einmal eine recht gute Handlung in der Welt begehe, soll es die sein, dich zur Frau Piter Kattendyk zu machen ...
Das lachen, Reden, Tellerklappern, Gläserklingen von unten her nahm immermehr zu ...
Treudchen fasste einen Entschluss. Sie trat an die Tür, sah durchs Schlüsselloch, erfasste den Schlüssel, drehte entschlossen einmal, zweimal um, drückte die Klinke auf und herein strömte eine blendende Lichtfülle, strömte in die matterhellte kammer so strahlend, so feenhaft festlich, dass Lucinde unwillkürlich wieder in ihre Vorkammer zurückhuschte ...
Treudchen wagte sich vorwärts. Die Fülle des Lichts fiel auf ihre angstbleichen schönen Züge. In Anmut hob sich lichterhellt die liebliche Gestalt von dem dunkeln Vordergrund ab. Auf den Zehen schlich sie an die Tür Piter's, die von innen durch einen Drücker, von aussen durch einen Schlüssel zu öffnen war, einen Schlüssel, der leider nicht steckte ...
Tiefseufzend öffnete sie das Corridorfenster, lehnte sich auch da weit hinaus und räusperte laut, um hörbar zu werden. Dann rief sie wieder:
Herr Kattendyk!
Für Lucinden war dieser Beweis der Liebe Treudchen's ein Genuss. Noch viel länger hätte sie jetzt lauschen mögen. Sie hatte die Absicht, nach einer Weile hervorzuspringen und sie zu küssen. Sie war in Treudchen verliebt; diese – kritisirte sie doch nicht! Und Treudchen's Lebenslage glich der ihrer eigenen ersten Jugend ...
Nun aber wollte sie ernstlich Lärm machen, um Pitern zu wecken.
Eben kehrte Treudchen zum Schlüsselloch zurück und wisperte die ängstlichsten und dringendsten Rufe ... Da tönte vorn in den Delring'schen Zimmern eine Klingel; sie wurde zwar nur einmal, aber laut schallend angezogen.
Wie der Blitz schoss Treudchen an Lucinden vorüber und verschwand mit einer Schnelligkeit, die es unbegreiflich machte, wie sie zu gleicher Zeit noch die Tür ihres Zimmers anziehen konnte. Ehe Lucinde sich über die Störung hatte orientiren können, war sie im Dunkeln; auch das Licht Treudchen's war vom zug ausgegangen.
Lucinde wäre gern in diesem Dunkel geblieben ... mit sich allein ... mit dem Chaos in ihrer Brust ...
Der Befehl der Commerzienrätin war jedoch zu entschieden ... Sie öffnete und wollte stark an Piter's Tür pochen, hinter der der Lichtschimmer immer matter und matter zu werden anfing. Das offene Fenster störte sie. Sie war in blossem Halse und hocherglüht ...
Eben, wie sie das Fenster schloss, hörte sie von unten her das leise Betreten der Corridortreppe ...
Da sie nichts zu fürchten hatte, drückte sie Treudchen's Tür ganz zu und wollte sich ans Werk machen, in allem Ernst zu entdecken, ob der "junge Herr" anwesend war oder nicht.
Da sprach von der untern Treppe eine männliche stimme herauf:
fräulein, was haben Sie denn nur für ein Interesse, der Gesellschaft den Abend zu verderben?
Es war die stimme des Oberprocurators ...
Lucinde wandte sich, tieferbebend ...
Nück stieg eine Stufe höher ...
Ihr Herr Schwager verschläft den Abend, der sein eigenes Werk ist! hauchte sie und suchte nach Unbefangenheit. Sie hoffte, Nück würde gehen.
Nück stieg aber höher und sprach:
So wird er, wie hier auf Erden jedes grosse Genie, auf seinen Nachruhm angewiesen sein!
Wir erleben aber von ihm die heftigsten Vorwürfe, fuhr Lucinde sich ermutigend fort ... Es benahm ihr den Atem dies Näherkommen des gefürchteten Mannes ... Auch hat mich Frau Commerzienrätin beauftragt, ihn auf alle Fälle zu rufen! setzte sie tonlos hinzu ...
Wenn er nun aber hier nebenan gefesselt sitzt bei dem kleinen Mädchen, dessen Schutzengel Sie geworden sind?
Nück stand mit diesen schmeichlerisch betonten Worten oben und vertrat Lucindens in dieser lichtellen Einsamkeit vollends blendender Erscheinung den Weg, als sie kraftlos wieder bei Piter anklopfen wollte ...
Bitte! Bitte! sagte er sicher und ruhig. Wirklich! Lassen Sie doch den Burschen träumen! Beschämungen sind zuweilen eine gute Cur und ohne ihn geht alles noch einmal so gut. Er würde das Leben der heiligen Hildegard viel besser gewusst haben, als die kleine überspannte Frau ... nicht wahr?
Lucinde war wie gefangen durch die immer entschiedenere Annäherung. Sie wusste schon nicht, wie sie entkommen sollte ...
Sie fliehen vor mir! rief er ihr nach, als sie ihm mit rauschendem Kleide vorüberhuschte, und suchte sogar ihre Hand zu haschen ...
Selbst eine Rose, wie Sie, muss duldsam sein für jeden Wurm, der aus ihrer Blüte Duft saugen will! sprach er mit einem funkelnden Blicke ...
Ja! sagte Lucinde mit gepresster stimme und vor Angst scherzend und auf seine graue, unfestliche Kleidung deutend, ein Wurm sind Sie! Ein rechter Actenwurm!
Mädchen! rief Nück wie im plötzlichen Sichselbstvergessen, dann aber sich mässigend ... Er war wie um zehn Jahre jünger geworden durch dies tête-à-tête. Seine dunkelbraunen Augen leuchteten. Am Geländer der Treppe musste er sich halten, um sein aufgeregtes Zittern zu verbergen ...
Das wusst' ich doch, sagte er und vertrat ihr wieder den Weg, dass Sie das nicht sind, was Sie bisher geschienen ...
Ha! wallte Lucinde auf und stand wie fragend nach der Bedeutung dieses Wortes. allmählich gewöhnte sie sich an das gehörte Wort und gedachte ihrer äussern Erscheinung, die wohl Nück gemeint