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Sie stellte ihn in die Reihe der hamburger "Respectabeln". Sie vermied seine "kalten" "wasserblauen" Augen, die ganz den Tausenden von Augen glichen, vor deren tugendhafter Kritik sie sich einst nach dem tod Jérôme's von Wittekind in der Sommerwohnung des Herrn Nikolaus Carstens und seiner plattdeutschen Schwestern hatte drei Tage lang verbergen müssen.

Das Rufen und Klingeln und der zunehmende Lärm im haus unterbrach zuletzt alles weitere Gespräch mit Treudchen und mit sich allein ... Endlich brach sie alles, was sie bestürmte, ab, fasste sich Mut, zog ihre Handschuhe an, nahm ihr Bouquet und schlüpfte in das vordere Zimmer, wo im lebhaftesten gespräche Herren standen, die sogleich Chaine machten, um die überraschende Erscheinung hindurchzulassen.

Der erste, der sich der hohen Gestalt "erbarmte" – denn Erbarmen kann man wohl die erste Begrüssung und Anrede eines in menschenüberfüllte Räume Neueintretenden nennen –, war der alte Pötzl, der die beiden Bologneserhündchen, die bei der Gesellschaft nicht fehlen konnten, unterm Arm hielt. Auch der Medicinalrat, ein kleiner dicker Herr, sprang hinzu und nun wäre alles zurückgewichen vor dieser königlichen und fremdartigen Gestalt, wenn nicht Frau Nück, die am feucht beschlagenen Fenster sass, sie erblickt und sogleich nur für sich in Beschlag genommen hätte, um sie hinter den Gardinen zu fragen, ob sie noch immer so echauffirt aussähe? ...

Ein Flor von Jugend und Schönheit und Pracht der Toiletten war zugegen ... Dennoch machte Lucinde einen Eindruck, der die Aufmerksamkeit aller auf sie gezogen haben würde, wenn nicht gerade jetzt der Stolz der Stadt, das berühmte Moppes'sche Quartett, intonirt und die Stimmung des Flügels mit einem angegebenen Accord in Einklang gebracht hätte. Alles rannte, um zum Sitzen zu kommen. Die Krystalle in den Kronenleuchtern wackelten vor dem Sturm. Alles musste still sein ... nur der Ausserordentliche sprach über die Bassposaune noch seinen Satz aus. Er widersetzte sich einer natürlichen Erklärung des Wunders, dass die Mauern von Jericho durch Posaunen wären niedergeblasen worden. Denn Beamte aus dem ghibellinischen Heerlager, rationalistische Zweifler, fehlten keineswegs und der alte Herr de Jonge hatte für seinen leider abwesenden Sohn die Neckereien übernommen. Während man mit Fanatismus dem Ausserordentlichen zischte und Lucinde sich still für sich selbst sagte: Vielleicht bestanden die Mauern von Jericho aus nichts, als Gärten von Rosen! und nach dem mann der echauffirten Frau sich umschaute, die neben ihr sass und die Ueberfüllung mit Menschen verwünschte, die nicht einmal möglich machte Pitern zu entdecken, entfaltete sich das Bouquet des Abends. Waren es auch nur immer dieselben "Gute Nacht!" und dieselben "Schlaf wohl!" und dieselben humoristischen "Speisezettel", die die Sänger vortrugen, die Tatsache stand fest: Beim letzten Hauche konnte man den entsprechenden Accord des Flügels anschlagenund nicht um eine Viertelnote waren diese jungen Kaufleute in ihrem Vortrag gesunken, worüber die alten regelmässig in Entusiasmus ausbrachen. Wie regierten sie aber auch mit strenger Gewalt die Musikzustände der Stadt! Wie bestimmten sie den Erfolg jeder Oper, jeder neuen Messe! Was sie verwarfen oder gutiessen, fiel oder stand in der öffentlichen Meinung.

Lucinde blieb hinter den Gardinen und beobachtete ... Sie kannte solche Gesellschaften nur aus Kiel und aus der Zeit ihres dreijährigen Wirkens im ortopädischen Institut, wo es genug vornehme Beziehungen gegeben hatte ...

Die Wonne des Entzückens machte niemanden lebendiger, als die Commerzienrätin. Glich sie schon sonst in ihrem ganzen Leben einem jener kleinen Würmchen, die auf einer flachen Tafel hin- und herrennen, stutzen über nichts, links und rechts schwenken und da wieder hinlaufen, wo sie eben hergekommen sind, wie erst heute! Trotzdem dass ihr Kopfputz, eine Art Turban mit purpurroten Sammettroddeln und goldenen Fransen, ihr die feierliche Haltung eines Schlittenpferdes vorschrieb, drängte sie sich durch alle Bravis und Dacapos, durch alle Erfrischungen und staates- und Kirchengespräche hindurch mit wiedererwachtem Jugendmut. blieb auch ihr Shawl an einigen Frackknöpfen der Herren, an einigen der aufgestellten Rhododendren oder am Kettchen eines neuen Halsbändchens ihrer Hunde hängen, sie war überall und nirgends und zuletzt auch bei Lucinden, die sie hervorzog und auf die Stirn küsste. Sie flüsterte ihr zu: Wie lieb' ich Sie! Aber ich muss Sie vorstellen! Und noch ehe sie eine Antwort bekam, war sie schon wieder bei einer andern Gruppe und eigentlich suchte sie auch nur immer Pitern und sagte das auch laut. Aber obgleich die Gesellschaft schon zwei Stunden beisammen war, entbehrte doch niemand den Schöpfer dieses brillanten Abends. Die jungen Herren, seine Freunde, hatten mit den jungen Damen zu tun und der Ausserordentliche machte die Honneurs des Hauses, so klein er war, mit einer Entschiedenheit, die imponirte.

Wiederum hatte man in einer Extra-Arie die berühmte Schule und die Bocktriller der Sängerin bewundert ... Lucinde war endlich von dem beschlagenen Fenster erlöst, aus Umgebungen, wo sich einige Beamte und gemässigte Commerzienräte, die einen ghibellinischen Orden im Knopfloch trugen, durch den Gesang der Primadonna nicht hatten hindern lassen, von den Zeitläufen zu flüstern ... Pamphlete, die in Belgien gedruckt waren, wurden erwähnt; Vorgänge im Kapitel spannten ihre Neugier; der Severinusverein hatte mit einem evangelischen Handwerkerverein gestern eine blutige Schlägerei gehabt; Plakate in einem eigentümlichen alten Drucke, "Himmelsbriefe", waren von den Strassenecken abgenommen worden; die Worte: Rom, Gesandtschaft, wiener Staatskanzlei fielen ... Lucinde konnte nicht verweilen, da sie der