1858_Gutzkow_031_350.txt

goldenes Kreuz aus der Brust gleiten und sprach mit leiser und zurückhaltender stimme von den geistlichen Exercitien und der Wallfahrt, die die Commerzienrätin für die glückliche Entbindung ihrer Tochter Hendrika und die rechtgläubige Taufe ihres Enkelkindes gelobt hatte ... Mit Beredsamkeit sich verteidigen, gewährt oft ein schönes Schauspiel; mit Beredsamkeit sich anklagen kann ein schöneres sein. Schweigen aber, schweigen, um sich zu verteidigen, ist Heldengrösse; und schweigen vollends, schweigen um sich anzuklagen, Märtyrerglorie ... Was sind alle diese Vergehen, lag in Lucindens Mienen, deren ihr mich anklagt, wenn die Seele, wie der Rhein, der unter dem Bodensee hindurchzieht, aus geringen und unbedeutenden Anfängen nach kurzer Läuterung wieder und dann wie gross und majestätisch hervorbricht! Aus der Fremde tat sie wie nur in die Heimat gekommen, aus der Lüge zur Wahrheit, aus dem Irrtum zur erkenntnis. In der grossen Gemeinschaft der Kirche durfte kein Gläubiger zu dem andern sagen: Deine Vergangenheit schändet dich! Die Tag- und Jahresgebete, die Abendandachten, der Rosenkranz, der englische Gruss, die Anbetung des allerheiligsten Sakraments, das heilige Messopfer, alles das ist eine Kette, die zu Leibeigenen Gottes und durch das Erlösungswerk zu Kindern seiner Liebe macht. Lucinde kannte diese Formeln. Sie waren an sich für sie tot; sie belebten sich aberim Hinblick auf eine Entscheidung, die endlich kommen musstekommen sollte.

Der Mann, den sie ein Jahr lang in der Stadt, wo sie katolisch geworden, angebetet, den sie zwei Jahre vergebens zu vergessen gesucht hatte, den sie in St.-Wolfgang, in Kocher am Fall, hier mit glühend aufschlagenden Flammen des Herzens wiedersah, wollte jetzt nach Westerhof reisen zu Paula. Sie wusste das seit einigen Tagen und da hatte sie erklärt, zu dieser Gesellschaft, fehle ihr die Stimmung. Gebeten hatte man sie, sich zu überwinden ... Wohl stand sie in ihrem kleinen, schon von ihr und Treudchen sofort wieder aufgeräumten Zimmer wie ein Wesen, das nicht schüchtern eintreten konnte bei so auffallender Erscheinung. Es riss und zog auch in der Tat an ihr, die Wahrheit ihrer natur zu entüllen. Wie hob sie's, den gesenkten Kopf zurückzuwerfen, zu lachen, die acht schönen Locken im Nacken zu schütteln, die freie, gescheitelte Stirn zu erheben, statt Wehmut um die Lippe Stolz und Bitterkeit zu zeigen, aus den Augen das Feuer einer unter der Asche drohend glimmenden leidenschaft hervorbrechen zu lassen ... War sie nicht wie auf der Flucht? Wie gehetzt von Gespenstern? Nie, nie liebt' ich diesen Klingsohr, der jetzt hier vielleicht gegen mich zeugt! hätte sie in die Welt, in die Messe hinausrufen mögen, wenn sie Bonaventura celebrirte. Im "Kirchenboten" des Beda Hunnius, mit dem sie ihre Correspondenz nach der Katastrophe des Kirchenfürsten hatte abbrechen müssen, las sie die "Stufenbriefe". Klingsohr schrieb sie allerdings nur für Lucinden. Es waren Empfindungen, wie sie Abälard, nach der ruchlosen Tat seiner Feinde, an Heloise geschrieben haben konnte ... Aber wenn nun Bonaventura gar nach Westerhof ging! Nach Schloss Neuhof, Kloster Himmelpfort, wo ihre ganze Vergangenheit mit ihm zusammentreffen konnte ... Täglich musste sie von der "Seherin von Westerhof" hören! ... Selbst der kühle Benno konnte nicht in Abrede stellen, dass vernünftige Menschen von Paula's Visionen und Heilungen mit Bewunderung sprachen. Jetzt wollte Bonaventura nach St.-Libori reisen unddarüber war kein Zweifeleinen Seelenbund erneuern, der fürs Leben geschlossen wurde, wenn Paula, wie man vermutete, nach dem Verlust ihres Processes den Schleier nahm ... Lucinde kannte die Glückseligkeit, die den heiligen Franz von Sales mit Frau von Chantal vor und nach der Stiftung des Ordens der Visitandinen verband. Sie wusste, dass Fénélon, der sanfteste der Priester, Seelenbündnisse mit Madame Guyon und fräulein von Maisonfort hatte. Sie wusste, dass selbst der strenge, so trockene und pedantische Bossuet von einer Frau von Cornuan, deren Geistesbildung etwa der der Commerzienrätin Kattendyk gleichkam, in einer Weise belästigt wurde, die zuletzt trotz alles ihm von dieser Frau verursachten Aergers ihm zum Bedürfniss werden konnte, also, wie Lucinde gelegentlich bitter vor sich hinsprachebenso gut wie die Ehe war ... Ein Wort, das der Ausserordentliche einmal sprach, nun würde mit dem Domherrn von Asselyn auf Schloss Westerhof der wahre "Doctor ekstaticus" erscheinen, machte sie zittern vor Eifersucht ... Stündlich stand sie auf dem Sprunge zu Bonaventura und ihm zu rufen: Reise, doch erst morde mich!

An demselben Abend war sie damals die "Jerichorose" gewesen. Sie verstand zum ersten mal gewisse durchbohrende Blicke des Oberprocurators, eines Mannes, vor dem sie sich anfangs entsetzt hatte, weil er ihr gewesen wie ein Gebilde von Eis. Alles scharf, kantig, schneidend an ihm. Doch fiel ein Sonnenstrahl nach dem andern auf diese Erscheinung und liess sie immermehr in allerlei Regenbogenfarbenlicht, wenn auch wie aus tausend Eiskrystallen, leuchten. D e r Mensch ist ja merkwürdig! sagte sie sich. Und als sie alles vernommen, was die Welt von Dominicus Nück wusste, als sie ihn vor Gericht den Mörder verteidigen sah, der ihm selbst schon einmal hatte aus Leben gehen wollen, als sie den blick beobachtete, mit dem Nück die vielbesprochene Prise verweigerte, erschien ihr seine Hässlichkeit, sein Cynismus, seine Charakterkraft überraschend. Klingsohr's Narben