einfacher Beichtvater, von dem die Welt nur weiss, dass der Treffliche Pater Gottfried hiess, war ein so treuer Freund ihrer Seele, dass er alles niederschrieb, was sie in den Wolken gesehen zu haben vermeinte, und es dann noch später mit ihr ausarbeitete. Dieser bescheidene Mönch war also noch etwas mehr, als Goeten sein Eckermann. Er war der Geist einer Frau, die keinen Körper, nur eine Seele gehabt zu haben scheint. Gottfried selbst stand unter dem Eindruck ihrer Bezauberung. Er hörte seine Freundin, die auf dem Bette lag, phantasiren. Sie dictirte ihm die Briefe an die, die ihren Rat begehrten. Sie sprach deutsch und sein Ohr hörte und seine Feder schrieb Latein. Er übersetzte nichts, er schrieb die gesicht seiner Freundin gleich in seiner geistigen Muttersprache nieder. Das war gerade so, wie Plato den Sokrates Dinge sagen lässt, die er nie gesprochen und die Plato darum doch nicht log. Aus Sokrates' geist dichtete Plato seine Dialogen; die Dichter lügen nicht, wenn sie auch noch soviel erfinden. Oder glauben Sie nicht, dass Sokrates somnambul war? Jeder grosse Geist ist somnambul. Jeder Genius hat einen Dämon wie Sokrates. Jeder Heroe handelt unzurechnungsfähig. Diese Hildegard war die einzig mögliche Diotima des Mittelalters. Aber welche Torheit, wenn man noch jetzt in ihrer alten Sprache lallen wollte! Ich möchte wohl wissen, wenn man die Gräfin Paula fragte, was Hildegard gefragt wurde, als der Dechant Philipp von Köln an sie schrieb, ob sie in ihren Visionen nichts über den kölner Klerus gesehen hätte? ...
über den kölner Klerus? rief man durcheinander ... Lucinde lachte mit in den Chor hinein. Sie fühlte Schadenfreude – über eine Gegnerin Paula's ...
Gewiss, gewiss! sagte Monika. Die Nonne von Dülmen hätte schwerlich auf diese Frage wie Hildegard geantwortet! Sie hätte ohne Zweifel alle Domherren von Köln für künftige Heilige erklärt!
Ein neuer Sturm ...
Aber Hildegard? Was sagte sie denn? drängte man ... Die Zahl der Umstehenden nahm immermehr zu ...
Hildegard antwortete zuvörderst: Der ewige Gott, der da ist, war und sein wird, wird alle Runzeln der Zeit ausglätten! Wer ist dieser Gott? fährt sie fort. Die Sonne ist das Licht seiner Augen, der Wind sein Gehör, die Luft sein Geruch, der Tau sein Geschmack. Der Mond ist Gottes Uhr, die Sterne sind sein Denken, denn in ewigen regelmässigen Kreisen dehnt sich alles Denken ... Hat wohl die Nonne von Dülmen jemals die Gotteit so erhaben definirt? Sie sah nur Nägelmale und blutende Heilandswunden!
Eine Todtenstille trat ein ...
Man würde Hildegard jetzt für eine Panteistin erklären! bemerkte Terschka vermittelnd, während der Ausserordentliche vor Staunen und Befremdung über diese Sprache in aller Blicken zu lesen suchte ...
Noch mehr! fuhr Monika unerschrocken fort. Die heilige Hildegard war Vulkano-Neptunistin, schon achtundert Jahre vor den Teorieen Cuviers über die Bildung der Erdrinde. Sie sagt an jener Stelle, Gott spräche: Steine hab' ich aus Feuer und wasser gegossen und die Erde aus Feuchtigkeit und Keimkraft dargestellt. Ich habe Gewölbe ausgeweitet, welche die Körper tragen, um dieselben her befindet sich die Feuchtigkeit zu ihrer Befestigung. Hätten die Wolken nicht das Feuer und das wasser, so würden sie wie Asche sein ...
In das Erstaunen der Zuhörer und der Bewunderung vor dieser seltsamen, jetzt fast feierlichen jungen Frau, mischte sich wieder von hinterwärts her die helle und scharfe Frage aus der Menge:
Aber bitte, bitte! Was sagte sie über die kölner Geistlichkeit?
Lautes schallendes lachen ...
Es war wieder die stimme des geliebten, populären Redners ... Lucinde sah ihn nicht ...
Sie vergleicht die Würde der Geistlichkeit zuerst den höchsten Erscheinungen in der natur! fuhr Monika fort und eklipsirte den Ausserordentlichen heute bis zur vollständigen Nullität. Abel, Noah, Abraham, Moses, alle wären Priester gewesen, sagte Hildegard, und hätten in Gottes Haushaltplan der Schöpfung eine grosse Rolle durchgeführt; die vier Propheten wären wie die vier Weltgegenden zu betrachten, die die Erde begrenzten. Und die kölner Geistlichkeit – nun von der, sagte sie, die – ich wiederhole wörtlich – die – blase schlecht auf der Posaune der Gerechtigkeit ...
Die Erinnerung an die Bassposaune erzeugte ein fortgesetztes Gelächter. Denn selbst die Welfen waren mit den jetzigen Kundgebungen ihres plötzlich über den Kirchenstreit eingeschüchterten Kapitels nicht im mindesten einverstanden ...
Eine Posaune, fuhr Monika, als die Zuhörer sich beruhigt hatten, fort, ist ein so erhabenes Instrument, dass es seine Intervallen haben muss. Bei aller Verehrung vor dem Talente, das uns vorhin die süssesten Arien auf ihr vorgetragen hat, würden Sie doch von diesem erhabenen Instrument keinen Walzer hören wollen (Piter hatte allerdings gerade einen Strauss'schen Walzer auf der Bassposaune als die Girandole des Abends und den Uebergang zum gemütlichen "Ulk" bestellt gehabt). Die kölner Geistlichkeit aber blies sozusagen die Posaune der Gerechtigkeit in diesen Sechszehntelnoten, d.h. wie die Heilige sagt, "ohne Einhaltung passender zeiten" und manchmal gar nicht und manchmal im "Uebermasse" und manchmal heftig und dann ganz abbrechend, kurz ohne jede wahre musikalische Empfindung ...
Ein allgemeines beifälliges Murmeln deutete an, dass man diese Ungleichmässigkeit des priesterlichen Wirkens vollkommen verstand ...
Sie will sagen, fuhr Monika fort, ihr übt euer Amt