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andern drei Finger hinüberzulegen; sonst sieht's aus, als wenn ihr euch hier zu haus fühlt ... Das war früher so, Joseph, – lasst den Alten vor! Guten Abend, Joseph! –, früher, wenn V a t e r Gesellschaft gab! Verstanden? Diese Vertraulichkeit von Dienstboten: "Bitte, Herr Timpe oder bitte Herr Schmitz oder bitte Herr de Jonge, greifen Sie doch zu! Warten Sie, Herr Effingh, ich hole Ihnen noch ein Stück Rehrücken! Oder: Nehmen Sie das, Herr Maus, das ist ein hübsches Mittelstück!" Und dann so hineinlangen, Joseph, und wohl gar Herrn Moppes selber etwas vorlegen! Joseph, Joseph, Joseph! Die zeiten sind gewesen, Joseph! ... Und den Hals einer Flasche greift ein Diener n i e an! Nie! Nie!

Ja wohl, Herr Kattendyk! rief der Chor im stürmischen Einklang ...

Alle diese Bemerkungen hatten, da sie durch energische Demonstrationen unterstützt werden mussten, naturgemäss das Leeren eines vierten der allerdings nur kleinen Gläser zu Wege gebracht ...

Eben war Piter im Begriff, seine ihm inzwischen vogelleicht gewordene, wie mit Schwingen begabte luftige Gestalt noch einmal die hintere Wendeltreppe hinaufzuschnellen, als die Diener die Türen aufrissen und einen Mann eintreten liessen, von dem allen bekannt war, dass er in die vornehmsten Gesellschaften, auf Bälle, Diners und Soupers immer nur im grauen Ueberrock kam, Herrn Dominicus Nück.

Eine gedrungene, breitschulterige Gestalt war es, anfangs der Fünfziger, mit grauem, kraus verworrenem Haar, das in der Mitte eine kleine Glatze zeigte. Die starken Backenknochen, Schläfe, Kinn, alles bezeugte eine gewaltige Kraft, die durch eine scheinbare Lässigkeit gemildert wurde. Die dunkelbraunen Augen lagen in den von langen, fast zottigen und gleichfalls schon ergrauten Brauen beschatteten Höhlen mit einem unheimlich und tief versteckten Feuer. Die Haut des Antlitzes war von Blatternarben entstellt. Nück musste sich jeden Morgen selbst rasiren; die Barbiere hatten eine zu gefährliche Operation, um mit ihrem Messer durch die vielen Hügel, Verhacke und Versenkungen seines Gesichtsterrains hindurchzukommen. Und doch gab es einige Zierlichkeiten an dem vielgefürchteten mann. Kleine Füsse, weiche hände, ja sogar unter dem immer gleichen grauen Ueberrock mit silbernen Knöpfen nur weisse Westen und über diesen weisse Battistalstücher, weit und bauschig um den Hals geschlungen, diesen Hals, der allerdings empfindlich sein durfte nach dem bekannten verhältnis mit Hammaker.

Nück sah sich spähend um und erwartete wahrscheinlich seinen jungen Schwager noch nicht zu finden, der eben einige Körbe voll Wein von einem der in Livree gesteckten Hausknechte noch in die hintern Zimmer tragen lassen wollte, wo bereits die zahllosen Gläservorräte aufgehäuft waren. Piter hatte sich nach dem Vorfall mit Delring vor dem Wiedersehen des Schwagers gefürchtet. Da der Schwager aber auch gegen diesen Gesellschaftsabend gewesen war und dennoch eben in eigener person erschien, fasste er Mut und begrüsste ihn mit einer schmunzelnden Vertraulichkeit ... Nück, der ihn nicht erwartete, fuhr fast vor ihm zurück und sagte im Volksdialekt der Stadt: Guten Abend, Piterchen!

Nück's Cynismus ging bis zur Verachtung aller Bildung, durch deren Geringschätzung er viele Menschen um so zutraulicher machte. Selbst vor Gericht sprang er oft, zum jubel der Zuhörer, in den Volksdialekt über, wo ihm der Sieg dann fast nie fehlschlug. "Wir Gelehrte" betonte er den Processführenden nie anders, als ob er damit sagen wollte: Wir Esel. Bei alledem vernachlässigte er nichts, was zur Bildung gehört. Er kaufte Bücher und las sie sogar. Er schrieb vortreffliche Broschüren über die gelehrtesten fragen des Privat- und Lehnrechts und las Nachts oft bis zum frühesten Morgenwer sollte es glaubenRomane. Dann schlief er bis elf Uhr und eilte in seine Termine. Eine Gewohnheit, die er vor längern Jahren einmal angenommen hatte, Tag in Nacht und Nacht in Tag zu verwandeln, konnte er nicht durchführen; zwei Jahre lang war das Mittagessen sein erstes Frühstück und das Nachtessen sein Mittagsmahl gewesen.

Sind das deine Reservebataillone? sprach er im gemütlichsten Schlendrian und mit Belächeln der glänzenden Vorrichtungen und der nun schon immer vollständiger sich entwickelnden Beleuchtung ...

Piter, entzückt von der friedlichen Gesinnung des ihm zuweilen so aufsätzigen Schwagers, offerirte von diesen Bataillonen und schenkte vom feurigsten Burgunder eine vorläufige Vedette ein ...

Nück bemerkte davon nichts ... Er bürstete seinen Hut, der heute sogar ein neuer war, und sah nur nach rechts und links, horchte und spähte, ob ausser Pitern und den Dienern nicht vielleicht sonst jemand in den glänzenden Zimmern war ...

Dies Benehmen nahm Piter für aufrichtigste Zustimmung und offerirte die Gläser zum Anstossen.

Jetzt aber nahm Nück doch eine feierliche Miene an und sagte mit einem nicht unangenehmen Organ:

Piter, Piter! Eine Schande! Freude und jubel hier, wo die Welt in Trauer lebt!

Aber schon blätterte er dabei in den Noten und schien so abwesend, dass Piter diesen Gegenstand für abgemacht erklären konnte und dem Schwager wiederholt sein Glas Burgunder anbot ...

Nück lehnte nicht ab. Er nippte ein wenig. Piter, glückselig, sich heute nicht als Knabe von dreizehn Jahren, sondern als Mann und vollkommen ebenbürtig behandelt zu sehen, schüttete sein ganzes Glas hinunter ...

Mama noch bei der Toilette? fragte Nück forschend und bemerkte jetzt, dass Piter von einer eigentümlichen Elasticität war. Piter hielt sich, da die Dinge dieser Erde ihm plötzlich etwas wirblich