sammelnd ...

Kann man ihm nicht die Freiheit geben?

Die Rückkehr in sein Kloster?

Lucinde stockte ...

Sie wollte sagen: Gerade das am wenigsten!

Sie sind an ewige Gelübde nicht gewöhnt! sprach er. Es wird ihm besser sein bei Pater Ivo und Bruder Hubertus ... Oder ... Ja! Ganz recht, Sie wollen ihn nicht gern in der Gegend von Witoborn. Nicht bei Schloss Westerhof, wohin Sie Ihre ganze sehnsucht zieht! ... Wallen Sie doch nicht auf, fräulein ... Gut! Erst erfahren wir, ob er entfliehen will? Will er wieder Protestant werden? Nein? Oder was? Weltpriester? Er hat die Weihen nicht! Halt! Das ginge! Das würde ihn aus Ihren Bahnen schaffen! ... Ha! Blitzt es schon wieder? Wie schön steht Ihnen dieser Zorn! ... MädchenGut, nach Belgien schicken wir ihn, wie ich manchen dahin schicke, Alte und Junge! Sie verstehen? Er darf sein Ordenskleid wechseln, falls erJesuit werden will! Lassen Sie ihn nach Lüttich gehen! Dann sind Sie ihn los ... Aber so bleiben Sie doch! Warum zürnen Sie denn? ... Hm! Ich besorge alles! Empfehlungen, Wagen, Pferde ... Nach Lüttich! Nicht wahr? Nicht nach dem Düsternbrook, wo Sie ihn zum ersten mal sahen? ... O, o! ... So bleiben Sie doch!

Lucinde folgte allen diesen Reden in der höchsten Aufregung. Bald stand sie auf der Flucht, bald wieder wie gebannt von dem dämonischen mann, der ihr ganzes Leben kannte und so tief in ihrer Seele las ...

Nück fuhr fort:

Allerdings! Dieser Mann könnte sich grösser bewähren, als durch Betteln! Soll ich ihn nach Rom schicken? Es gibt auch da eiserne Gitterdenn das muss er! Büssen muss er bitter für eine solche Flucht!