eine dieser bleichsüchtigen, musikklimpernden, wespentailligen –
Bitte! unterbrach Nück seine derartigen Gedanken und zog Handschuhe an – er war ohne welche eingetreten – Bitte, wenn ich dir etwas Bekanntes sage! Frau Morgane war die wunderschönste Dame an König Artus' hof und von dieser Dame möchte' ich die morganatischen Ehen, die Ehen der Mesalliancen, verstehst du? lieber ableiten – Denn vielleicht war Frau Morgane ihrer Herkunft nach auch gleichsam aus Kocher am Fall – in diesem F a l l , siehst du, darin liegt bereits die ganze Andeutung, Piter; nicht in deinem, sondern in dem kurfürstlich hessischen Fall, mein' ich! Und wenn andere dann glauben, morganatisch käme von dem alten gotischen Worte Morgan, welches, wie du weist, so viel heisst als: beschränken, nämlich z.B. ein Morgen Acker, d.h. eine Schranke, ein teil Ackers – Nicht etwa, verstehe' mich recht, als wenn ich die Menschen b e s c h r ä n k t nennen wollte, die nicht den üblichen Vorurteilen folgen, und als ob der Westfälische Friede Recht gehabt hätte, der schon Anno 1648 sagte: Alle alten Herkommen in der Ehe sollen bleiben, sublatis omibus quae bellicorum temporum injuria irrepserunt confusionibus – confusionibus! Verstehst du, Piter? Confusionibus!
Nück's Betonung dieses letzten Wortes in seiner ganzen verworrenen Spottrede war bedeutungsvoll. Denn eben jetzt hatte er keinen Zweifel mehr, dass Piter in höhern Sphären schwebte. Eben sah er die Cognakflasche wegräumen und bemerkte eine Verwirrung in des ihm im geist folgenden Schwagers Gesichtszügen, eine Verwirrung, die die Folge seiner eigenen anakolutischen Rede sein konnte, aber auch die des auf Cognak gesetzten Burgunders – freilich aber auch die Folge eines plötzlichen heftigen Klingelns, mit dem sich bei Gesellschaften oder beim Ausfahrenwollen der wichtige Moment anzukündigen pflegte, wo Mutter und Schwester die allerletzte Hand an ihre Toilette legten. Dann war nur noch im Rückstand, dass über die bereits fertige Frisur, die bombenfesten Corsets, die steifen Unterröcke sanft und vorsichtig das elegante Hauptkleid herabgelassen wurde. Schon war es halb acht Uhr und durch dies Klingeln wurde regelmässig der Moment bezeichnet, wo die Mutter und die Tochter sofort in die geschmückten Räume treten konnten, kühn, unternehmend, erwartungsvoll und sich dann nur verdriesslich umsehend, wenn nicht sogleich auch schon die Hausfreunde da waren und sie mit einem bewundernden Ah! empfingen ...
Pitern war das seit Jahren imprägnirt ... Bei diesem Klingeln besann er sich auf die ungeheuere Aufgabe, die er heute zu lösen hatte. Repräsentant des Hauses! Eine Vision ging ihm auf aus dem Reich jener Erinnerungen, denen zufolge er schon an einem solchen Abend unter hundert Menschen gewesen war, ohne dass er sich auf das Mindeste, was andere und sogar, was er selbst gesprochen, hatte besinnen können ... Und wie nun das Klingeln auch bei der Schwester wiederholt wurde, wie er die Bewegung um sich her zunehmen, das Laufen und Rennen bemerkte und im Augenblick nicht wusste, welche gelehrten Ansichten er soeben ausgesprochen hatte, da erinnerte er sich, wie er einst auf einem Dampfschiff aus dem ruhigen Spiegel der Temse plötzlich in die Hebungen und Senkungen des Meeres einfuhr und sich rasch in seine Koje erster Klasse zurückzog. Auch jetzt ging er "still und bewegt" und ohne ein Wort zu reden in die hintern Zimmer und suchte mit mancherlei ihn erschrekkendem Tastenmüssen die Wendeltreppe, die ihn zu seinem at home führte, wo er beschloss, sich um Gottes und aller Heiligen willen vorher noch eine kleine kurze Rast und Sammlung zu gönnen.
Nück sprach zwar noch etwas von Delring, von einem Familienconvent und sogar von Knabenstreichen hinter ihm her, aber Piter vernahm nichts mehr; er ging auseinander wie eine Morgenluft witternde Nebelgestalt ...
Nück begab sich an den Eingang zurück und vermied allein zu sein mit seiner Schwiegermutter, die er hier so unter vier Augen am wenigsten gesucht hatte. Die Garderobe war im Parterre. Dort hatte er einen alten Mantel abgelegt, in dessen Umhüllung man, wenn er so an den Häusern dahinschlich, nicht einen Mann vermutet hätte, der ein Vermögen leicht von einer Viertelmillion besass und aus seiner eigenen Tätigkeit noch Jahreseinnahmen von zehntausend Talern ...
Auf dem Vorplatz blieb er einige Augenblicke und sah in einen kleinen Corridor hinaus, auf welchen drei bis vier Zimmer ausliefen. Eine Tür, die hinterste, führte zu der Gesellschafterin der Schwiegermutter, Lucinde Schwarz ... Auf das Erstaunen des alten Joseph, der doch hoffte, dass er wiederkäme, sprach er kein Wort. Aber seine Augen waren Feuerzungen. Doch auf diese Sprache verstand sich Joseph nicht. Ein paar Schritte machte Nück auf den Corridor hinaus. Dann kehrte er um und hielt sich an dem Treppengeländer ... Jetzt bellten die Bologneserhunde an einer der Türen und kratzten, um hinauszukommen; denn unten hörte man schon den immer gemütlichen Ton des alten Pötzl, der bereits von unten herauf mit den Hunden sich neckte. Auch der Medicinalrat kam und noch ehe sich Nück von dem biedern Händedruck Pötzl's freigemacht hatte, war auch der Kanonikus schon da, der trotz Kirchentrauer und Kaiser und Papst am Whisttische unter keiner Bedingung fehlte ...
Nück sagte allen, er käme wieder und hätte nur seiner Frau zu Gefallen sämmtliche Kamine wollen auslöschen lassen ... Er beruhigte die Ankommenden, dass "Lieb Mutterchen" – so nannte die Commerzienrätin Pötzl –; "Lieb Töchterchen" – so der