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Medicinalrat –; "Lieb Schwesterchen" – so der Kanonikus; – noch nicht in den Zimmern wäre, und stieg die Treppe nieder, begleitet vom Joseph, dem er, als dieser dem Kutscher, der heute als Garderobier fungirte, beim Ueberwerfen des Mantels half, nur die einfache Frage vorlegte:

kommt dennich meine die Mamsell obenna die Gesellschafterinkommt denn die nicht auch heutein den Trubel?

Herr Oberprocurator! sagte Joseph und eine Miene, die er machte, deutete die sehnsucht dieses Fräuleins nur zu überirdischen Dingen und ihre ausserordentliche Frömmigkeit an ...

Der Portier stand im Torweg in einer Gala, wie wenn sein Stab mit dem goldenen Knopf heute Fürsten zu empfangen hätte.

Nück ging kopfschüttelnd und drückte sich an den Häusern entlang wie mit verstörtem, ruhelosem Gewissen ...

Die Wagen, die die Gäste in sein schwiegerälterliches Haus führten, rasselten an ihm vorüber. Ihn konnte man oft an solchen Abenden, wo dort alles in Festesglanz strahlte, im düstersten Winkel einer kleinen Schenke sehen, wo er Rettiche verzehrte und ein Glas einfachen Biers trank ...

Heute aber huschte er in eine alte finstere Kirche, wo beim Schein weniger Lichter eine Abendandacht gehalten wurde. Nicht weit vom Weihbecken erwartete ihn eine Dame, die ihn an eine Todtengruftkapelle zog und ihm im Dunkeln einige geheimnissvolle Worte flüsterte ... Die Dame trug einen orangegelben Hut mit schwarzem Sammetbesatz ... Das Gespräch war nur kurz und schien ihn verdriesslich zu stimmen ...

Als Nück allein war, ging er tiefer in die dunkle Kirche; dann setzte er sich, seinen Mantel weit um sich geschlagen und den Kopf auf ein Betpult niederlegend, in einen der leeren Stühle, tief brütend und versunken in vielleicht die frommsten Gedanken.

7.

Unter den rauschendsten Acclamationen hatte bereits die Bassposaune das berühmte Lied an die Rose geblasen und ein stürmisches Dacapo veranlasst ...

Schon waren die enormen Schwierigkeiten der Arie "Ocean, du Ungeheuer!" von einer alle Wände und Stockwerke durchschneidenden stimme überwunden worden ...

Lange war es über neun Uhr. Schon kam das Eisund noch immer sass in ihrem saubern Zimmer mit dem kleinen Porzellanofen und dem weissen Sopha und dem Bettschirm Lucinde, ohne dass sie sich hatte entschliessen können, in die menschenüberfüllten Räumlichkeiten hinüberzugehen ...

Einmal schon war, atemlos, die Commerzienrätin dagewesen und hatte sie wie im Sturm ermahnt, doch endlich, endlich zu kommen, da alle Welt schon vor Verlangen nach ihr brenne ...

Zweimal war Johanna dagewesen, einmal sogar in Begleitung des Ausserordentlichen, der die "Jerichorose" um ihre Kenntniss der lateinischen Sprache ebenso wie um ihre Botanik bewunderte; denn Lucinde kannte alle Kräuter des Waldes, alle Bach- und Wiesenblumen ... Ein schöner Strauss, den ihr Treudchen verehrt hatte, lag zu ihrem Eintritt in die Gesellschaft schon bereit ...

Auch die Frau Oberprocurator Nück, die schon im haus hin- und herranntenur nicht hinauf in den stillen obern Stock zu ihrer Schwesterum sich abzukühlen von dieser "wieder unerträglichen Hitze" in den Zimmernsie war die erste, deren Liebe nach Pitern suchte, um ihm Vorwürfe zu machen –, auch Josephine Nück war bei dem "guten fräulein" gewesen, um sie zu ermahnen, doch bald zu kommen; denn sie entbehrte zu schmerzlich die Bewunderung, die das fräulein vor ihrer Toilette aussprechen sollte; ein Bedürfniss, das nicht im mindesten auch den Tadel ausschloss. Denn Josephine hörte es gern, dass sie einen Fehler gemacht hätte mit dieser Farbe oder mit jenem Besatz oder mit jenen gemachten Blumen, die auf ihrem Kopfputz sich nicht gut ausnähmen oder ihrem z.B. so leicht echauffirten Teint nicht stünden. Dann hatte sie doch einen Grund für ihre gesellschaftliche Verstimmung. Dann konnte sie doch in einer Ecke, nicht am Ofen, sondern dicht am Fenster, das sie zuweilen öffnete, mit dem Fächer in der Hand sitzen und über ihre Putzmacherin und ihre weibliche Bedienung klagen, als wenn es nur eine Verschwörung der ganzen Welt und vorzugsweise ihrer eignen geschmacklosen Umgebung wäre, wenn sie nicht ebenso brillirte, wie die jungen Frauen und Mädchen, die da alle lachend und bunt und schönheitsstrahlend in den belebtesten Gruppen sassen ...

Lucinde nahm ihr zu ihrer innigsten Freude und Dankbarkeit heute ein Uebermass von Blumen von den Schläfen hinweg, führte sie an ihren kleinen Spiegel, leuchtete und bewies ihr, dass sie sich jetzt viel vorteilhafter ausnähme. Der nun gleicherweise wiederholten Aufforderung, doch bald auch zu kommen, erwiderte sie ein einfaches: Ich komme, ganz gewiss! – und doch entsank ihr wieder der Mut, als sie allein war ...

Nicht der religiöse Grund, den sie seiter alle Tage gegen diese Gesellschaft vorgeschützt hatte, fehlte ihr, sie stand an ihren Ofen gelehnt in vollständigster Toilette. Treudchen war eine ganze Stunde bei ihr gewesen und hatte sie geschmückt wie eine Brautetwa eine Braut, die sich zu einer Zeit vermählt, wo sie um irgendeinen Anverwandten zu trauern hat. Ihr Kleid, bestehend aus einem leichten, wallenden, aschgrauen Stoff mit reichem schwarzen Spitzenbesatz, war ein Geschenk der Commerzienrätin. Das dunkelbräunliche Incarnat der offenen arme und des Halses wurde durch diese Farbe gemildert, die auch ihre ganze, einer Creolin ähnliche Erscheinung minder scharf heraustreten liess. Das Haar war nach vorn einfach geteilt, nach hinten sammelte es sich in zwei schweren runden Flechten, die in Kreisform aufgebunden