1858_Gutzkow_031_358.txt

war, zu jedem Fiasco, das jemand machte, schadenfroh zu lachen ...

Die Gräfin las den Dante! sagte sie zu Monika und suchte durch ein Lächeln die hier verfehlte wirkung ihrer Verteidigung der Reformation zu zerstreuen ...

Mit Ihnen! ergänzte Terschka, sich schnell einmischend ...

Sie hatte allerdings mit Paula zusammen italienisch gelernt ...

Lieben Sie Dante? fuhr Terschka fort ...

Lucinde schüttelte den Kopf ... Es war ihr in ihrem Leben von Klingsohr so viel über Dante gesprochen worden, dass sie ihn schon deshalb nicht mochte ...

Recht, mein fräulein! sagte Monika, bitter lächelnd über die Welt der Vorurteile. Auch ich mag ihn nicht, diesen finstern Italiener ...

Der Professor kam, um den Wirt zu machen, mit Tellern und offerirte verbindlich und ironisch ...

Wen? fragte er ... Wen mögen Sie nicht leiden?

Dante, Dante! sagte Terschka ...

Wie? lautete ein ironisches Erstaunen; Dante nicht, derden Päpsten doch fluchte?

Sie lieben ihn also! Und warum? entgegnete Monika und stellte den Teller sich zur Seite auf einen nahe stehenden Tisch, da sie nicht essen mochte und sich zum Gehen rüstete ...

Weil Dante für seine Zeit der grösste aristokratische Dichter war! Und für unsere Zeit ist er der katolischste!

Damit entschlüpfte er triumphirend ...

Ich mag ihn nicht, grollte Monika düster vor sich hin, während Terschka einen Tisch arrangiren wollte und sie zurückhielt ...

Fast wäre sie geblieben, als sie aus Lucindens mund durch folgende Worte überrascht wurde:

Ich finde an Dante peinlich, sagte das ihr jetzt erst auffallende schöne junge Mädchen, wie er sich müht, Martern zu ersinnen, die er seine Gegner erleiden lässt! Weil ihn seine Mitbürger aus Gründen nicht mochten, ruft er die Fremden zu hülfe, will Italien mit Feuer und Schwert von den Ghibellinen und den Deutschen verwüstet haben und lässt alles, was ihm persönlich oder seinem Princip misgünstig scheint, in der Hölle gemartert, gesotten und gebraten werden. Eine grellere Einbildungskraft hat es noch nie an einem Dichter gegeben, als sich hinzusetzen und zu grübeln) welche Qualen dem oder jenem seiner Feinde einst zu teil werden würden! Und wen wirft er nicht alles in seine Hölle! Einen Brutus, einen Cato, einen Cassius! Ueberall wittert er Unordnung in seinem Sinn und Freiheit und was darunter die florentinischen Gilden verstanden haben mögen, die nur seinen hohen Wert nicht anerkannten, nicht seine gelehrten Verse mochten, in die er, wie er sagte, seine Feinde lebendig einmauern wollte. Beatrice liebte er, nur um ein Ideal für seine Phantasie zu haben; im Leben und als person war sie ihm völlig gleichgültig. In der Tat, wenn ich die wie mit Gift geschriebenen Verse Dante's lese, diese lang hingezogen sich ringelnden Terzinenschlangen und Molche, diese dem Verstand abgequälten Bilder und Allegorieen, zu denen man, um sie zu verstehen, dicke Commentare lesen muss, so könnt' ich mich wie eine welfische Löwin fühlen, die mit dem demokratischen Hass eines Vorstehers der florentinischen Schustergilden dem Adler der Ghibellinen den Kampf anbieten könnte. Ich sympatisire dann mit den Mönchen, die auf den Zinnen der italienischen Mauertürme gegen die Ghibellinen kämpften

Ein Savonarola war unter ihnen! fiel Monika voll Staunen und gesteigerter Teilnahme ein ...

Pötzl, der Träger der Bologneser, unterbrach eine fast leidenschaftliche Annäherung Monika's und sprach heimlich mit Lucinden ...

Monika fuhr inzwischen fort:

Und da muss ich wieder Mutter Hildegard eine wunderbare und liebliche Poetin nennen. Die blickt auch in die Hölle, aber sie schmort und kocht und foltert die Gottlosen doch nicht so greulich, wie dieser Dante, dessen Bild mit seiner langen Nase und dem dicken über die Kapuze gezogenen Lorberkranz ich nie sehen kann, ohne an ein altes Weib zu denken ...

Lucinde wurde zur Commerzienrätin abgerufen, die bei ihrem fortwährenden Patrouilliren und dem dutzendmal wiederholten Worte: "Haben Sie denn auch ein Glas?" naturgemäss jetzt überall auf Pitern zurückkommen musste. Das Muttergefühl und die sorge der Hausfrau siegte über die Liebe zu den Bolognesern und zu den Hausfreunden und zu hundert Fremden, mit denen sie Conversation begann und nach fünf Worten wieder abbrach. Lucinde bekam den bestimmtesten, ja von "Verzweiflung" dictirten Auftrag, eine Recherche nach der jetzt constatirten "ja furchtbar ängstlich werdenden und ein Unglück ahnen lassenden" Abwesenheit Piter's anzustellen.

Sie musste sich besinnen, dass sie hier im haus eine Dienende war ...

Monika sah, dass Terschka ihr einige Schritte folgte ...

Wer ist das schöne, seltsame Mädchen? fragte sie, als er zurückkehrte ...

Sie stand allein und Terschka nützte seinen Vorteil. Zwar machte er ihr ernstliche Vorwürfe, doch wurden sie von der Glut seiner Huldigungen gemildert ...

Monika hörte nur wenige seiner Worte, riss sich los und trat wie fliehend aus dem Zimmer ...

Der Abend rauschte und wogte dahin ...

8.

Die Worte der geistesstarken jungen Frau, die Widersprüche zweier Pole im Katolicismusdie grösste Abhängigkeit und doch eine eigentümliche Freiheithatten Lucinde in alle Gedankenreihen gestürzt, die ihr vorzugsweise schon oft bei Serlo's Memoiren entstanden waren ...

Aber mehr, mehr als alles, was sie zu einer würdigen Denkerhöhe, zu der auch sie so viel Berechtigungen in sich trug, emporheben und ihr den