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und lachte innerlich, er wusste nicht worüber. Er schenkte sich und dem Freunde von dem inzwischen gekommenen Cognakvorrat eine fernere Herzstärkung ein ... Warum wollt ihr denn nicht hinten im Saal singen, ihr lieben Leute? fragte er mit einer träumerischen Gelassenheit und dabei hin- und herziehend an seinem Frack und sich am Knacken der Nähte erfreuend ...

Ein Männerquartett bedarf eines engern Raumes! Wir singen ohnehin Schweizerecho! Hier etabliren wir uns!

Damit ordnete Moppes einen Tisch und legte viele andere schon vorausgeschickte Noten zurecht ... Immer räuspernd und seinen Katarrh verwünschend lehnte er den Bescheid auf den ihm servirten Cognak ab, was Pitern nicht hinderte, sein zweites Glas zu nehmen und es zu leeren auf das classische Gelingen des von Moppes entworfenen musikalischen Programms ... Auch kam eben ein grosser Kasten an mit einer Ventiltrompete, die ein berühmter Künstler blasen sollte ... Auch das Pianoforte, zur Begleitung der gegenwärtigen Primadonna des Stadtteaters, wurde von Moppes anders gerückt und gerade so, wie es heute früh Piter's Schwester, Johanna, die musikalisch war, für zweckmässiger erachtet hatte. Ihr hatte Piter gesagt, dass sie sich erstens nicht lächerlich machen möchte und das Publikum ennuyiren mit ihren hundertmal gehörten Etuden, dann aber, dass sie den Flügel ruhig da stehen lassen sollte, wo er ihn hingerückt hätte, allen Widersprüchen über Schallwirkung und Resonanz mit brüderlicher Liebe ein einfaches: "Raisonnir' nicht!" entgegensetzend. Moppes aber bestätigte gerade das, was Johanna Kattendyk gesagt hatte. Still für sich hin empfand Piter eine Art Beschämung und musste lächelnnämlich über die Autorität, die er selbst in verkehrten Dingen hatte. Er war in der Tat ein Tyrann. Das schmeichelte ihm und befriedigt nahm er einen dritten Cognak.

Moppes plauderte viel Gutes über die Sängerin. Sie war eine jener Provinz-Malibrans, die niemand mehr zu würdigen wusste, als Löb Seligmann. Fünf Louisdor bekam sie für den Abend und Piter beschloss, ihr sechs zu schicken. Die Sängerin war berühmt in der Kunst, bockgerechte Triller zu schlagen. Ihre stimme gab man auf, aber man rühmte ihre "Schule", besonders die Kunst, in einem Septett in die Untiefen eines spurlos verlorenen Ensembles mit einem einzigen mutig eingesetzten hohen Cis hülfe und Rettung zu bringen. Ausdrücklich bedungen war die Arie: "Ocean, du Ungeheuer!" aus Weber's "Oberon".

Piter nickte zu allem, lächelte, schlänkelte, auf einem stuhl sitzend, mit den zierlichen Beinen und spielte mit dem Krystallstöpsel der schöngeschliffenen Cognakflasche ... Die sehnsucht nach der achten Stunde sprach sich in einem gewissen Blicke aus, der wie der eines Sehers in die Flammen eines inzwischen nun doch "zur probe" angezündeten Kronenleuchters gerichtet war. Er gedachte vielleicht, als Moppes von jener Arie sprach, Pyrmonts und was sonst schon auch für ihn im Leben "ungeheuerer Ocean" gewesen war ...

Moppes befand sich noch nicht in Toilette. Seine Hingebung an Piter's Abend war bewunderungswert. Bekanntlich war der erste Küfer seines Hauses, Stephan Lengenich, als Unruhstifter eingezogen und nicht unwahrscheinlich hatte sich Joseph den Katarrh in den Kellern seines Hauses geholt. Ihn sich in der Hand mit dem Stechheber unter den Fässern zu denken, hinderte an dem ihm schuldigen Respect nicht das Mindeste. sechs weisse Zwillichhandschuhe griffen gleichzeitig nach der Tür, um sie Herrn Moppes junior zu öffnen, als dieser ging. Er entschlüpfte einem ihm nachgerufenen sentimentalen: Komm nicht zu spät! und liess nur noch das Wort zurück, das er auszurichten fast vergessen hätte, Tiebold de Jonge würde nicht kommen, mit Benno von Asselyn wäre er heute früh abgereist ...

Piter, auf Absagen vorbereitet, fand die Nichtachtung seines Abends gerade von dieser Seite doch "sonderbar" und erhob sich in gereizter Stimmung. Aufs neue einschenkend, wenn auch nicht trinkend, nahm er, um seinen Aerger zu verwinden, die Heerschau über seine Truppen ab. Er hätte eine Armee commandiren können, so mächtig rollte es durch seine Adern. Seine imperatorischen Anweisungen gingen auf die Beleuchtung, auf die Bedienung beim Tee, auf die Stille während der Musik, auf die Tische der Whistspieler in einem der hintersten Zimmer, auf das Arrangement der kleinen Gruppen, denen das Nachtmahl zu serviren war, und vorzugsweise auf die Vermeidung aller plumpen Formen des Einschenkens. Obgleich die Zuhörer zu allem, als wenn sein Gesagtes sich von selbst verstünde: Ja wohl, Herr Kattendyk! erwiderten, konnte er doch nicht umhin die Moppes'sche Teorie mit Feuer zu wiederholen:

Einschenken und einschenken ist ein Unterschied! rief er. Der Stand des Herrn und Dieners unterscheidet auch die Art, wie man die Flasche angreift! Beim Beginn eines Diners oder Soupers, aufgepasst, greift der Herr, wie der Diener, die Flasche immer am untern leib an! Verstanden? Der Herr legtalles das machte er an der etwas schwierigen Form der Krystallflasche nachden Zeigefinger bis an die Taille der Flasche, das ist sein Vorrecht! Untersteh' sich das jedoch von euch Niemand! Verstanden? S o darf Ich einschenkentretet heran! – Ich als Herr! Ruhe! Mit dem Zeigefinger darf ich die Flasche drücken! Das bedeutet Nonchalance, "Gerngegeben" und eine gewisse Mässigung, gleichsam als wollt' ich sagen: Es kommt weder mir noch meinen Gästen darauf an, ob sie wasser oder Lafitte trinken! Ihr aberIhr habt den Zeigefinger an die