sich von der Hitze des Zimmers lösten und lang in ihren Ueberwurf hinunterglitten, den sie jetzt öffnen musste, erwiderte plötzlich scharf und bestimmt:
Die heilige Hildegard war im Gegenteil beinahe eine Vernunftgläubige!
Alles horchte auf ...
Wie so? fragte der Ausserordentliche, stutzig über den Mut der Interpellation und ein in dieser Gesellschaft gebrauchtes anstössiges Wort ...
Monika erwiderte:
Jede Zeit hat ihre eigene Art, den Anteil für edlere Dinge auszudrücken. Was in unserm Jahrhundert die Philosophie ist, war vor achtundert Jahren das Christentum ...
Bitte! Erlauben Sie! unterbrach der Professor hocherstaunend ... Aber ein Glück für den Vater, dass dieser in einem hintern Zimmer am Whisttische sass. Sonst hätte er erlebt zu hören, dass die allgemeinste Spannung über die gelehrte mutige Frau seinem Sohn, seinem Stolz, ein zischendes St! rief – und das in einem Kaufmannssalon ...
Frau von Hülleshoven fuhr bei der im Zimmer eingetretenen lautlosen Stille fort:
Wenn eine Zeit voll Barbarei der Wunder bedarf, um sich dem göttlichen Weltplan zu fügen, so geschehen auch Wunder. Der Mensch macht seine eigenen Taten dann selbst dazu und lässt immer nur Gott die Ehre. Die Eingebungen einer Hildegard kamen aus der Sphäre, ja geistigen Sprache her, die damals allein verstanden wurde und allein wirkte. Das Christentum in der Bedeutung, wie wir es jetzt zu citiren pflegen, ist dabei ganz unwesentlich!
Das ist ja offene Ketzerei! warf der Gegner dazwischen, lächelnd freilich und noch verbindlich ... Aber wieder musste er erleben, dass ihm gezischt wurde. Man zischte auch über das harte Wort gegen eine Dame ...
nennen Sie es, wie Sie wollen! fuhr mit einem eigentümlich bittern Lächeln die jugendliche Sprecherin fort. Ich verweise Sie nur auf die vielen Bestätigungen, die Hildegard für meine Behauptung gegeben hat. Sie hat bei ihren Visionen immer nur das praktische Leben und die Besserung der Sitten im Auge gehabt. Hildegard war eine kleine schwächliche person, immer kränklich, jedenfalls von einer somnambulen Anlage ...
Gräfin Paula ist schlank wie eine Tanne! warf Terschka hinein, artig – doch offenbar in der Absicht, Monika zur Mässigung zu mahnen ...
Diese fuhr jedoch fort:
Hildegard sah Erscheinungen, Engel und sie heilte. Aber ihre Visionen waren von einer strafenden und ermahnenden Tendenz. Ihre Heilungen erfolgten nicht ohne Beistand ihrer Kräuterkunde und die Beobachtung des menschlichen Körpers. Sie ermahnte den Papst, der kranken Kirchenzucht zu helfen. Sie geriet in Streit mit dem Erzbischof von Mainz über die Beschuldigung, einen Excommunicirten auf dem Gottesacker ihres Klosters bestattet zu haben. Sie machte sogar Reisen. Dass sie dabei nur die Klöster besuchte, lag im Charakter einer Zeit, wo es noch keine Victoria-Hotels gab und eine Frau mit einigen weiblichen Begleiterinnen nicht auf Ritterburgen übernachten konnte. Die Klöster waren für jene Zeit vortrefflich. Sie waren die Herbergen, die Gastöfe jener Zeit. Sie besuchte Paris. Denken Sie sich eine Reise nach Paris in jener Zeit! ... Eine Reise nach Paris für eine Frau!
Auf einer Reise nach Paris würde man jetzt allerdings nicht mehr in Klöstern absteigen! warf eine stimme hinter der sich mehrenden dichten Gruppe ein ...
Nück's stimme! sagte sich Lucinde, als alles lachte ...
Sie und die Sprecherin waren der Mittelpunkt geworden und Terschka's Augen liessen weder von ihr, noch von Monika ...
Monika fuhr in dem Gemurmel der Freude, den volkstümlichen Nück zugegen zu wissen, fort:
Wie vernünftig, wie praktisch diese Heilige war, beweist auch der Umstand, dass sie zwar bis in ihr achtzigstes Jahr Wunder verrichtet haben soll, aber im tod gänzlich damit aufhörte ...
Ein Geflüster und Lächeln ...
Bitte! unterbrach der Professor der gläubigen Naturwissenschaften. Der Erzbischof von Mainz verbot der toten ausdrücklich, noch Wunder zu verrichten!
So viel Ghibellinen hatte Piter eingeladen, dass jetzt sogar die Welfen über diese Aeusserung mitlachen mussten ...
Man muss das anders erklären! erwiderte Monika, während der Ausserordentliche sich im Kreise rundum schaute und strafende Blicke nach allen Seiten austeilte. Es wäre manchmal sehr schön, wenn man die Reize des Niederwaldes und die Aussicht vom Victoria-Hotel auf Rüdesheim auch den Engländern in Bingen verbieten könnte. Der Zudrang zum grab der Heiligen wurde so gross, dass man den daraus entstehenden Unordnungen steuern musste. Deshalb verbot der Erzbischof der toten äbtissin die Wunder. Und die Heilige erschien dann dem Erzbischof von Mainz und erklärte ihm, sie wollte ihm auch noch im tod gehorsam sein. Das war aber lediglich eine Ironie der vortrefflichen Frau; sie hatte ihr Lebtag so viel Aerger mit den Vorgesetzten der mainzer Erzdiöcese gehabt, dass sie ihnen auch noch im tod gelobte, ihren Willen zu tun.
Ein schallendes Gelächter brach aus ...
Die Entrüstung des Ausserordentlichen steigerte sich so, dass sie jetzt schon von Johannen, seiner Verlobten, heimlich beschwichtigt werden musste ...
Lucinde, die nur ruhig beobachtete, würde mehr aufgetaut sein, wenn sie nicht fast physisch gefühlt hätte, wie Nück, den sie nicht sah, sie beobachtete ...
Aber, fuhr die scharfe Frau zur Mehrung ihres Triumphes fort, aber auch wahrhaft liebende und geistvolle Freunde hat die äbtissin gehabt! Das müssen Sie schon darum zugeben, weil sie des Lateinischen unkundig war, nur im magnetischen Zustande etwas davon wegbekam und doch soviel Schriften gerade in dieser Sprache hinterlassen hat. Ein