oft bitter errungenen, aber tiefinnerlich beglückenden Stolz, in solcher Höhe einsam zu stehen wie Alpenhäupter, erhaben über die alltägliche Denkweise der Menge, hätte einflössen können, quälte sie ihr eigenes Geschick ... Paula – Bonaventura – Hildegard – der Benedictiner Gottfried – alles das überwältigte und lähmte jeden Aufschwung ...
Ein grosser Unterschied zwischen Monika und Lucinden! Monika eine Frau und liebend das Gute um des Guten willen. Lucinde ein Mädchen – den meisten ihrer Gesichtspunkte fehlte Ernst und Festigkeit und das Gute liebte sie nur, weil das Gute in den meisten Fällen das Klügere ist. Monika entsagte schon lange dem Leben und stellte sich entschieden auf sich selbst. Lucinde suchte einen Anhalt. Nicht von haus aus sass Neid in ihrer Brust, aber er nistete sich mit der Zeit durch ihr Unglück ein. Die Unglücklichen sind neidisch. Sie werden sich immer sagen, dass sie sich ebenso berechtigt glauben zum Glück wie die Glücklichen .... Seltene, Edelste deines Geschlechts, ich habe dich lieb, ich bewundere dich, nimm mich in deine Freundschaft auf! Das konnte Lucinde nicht zu Monika sagen. Sie fühlte die anziehende Kraft dieser Frau, sie sah ihr liebliches Kind in ihren Zügen wieder und doch hätte sie nicht einen Schritt tun können, ihr mehr zu huldigen, als ihr Geist verdiente. Die Geringschätzung der katolischen Lehren würde sie wenig gestört haben ...
Schon auf der Treppe zu Delrings hinauf, wo sie etwas von Pitern zu erfahren hoffte, lachten sie die gewöhnlichen Larven ihres inneren an und sagten von der Frau in den silbernen Locken: Sie ist mit ihrer Familie verfallen! Sie hat unter den Vorurteilen derselben zu leiden! So jung noch, so schön, und sie soll entsagen! Herr von Terschka ist ihr Anbeter! Vielleicht gar Graf Hugo! Was sprach sie nur von Castellungo? Von den Waldensern, die auch damals – den Hedemann so interessirten? ...
Rein und gläubig war nichts in ihrem Sinn. Nur wo sie unbedingte Liebe und Hingebung fand, wie bei Treudchen, da legte sie die Waffen nieder ...
Im obern Stock schien alles wie ausgestorben. Der lebendige und rauschende Abend hatte auch die Delring'sche Dienerschaft angezogen und Treudchen mochte zum Tee genügt haben ...
Lucinde hielt ihre Kleider, um sich durch das Rauschen derselben nicht hörbar zu machen.
Oben fand sie alle Türen offen. Sie schlich sich näher. Das Ehepaar schien noch nicht zur Ruhe gegangen. Treudchen war nicht zu finden. Delrings waren ohne Zweifel in dem kleinen Boudoir, wo das Pianino stand und die verhüllte Madonna. In das leise geöffnete Wohnzimmer blickte Lucinde. Noch brannte hier eine Astrallampe, die, von einem grossen dunkelroten Tuberosenkranz von Papier gedämpft, ein magisches Licht auf Bücher und Nähwerk fallen liess. In der hier herrschenden Stille lag ein geisterhaftes Etwas, gleichsam als lebte schon das Kind, um das soviel Kampf und nach Lucindens Meinung unnützer Streit geführt wurde. Aber die Stille wurde gespenstischer und gespenstischer ... Die Lauschende erschrak ... Ihr alles vom Gegenteil auffassender grausamer Sinn sah das erwartete Kind plötzlich statt in der Wiege – auf der Bahre ... Sie fuhr zurück, als wehte sie ein Eishauch des Todes an ...
Um Treudchen zu finden, musste sie hinterwärts, dem hof zu.
Alle Zimmer waren hier dunkel ...
Endlich kam sie furchtsam und erschreckt an Treudchen's kammer, die sie rasch wie hülfe suchend öffnete.
Unfehlbar hätte sie jemand, der drinnen war, hören müssen, so leise sie die Tür auch aufklinkte.
Treudchen aber, die wirklich drinnen war, lehnte sich gerade zum Fenster hinaus, weit, weit hinaus ... sie hätte in den Hof fallen können ...
Erschrocken trat Lucinde näher und wollte sie am Sturze hindern ...
Treudchen klammerte sich mit der linken Hand am Fensterrahmen fest und jetzt sprach sie sogar hinaus ...
Nun zog sich Lucinde zurück in die dunkle Vorkammer ...
Herr Kattendyk! Herr Kattendyk! wisperte Treudchen zu den Fenstern Piter's, in welchen sich ein leiser Lichtschimmer entdecken liess ...
Jetzt kehrte sie vom Fenster zurück und sprach mit weinerlicher stimme vor sich hin:
Jesus Marie! Er verschläft den ganzen Abend! ...
Ein dumpfes Gemurmel von Menschenstimmen liess erkennen, dass unten die Tür zur Verbindungstreppe mit den Zimmern Piter's offen stand, vielleicht der Hitze wegen. In diesen hintern Zimmern wurde gespielt ...
Lucinde kämpfte mit sich, ob sie Treudchen belauschen oder mit einem plötzlichen: Guten Abend! erschrecken sollte ...
Treudchen's Angst schien sich zu mehren, als sie an die Verbindungstür trat, die seit einigen Monaten für immer geschlossen war. Der Schlüssel steckte; soviel Vertrauen hatte ihr Madame Delring geschenkt; aber die Tür zu öffnen war ihr streng verboten ...
Nun seufzte sie:
Er ist nicht in der Gesellschaft! Er schläft! Jesus, Marie, Joseph! Und kein Mensch kümmert sich um ihn!
Sie liebt ihn wirklich! sagte sich Lucinde mit einem vornehm herabblickenden Mitleid ...
Kein Mensch kümmert sich um ihn! wiederholte Treudchen halb weinend. Und der Abend geht vorüber, der sein Stolz sein sollte! Was macht man nur!
Am offenen Fenster rief sie wieder:
Herr Kattendyk!
Drüben blieb alles still ... Licht war im Zimmer, das sah man ...
Lucinde sagte sich: Wenn ich