zu werden schienen, an einer Stuhllehne ...
Recht, mein Sohn! sagte Nück, der jemand, den er offenbar zu suchen schien, nicht fand und sich entfernen zu wollen die Miene machte; Recht, dass du in deinen Leiden dich tröstest!
Leiden? Wie so?
Verlierst oben die schöne Nachbarschaft!
Hahaha! ... lachte Piter hell auf und schenkte wieder ein ... Das ängstliche Kapitel wegen Delring behandelte ja der Schwager ganz harmlos ...
Nück's Augen gingen wie Feuerräder. Beim kleinsten Geräusch sah er auf die Eingangstür ...
Da die Bediente nicht zu nahe waren, liess er die Worte fallen:
Mit Delring ... hör' mal ... Das ist ja ein curioser Spass von dir!
Von mir? Wie so? fragte Piter trotzig und griff mit der linken Hand in den Ausschnitt seiner Weste und mit der rechten zum Glase ...
Nück schien sich nicht im mindesten ärgern zu wollen. Er machte sogar Miene schweigend wieder zu gehen. Dennoch konnte er nicht umhin, noch fallen zu lassen:
Delring – hm – austreten? Piterchen, Piterchen! Welche Garantieen gibst du denn deinen Geschwistern?
Garantieen?
Delring glaubst du, geht nach Bremen und wird da ein Geschäftchen mit Cigarren oder Europamüden etabliren? Ich meine, er bleibt doch wohl hier, fängt ein eigen Geschäft an, nimmt unsere besten Verbindungen mit; Farbhölzer sind seine Lieblingsbranche; die Lederhändler von Malmedy besucht er persönlich – Wie gesagt, ich dächte, es wäre besser – es bliebe beim Alten und die kleine allerliebste Blondine kochte dir nach wie vor Kamillentee, wenn dir schlecht ist, Piterchen –
Spott verbitt' ich mir! rief Piter und griff zur Flasche, um einschenkend zu zeigen, dass der Schwager mit einem mann sprach ...
In der Tat! Ein gemütlicher Junge warst du von je! fuhr Nück ohne Schonung fort. Und zum Berge Karmel liess' ich das hübsche Ding an deiner Stelle doch auch nicht so oft gehen! Pfarrer Roter entdeckt so viel Sünden an ihr, dass er vorzieht, ihr jetzt die beichte bei sich zu haus abzunehmen!
Piter hätte sein gefülltes Glas jetzt nehmen und es vor Zorn über eine Tatsache, die ihm selbst schon lange höchst befremdlich war, an den Kamin werfen mögen ...
Die Splitter und die schönen gelbseidenen neuen Sessel bedenkend, trank er es lieber aus, setzte es dann aber kräftiglich auf den Sims und stand wie ein Löwe ...
Nück brach ab von diesem reizbaren gegenstand und kam nur auf seine Besorgnisse wegen Delring's Austritt zurück ...
Gib dem Hofrat ein gutes Wort! sagte er ...
Nimmermehr! antwortete Piter, versöhnt durch ein Stichwort auf den Schwager ...
Ich will es statt deiner tun! Du weisst, ich bin sonst kein Freund von dieser geleckten Sorte –
Ich v e r j a g ' ihn ja nicht!
Dir wär' es lieber, er lebte dir nahe genug, um dich immer bewundern zu können! Indessen – Piterchen – ich trau' dem Zeitgeist nicht –
Wie so?
Unserm ganzen Jahrhundert nicht! Wenn ihr einmal alle so dasässet, ihr altehrwürdigen Firmen, mit ein paar Commissionen und Speditionen und zuletzt trotz eurer Alongenperrüken nichts weiter hättet, als ein paar Feuerversicherungsagenturen –!
Hahaha! kommt bei uns nicht vor! versicherte Piter und wurde immer sicherer durch die gemütliche Sprache des Schwagers, der überhaupt in neuerer Zeit, schon seit der Gefangennehmung Hammaker's, vielfach verändert war und erst seit der Hinrichtung desselben wieder etwas auftaute ...
Weisst du, Söhnchen, sagte er, ohne darum aufzuhören nach der Tür zu lauschen; weisst du, ich habe immer eine fatale Ahnung von einer ungeheuer Weltverschwörung der Juden gegen die Christen! Pater Sebastus schrieb das einmal in seinen früheren Artikeln, die mir immer aus der Seele kamen! Jetzt ist der arme censurirte Chrysostomus nicht mehr wiederzuerkennen, falls die anonymen "Stufen-Briefe vom Kalvarienberge des Lebens" von ihm sind. Ahasver, siehst du, das ist, sagte er einmal – Rotschild! Der alte Kurfürst von Hessen nämlich, weisst du, Piter, der mit dem Zopf – Kerl, trink doch nicht so viel! ... Piter hatte wieder eingeschenkt vor Behagen über eine so gelehrte Unterhaltung, deren er gewürdigt werden konnte ... Jener Kurfürst, der sein durch amerikanischen Menschenhandel erworbenes Geld dazumal in Frankfurt am Main von dem alten Amschel und – ich glaube – einem Bäcker Binding auf der Fahrgasse hat vergraben lassen, als Napoleon so gern draus wieder Soldaten geschmolzen hätte – früher, verstehst du, Piter, war umgekehrt das Geld aus Soldaten geschmolzen worden! – also – Hast doch "Kabale und Liebe" schon gesehen –? also der alte Stammhalter der morganatischsten aller Dynastieen sag' ich – Piter, was morganatisch ist, das musst du doch wissen?
Piter war in vollkommener Harmonie mit dieser Behandlung, die ihm die Ehre wissenschaftlicher Erörterungen gönnte. Und da sich bei ihm jetzt Denken mit der Hitze der Beleuchtung von aussen und der Erwärmung von innen verband, so stand er, wie eingeweiht in alle Geheimnisse der Erde und der Conversations-Lexika und nickte bejahend. Er war vollkommen jetzt der "grosse Charakter", der er auch zu bleiben gedachte, auch wenn er wirklich von sich hätte eingestehen müssen, dass ihm als Ehegattin "ein Mädchen aus dem volk" lieber wäre als