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Gegenstand allgemeiner Neugier wurde und aus einer Vorstellung in die andere kam.

Sie selbst suchte nur Benno. Als sie hörte, der fehle und wäre schon nach Witoborn, entsank ihr jede Kraft und Sammlung ... Denn mitten unter all diesen Huldigungen blieb, was sie auch an Männern sah, nur Grund zur Vergleichungmit Dem, für den sie leben und sterben wollte ...

Die Commerzienrätin zog sie in einen Kreis, wo sich eine lebhafte Debatte entsponnen hatte ...

Eine Dame, der sie hier vorgestellt wurde, sass in einem kleinen Eckdivan, umgeben von einer Anzahl Herren und Damen, die sich ebenso an der Erscheinung wie an der Conversation dieser Frau zu erfreuen schienen. Sie trug ein hellfarbiges, mit seidenen Streifen durchwebtes einfaches Tüllkleid und darüber eine grosse schwarze Atlasmantille, mattblau gefüttert, fast wie einen Shawl, aber auch wieder wie eine herabhängende Toga, mit Schnüren auf der Brust und an den Aermelöffnungen. Die ebenfalls blaue Auslage des rundgezackten schwarzen Kragens verdeckte fast den Hals und gab diesem eine eigentümliche Einfassung, wie wenn er neckisch sich in ihm versteckte. Das Merkwürdigste für alle Umstehenden war der Kopf dieser schönen Frau, der halb der Jugend, halb dem Alter angehörte. Aus einem Halbhäubchen von schwarzem Flor, besetzt mit blauen Blumen, quollen eine Anzahl grauer Locken hervor.

Die Commerzienrätin sprach von "der Frau Baronin". Dass Lucinde vor Armgart's Mutter stand, musste sie sich erst selbst allmählich entnehmen.

Lucindens erscheinen fiel auch hier auf. Jemand, der der Dame am nächsten sass, sprang sogleich auf und bot ihr zuvorkommend seinen Sitz. Ein paar feurig durchbohrende Augen warf er dabei auf Lucinden, die errötete. Der Gefällige vergass fast, dass er es war, der das Wort führte und dass alle bisher an seinem mund gehangen hatten.

Mit einer fremdartigen Betonung, aber ausserordentlich geläufig und einschmeichelnd erzählte er Vorgänge, die Lucinde sogleich als auf die Gräfin Paula sich beziehend erkannte. Das waren Wetterschläge in ihr Herz ... Die Lage des Camphausen'schen Processes war ihr geläufig genug, um zu begreifen, dass der Sprecher jener Bevollmächtigte der wiener Erben, Herr von Terschka war, jener Terschka, der einst schon in Kiel sie gesehen und damals durch eine Debatte über ihre Nase die nächtliche Scene mit dem Kronsyndikus veranlasst hatte ...

Terschka wiederum, in dessen Ohr noch bei dem Worte: fräulein Lucinde Schwarz! die Bezeichnung: Eine ultramontane Emissärin! von der Villa der Gebrüder Fuld nachklang und der sich seitdem gleichfalls auf die Tage von Kiel besonnen hatte, Terschka begleitete alles, was er sprach, mit Blicken, die sich zwischen Lucinden und Monika teilten.

Monika sass in tiefem Ernst und spielte zerstreut mit ihrem Fächer. Terschka war vor wenig Stunden angekommen, um noch die Gräfin vor ihrer Weiterreise zu begrüssen. Ohnehin zu spät eingetroffen, musste er in dieser Nacht wieder zurück ... In seinem ganzen Wesen lag die Elasticität der Aufregung, die für Monika vollkommen verständlich gleichsam ausdrückte: Auch nur eine Stunde in deiner Nähe verweiltund ich bin überreich belohnt!

In dem Bericht über die ausserordentlichen Heilungen, die man Paula verdankte, fiel bei Erwähnung der gesicht, die Paula sähe, das Wort:

Der Teppich, auf dem der Domherr von Asselyn als Archipresbyter zu sankt-Libori nächstens die erste Messe lesen wird, stellt eine Vision der Gräfin vor. Der sogenannte Philosoph von Eschede, Doctor Laurenz Püttmeier, hat diese Vision gezeichnet und vierundzwanzig Stiftsdamen und Freifräulein der Umgegend stickten bisher Tag und Nacht daran. Das Ganze ist jetzt vollendet und sieht sich an wie eine Offenbarung Dante's ...

Für Lucinden lagen in jedem Worte dieses Berichts durchbohrende Nadeln und Stacheln des Neides und der Eifersucht ...

So würden wir ja, nahm eine ihr wohlbekannte stimme die Rede auf, die Erscheinung der heiligen Hildegard noch einmal haben, die bekanntlich schon ebenso viel von der natur wusste, wie Alexander von Humboldt, und noch dazu in einem viel wahreren geist ...

Der Sprecher war der Ausserordentliche. Mit einem artigen Grusse an Lucinden hatte er sein: "Bekanntlich" gleich im Ton als "unbekannterweise" gegeben und fuhr deshalb docirend fort. Er ahnte nicht, dass zufällig eine anwesende person im Leben jener Heiligen, deren "Physik" seit einiger Zeit durch die Bekenner der "frommen Naturwissenschaften" bekannter geworden, sehr heimisch war ...

Sie kennen Bingen, meine Herrschaften? fuhr der Professor mit hochliegender stimme fort. Sie kennen den höchst vortrefflichen Scharlachberger der Beste Klopp und die Lokalerinnerungen an Kaiser Heinrich IV.? In der Nähe dieser gegenwärtigen Victoria-Hotels und Bellevues lag sonst das Kloster Disibodenberg, dessen äbtissin vor achtundert Jahren Hildegard gewesen ist, die Tochter eines adeligen Vasallen der Grafen von Sponheim. Schon im dritten Lebensjahre hatte sie Visionen. Sie gab ihr Erbe auf, schenkte es der Kirche, wurde Benedictinernonne und lebte schon hienieden im Geruch der Heiligkeit. Sie sah den Himmel offen, heilte, tat Wunder, schrieb, ohne die Sprache gelernt zu haben, im entzückten Zustande Latein. Sie war eine Gotterleuchtete, die nach allen Richtungen hin Spuren ihres Geistes zurückliess. Ich nenne nur ihre Einsichten in die Naturwissenschaften. Sie hat vom Bau des menschlichen Körpers, von den Kräften der Luft, des Wassers und Feuers mehr gewusst, als die atomistische Physik des achtzehnten Jahrhunderts!

Lucinde dachte bebend an Paula ...

Die Frau aber mit den silbernen Locken, die