im Antlitz hatten sie nie gestört. Wie war sie nicht in düstere Lebenslabyrinte eingedrungen! Sie wusste, dass jener in Serlo's Papieren erwähnte advokat, der bei dem Strafgericht des Bruders Hubertus über den Pater Fulgentius nicht zu entfernt gestanden, der hingerichtete Mörder ihrer Hauptmännin war. Schaudernd überliefen sie die Rückerinnerungen an alles, was sie von den Verirrungen des menschlichen Geistes schon in Erfahrung gebracht. Die Leichenschminkerin stand ihr oft mit Blumen wieder vor einer toten und redete: Bist du nun auch erlöst, armes Weibchen? Lache, lache, armes Kind, das zu gut war für diese Erde! ... Diesem Nück konnte sie seit der "Jerichorose" nicht mehr begegnen, ohne dass es ihrem Innersten war, wie dem Knaben im Erlkönig. Sie sah sich fortgerissen in Nacht und Wind und stiess einen Hülferuf aus vor einer Hand, die unsichtbar sie umfing; ein Leids fühlte sie, das ihr angetan, ein so tiefes Weh, dass nur das einfache Vorüberstreifen des grauen Mannes an ihr, sein blick zu ihr empor nötig war, um sie einer Ohnmacht nahe zu bringen. Gespenstisch war schon die Stille, die eintrat, wenn sein magisches Wesen vorübergezogen.
Noch mehr! Schon seit mehreren Tagen war ihr seltsam gewesen, dass eine Frau, die immer höchst elegant gekleidet neben ihr in der Messe auf einem der gemieteten Stühle kniete, sie anredete, am Tage darauf sie sogar verfolgte auf einem Gange, den sie in die Rumpelgasse machen wollte. Eine Jüdin, Namens Veilchen Igelsheimer, hatte in den ehrerbietigsten Ausdrücken an sie geschrieben, sie kenne, wie sie wisse, den Pater Sebastus. Der Aermste sässe krank und elend und zwar um ihretwillen in einer Haft, aus der ihn weder die jetzt machtlose geistliche Behörde erlösen könnte, noch die weltliche erlösen wollte; ob sie nicht ihre einflussreichen Verbindungen, besonders die Fürsprache des Oberprocurators Nück in Anspruch nehmen wollte, um den Unglücklichen vielleicht freizubekommen oder wenigstens ihm die Rückkehr nach dem Kloster Himmelpfort zu ermöglichen, worein die weltliche Behörde der vielen Untersuchungen wegen, in welche auch der Pater verwickelt wäre, nicht willigen wollte, oder ob sie vielleicht sonst etwas Durchgreifenderes zur Erlösung des Armen ersinnen könnte; sie möchte ihr die Ehre gönnen und sie unter ihrem armen dach besuchen ... Dieser Brief hatte Lucinden vollends aufgeregt. Klingsohr zurück nach Kloster Himmelpfort? Zugleich mit dem ihm vielleicht schon lange nahe stehenden Bonaventura? O dass eine Vergangenheit so furchtbar lastend auf dem weib ruht! ... Sie hatte die Zuschrift der Jüdin mündlich beantworten wollen ... Da war ihr die fremde Dame nachgegangen und ermutigt durch die verdächtigen Umgebungen der Rumpelgasse, sprach sie Lucinden in einer Weise an, die diese so erschreckte, dass sie ihren Vorsatz, die Jüdin zu besuchen, aufgab. Die Frau sagte ihr Schmeicheleien über ihre Schönheit. Sie lud sie zu sich ein, forderte sie sogar auf, sofort bei ihr Chocolade zu trinken. Lucinde wies die Frau zurück. Wer stellt dir so nach? Wer verdächtigt dich? ...
Endlich noch mehr! Heute plauderte Treudchen von der offenbar ganz gleichen Bekanntschaft, die auch sie mit einer sie verfolgenden Frau gemacht hätte ... Treudchen erzählte, dass der fromme Pfarrer Roter, der die Frau vor seinem haus auf sie warten gesehen, ihr jede Beziehung zu ihr verboten hätte. Auch wäre sie von ihr seitdem unbehelligt geblieben ...
Warum gehst du nur so oft zu diesem Pfarrer? fragte Lucinde sinnend ...
Denken Sie sich, das fragte mich neulich jemand anderes auch! Der Herr Oberprocurator! ... Die Pfarrei vom Berge Karmel liegt frei auf dem Platz und wie ich oben beim Pfarrer bin, zeigt er mir in der Ferne noch einmal die Frau, wie sie an einer Ecke gerade mit dem Oberprocurator spricht ...
Mit Nück –?
Mit Herrn Nück! Und heute früh begegne ich ihm und da sagt' ich ihm, dass ich ja so gern auch bei den Damen auf dem Römerwege bin, weil ich meine Geschwister im Waisenhause habe ...
Lucinde hörte der Erklärung kaum zu; denn Nück, Nück im Gespräch mit jener Frau! Dies Bild weckte ihr eine Vorstellung, die sie eiskalt überlief ... So unwürdig denkt dieser Mann –? Gehört auch er zu jenen "Bemitleidenswerten", denen es eine unheilbare Krankheit geworden, an Frauentugend nicht mehr glauben zu können? Muss es nicht elend in einer Seele aussehen, die vielleicht ein unwiderstehliches Bedürfniss der Liebe hat und den trügerischen Schein davon nur auf solchem Wege finden kann? ... Oder stellt man dir Fallen und wiederholt sich der alte Unglaube an das, was du dir doch – "bei alledem" konnte sie selbst hinzufügen – bewahrt hast? ...
Da kam denn Josephine Nück und Lucinde musste sich sagen: Freilich, ein Mann von Geist und leidenschaft und ein solches Weib!
Düstere Falten zog die Stirn, die sich nun unter dem rauschenden Gewühl heiter und sorglos zeigen sollte ...
Nachdem hatte Treudchen so viel von der grossen Begebenheit des Hauses, vom Zank mit Delring zu erzählen, dass das Gespräch von diesen dunkeln Gegenständen abkam ... Lucinde mochte die "obere Gesellschaft" nicht. Hendrika hatte die Abneigung aller Frauen gegen sie, eine Abneigung, die Lucinde für einen Beweis der "Gewöhnlichkeit" erklärte. Delring war ihr der Repräsentant jener "blonden" norddeutschen Weise, die ihr soviel Schmerzen und Demütigungen bereitet hatte.