, wie viel mehr noch ein Zank, der allmählich heftiger geführt wurde.
Eine schlanke Gestalt in schwarzem Sammetkittel, weiten Sommerbeinkleidern und einem grauen, mit einem Zweig geschmückten Hut konnte von ihr nicht im Gesicht betrachtet werden, da der Sprecher rückwärts stand. Aber der stimme nach war es ein junger Mann, nicht, wie sie im ersten Schreck über den Lärm vermutet hatte, der Deichgraf selbst, der als Teilungscommissar, wie sie wusste, über den Düsternbrook und die dortige Baumfällberechtigung mit dem Kronsyndikus in Streit war.
Hat es der Freiherr befohlen? Ausdrücklich befohlen? fragte der Hinzugekommene mit heftiger Entrüstung.
Guten Morgen! war Stephan Lengenich's Antwort, während er weiter sägte.
Gestern noch stand die Eiche! Das muss erst die Nacht geschehen sein! Sie haben keinen Auftrag dazu gehabt!
Guten Morgen! sagte der Küfer und sägte weiter.
Will man uns mit Gewalt aufs Aeusserste bringen? Antwort! rede' Er!
Herr! richtete sich jetzt der Arbeiter zornfunkelnd auf und deutete auf den roten Strich einer Mütze, die er trug, womit er andeuten wollte, dass man einen noch in der Landwehr befindlichen Soldaten nicht mit Er anredete. Sich aber beruhigend, fügte er dann weiter arbeitend spöttisch hinzu:
Guten Morgen!
Vom Düsternbrook gehört nicht eine Eichel der herrschaft! Es ist Gemeindewald und seine Privatnutzung ein Misbrauch, der nicht fortbestehen kann!
Nicht eine Eichel? Suchen Sie hier Eicheln?
Stephan Lengenich sprach diese Anzüglichkeit auf Tiere, die man mit Eicheln füttert, ganz im boshaften geist seiner herrschaft.
Im ersten Augenblick trat der junge Mann einige Schritte vor und rief: Kerl! Dann besann er sich wohl auf den ungleichen Kampf und sagte sich langsam entfernend:
Nehmt euch vor meinem Vater in Acht! Er legt nächstens den Grenzstein und dann werden ihn die Gensdarmen zu bewachen wissen!
Damit schritt er, verfolgt von einem Hohnlachen des Arbeiters, langsam weiter.
Bei der Gewissheit, endlich des mehrfach besprochenen frühern Freundes und Studiengenossen des Kammerherrn, der durch eine Abhandlung über das sogenannte Bienenrecht Doctor der Rechte geworden war, ansichtig zu werden, wandte sich Lucinde, ihn doch nun auch deutlicher zu sehen.
Dabei glitt einer der Steine aus, die sonst das Aufsteigen erleichterten.
Der Fall weckte die Aufmerksamkeit des Doctors, wie er gewöhnlich im Gespräch auf Neuhof genannt wurde. Auch er wandte sich und bemerkte die Nähe eines jungen, in dieser einsamen Umgebung überraschend auftauchenden Mädchens.
Er zog den breiten Krempenhut und grüsste.
Beide schritten weiter, er den Weg, den sie eben zurückgelegt, den Grund hinauf, sie den parallelen, aber oben auf der Hochebene.
Sie hatte den Eindruck keines schönen Mannes empfangen. Der Doctor mochte wenig über einige Zwanzig zählen, hatte aber schon das Ansehen eines Dreissigers. Der Kopf war ausdrucksvoll, aber das kurzlockige, etwas rötliche Haar war an den Schläfen und der Stirn schon ausgegangen. Der Bart war gepflegter, aber noch röter als das Haar. Er hing über Lippe und Kinn herab wie bei einem Soldaten; und an entstellenden Schmarren fehlte es auch nicht auf Wange und Stirn, ja sogar auf der Nase, Schmarren, deren Ursprung sie gleich hinzubringen wusste. Nach den Erzählungen des Kammerherrn waren es Duellnarben.
Die Tracht des Doctors war die leichteste; kaum dass um den magern Hals ein dünnes Tuch gelegt war. Die Brust stand fast offen. Handschuhe fehlten ganz.
Lucinde hatte seit den Erinnerungen an Oskar Binder und dessen Freunde in der Residenz einen Abscheu vor allen Stutzern und geschniegelten Männern. Viel Aeusserlichkeit war überhaupt bei den Herren nicht Sitte, die auf Schloss Neuhof kamen; die Gewohnheiten der reichsten Leute hier waren in diesem Punkte einfach. Grafen gingen wie Bauern. Nur der Landrat, der "schöne Enckefuss", hielt die Erinnerung an die zeiten, wo er wirklich schön gewesen sein mochte, durch eine gesuchte Toilette, festgeschnürte Taille, gefärbte Haare, Bart, Augenbrauen, ja, wie man behauptete, gemalte Wangen und Schläfe aufrecht ... er konnte seine Triumphe als Rittmeister der Husaren nicht vergessen und blieb, ob er gleich schon einen grossen Sohn hatte, der Beau der Gegend, der Petit-maître von der Stadt Witoborn an bis auf Schloss Neuhof.
Die studentische Art der Erscheinung des Doctors passte vollkommen in den Rahmen der verworrenen Erzählungen, die der Kammerherr, wenn er in seinen renommirenden Erinnerungen kramte, von dem akademischen Leben desselben zu geben pflegte.
Bald gingen Lucinde und der Doctor in ganz gleicher Linie.
Lucinde konnte sich oben nur am schmalen rand des Grundes halten, denn zu ihrer Linken hin gab es kaum einen Weg; die junge Getreidesaat ging bis dicht an den Rand des Abhangs.
Es entspann sich trotz der ansehnlichen Distanz ein Gespräch über das Misverhältniss der Ansprüche, die sich bei der Regulirung der bäuerlichen und grundherrlichen Verhältnisse ergeben hatten. Der Doctor fragte, als Lucinde darüber sich ganz unterrichtet zeigte, ob sie denn zu den auf Neuhof oben versammelten Herrschaften gehöre?
Nicht zu den Herrschaften! Zu den Dienern! antwortete sie und balancirte auf dem schmalen Pfade hin, wohl wissend, dass sie nicht wie eine Dienerin aussah.
Sie sind doch nicht etwa gar das Elfenkind, das mein alter Freund, der Kammerherr, jenseit der Wälder an einem Schilfteich gefunden hat?
Ja freilich! Das bin ich! sagte sie und sprang nun mehr als sie ging.
So werden Sie, sagte der Doctor, trotz der Tüngel'schen Familie, deren Appelhülsener Linie zurückgekommen ist, Frau von