, von einem schwarzen Sammetgewinde bedeckt waren. Unter den beiden Rundungen der Flechten quollen hinter jedem Ohr bis in den Nacken vier Locken hervor. Es war zum ersten mal wieder, dass sich Lucinde wie seit lange nicht gegeben hatte; sie hatte es in der Gewalt, aufzufallen oder ganz zurückzutreten.
Der reiche Spitzenbesatz am obern rand des Kleides erlaubte in blossem Halse zu erscheinen. Auch war der obere Arm von einem offenen Spitzengehänge halb verdeckt. Die kleine Juwelenschnalle auf einem schwarzen Sammetband, das den Hals bedeckte, war ein Weihnachtsgeschenk der Frau Oberprocurator. Ein Armband von einem als Schlange ausgearbeiteten blutroten Korallenzweige, reich mit Goldverzierung, hatte sogar Piter geschenkt.
Silbergraue lange Handschuhe lagen auf der Sophalehne. Sie waren schon von ihr anprobirt gewesen und wurden wieder ausgezogen. Treudchen hatte Lucinden schon fast bis an den Eintritt in den Saal begleitet und wieder war sie zurückgegangen. Treudchen durfte oben beim einfachen Tee ihrer herrschaft nicht fehlen; sie musste Schlag acht Uhr von ihrer Gönnerin sich trennen und konnte ihr: Bitte! Bitte! Gehen Sie doch! Ach! die Menschen werden Augen machen! nicht öfter wiederholen ...
Die Furcht, die Lucinden zurückhielt, unter die Menschen zu treten, beruhte auf dem Gefühl, dass sie sich in einer Weise elektrisirt fühlen würde, die ihrer ganzen bisherigen Haltung und wahren Stimmung widersprach. Nur mit Not erwehrte sie sich schon lange der Huldigungen, die bei dem regen Verkehr im Kattendyk'schen haus nicht fehlen konnten. Im Personal des Bureau gab es Blicke, die sie verfolgten; unter Piter's Freunden, in den Kirchen, auf der Strasse erregte sie aufsehen. Oft auch schon meldete sich in ihrem Blut die Zeit von Hamburg und Kiel. Nicht, dass sie eine gewöhnliche Gefallsucht gehabt hätte, nicht, dass ihre Sinne glühten – ihre Sinne schienen kalt. Ihr erster "Kindskopfwahn", wie sie ihn nannte, der sie hatte bestimmen können, mit Oskar Binder nach Amerika gehen zu wollen, hatte ihr eine ganze Gattung von Männern verleidet. Wenn sie sich sagen musste: An welchen Fäden hing schon oft deine Zukunft! und sie sich gestehen durfte, dass sie in alle diese Lagen fast ohne Bewusstsein und wie nur von einem Instinct der Selbsterhaltung und einer das Höchste anstrebenden Zukunft geführt wurde, bangte ihr vor dem Gedanken, jemals wieder so nahe an Abgründe zu treten ... Klingsohr, dessen dauernde Anwesenheit in dieser Stadt, mögliche Beziehung zu Bonaventura sie oft in Verzweiflung brachte, Klingsohr war ein Phantast gewesen. Die merkwürdige Erscheinung, dass die Verirrung, die diesen beinahe rettungslos dem Trunk zugeführt hätte, mit einer Abneigung gegen Frauen verbunden zu sein pflegt, zeigte sich schon in Kiel, wo er moralisiren konnte. In jener schauerlichen Nacht auf Schloss Neuhof bestanden seine Zärtlichkeiten im Knieen wie vor einem Gnadenbilde, im Küssen der Locken, des Kleides, in Eingebungen einer Phantastik, die seinem Wesen entsprach, dem Leben nicht in der Wirklichkeit, sondern im Erträumten und Schattenhaften. Jérôme von Wittekind berührte Lucinden nicht. Sie war ihm eine Erscheinung aus dem Reiche der Märchen. Klingsohr's Entmannung, wie wir seinen Zustand nennen möchten, war nicht die Verrückteit des tollen Kammerherrn und des Paters Ivo, nicht die Empfindung glühender, nur sich beherrschender Liebe, sondern das Bedürfniss, das er mit seinen hamburger Freunden teilte, sich auf den Trümmern der Unschuld ein letztes "reines Gnadenbild", eine Madonna, eine Laura, eine Beatrice zu dichten ...
Sie fürchtete sich vor der Gesellschaft, weil in ihrem inneren ein Vulkan tobte. Sie glaubte nicht länger sich verleugnen zu können. Unterdrückte sie auch seit Monaten ihren Spott, ihren Humor, selbst ihre Kenntniss des Pianos, nur um nicht in Versuchung zu kommen, ein Allegro zu spielen, so wusste sie, was in ihrer Brust wuchs und ausbrechen musste und nicht länger zu halten war. Dass man immermehr ihrem vergangenen Leben nachspüren würde, erfüllte sie mit dem Gelüst, sich verteidigen zu wollen. Halt aber an dich! Halt an dich! sagte sie sich oft und das aus Furcht, dass sie plötzlich so nicht mehr fort konnte. So andächtig besuchte niemand die Messe, so für unwürdig der Communion erklärte sich niemand (freilich musste sie sich den Genuss versagen, da sie seit der geschilderten Scene nicht wieder beichtete), so sittsam blickte niemand auf der Strasse nieder, so bescheiden äusserte sich niemand in Gesellschaft, so geringschätzend sprach niemand von seinen Ansprüchen auf Anerkennung, so gelassen gab sich niemand einer etwaigen Anspielung auf sein früheres Leben preis. Sprach man selbst bei Frau Walpurga von jener schönen Stadt mit den Wachparaden und den berühmten Wasserkünsten, ja sogar von dem Aufentalt der ermordeten Frau von Buschbeck daselbst, von bösen Diensterrschaften, von leichtsinnigen jungen Commis, von dem dunkeln geist, der auf dem haus WittekindNeuhof ruhte, von dem Mönche Sebastus, der noch immer in der Stadt verweilte und das alte Professhaus der Jesuiten nicht verlassen durfte, von seinem Vater, dem Deichgrafen, von dem gefangenen Küfer Stephan Lengenich, von einer nahe bevorstehenden Auflösung des Kronsyndikus, von dem Stiefvater des Domherrn von Asselyn, ja von Hamburg, Kiel; und plauderte selbst der "gemütliche" Pötzl einmal von einer Schauspielerin namens Konstanze Huber, die die Jungfrau von Orleans nur bis zum dritten Act durchgeführt hatte – was war ihr das alles! Sie sass – und nähte – oder las dabei –, sie erhob sich auf jeden Wunsch der Commerzienrätin oder Johannens, liess ihr